Blässgans

Anser albifrons

Die Blässgans ist im Neusiedler See-Gebiet ein regelmäßiger Durchzügler und Wintergast. Die Art ist von November bis in den März vor allem an den klassischen Gänsestrich-Gewässern wie der Langen Lacke zu beobachten, die - Wasserführung vorausgesetzt - von mehreren tausend Blässgänsen als Schlafplatz genutzt wird.

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Merkmale

Die Blässgans ist dunkel gefärbt mit graubraunen Farbtönen. Erwachsene Vögel haben eine weiße Blässe, die von der Schnabelwurzel bis zur Stirn reicht. Das beste Erkennungsmerkmal im Flug ist sicherlich der deutlich hellere Bauch, mit unregelmäßigen schwarzen Querflecken/bänder. Nur die Jungvögel haben diese Bauchstreifen und die Stirnzeichnung („Blässe“) im Herbst noch nicht oder kaum. Der Schnabel der erwachsenen Blässgänse ist rosa (bei Jungvögeln schwarz), die Füße sind orange. Der Ruf der Blässgans ist charakteristisch: ein, im Vergleich zur Graugans höheres und schneller vorgetragenes zweisilbiges "Kli-lick, kil-lick".

Lebensräume

Die Brutgebiete der Blässgans liegen in der fast vegetationsfreien arktischen Tundra bis hin zur Strauchtundra. In ihren Brutarealen ernähren sich Blässgänse überwiegend von den vegetativen Teilen von Seggen und Gräsern. Sie fressen außerdem die Samen vieler Pflanzen und weiden auch auf Wintersaaten. Rastende und überwinternde Blässgänse benötigen zum einen große, störungsfreie Wasserflächen als Schlafplatz, sowie im Umkreis dieser Übernachtungsplätze geeignete Nahrungsflächen. In den 1980er und 1990er Jahren nutzten die damals noch vorwiegend an der Langen Lacke übernachtenden Blässgänse im Gegensatz zur Saatgans im Herbst zu ca. 60 % Wintergetreide, zu ca. 30 % Stoppeläcker und zu ca. 10 % Raps. Im Frühjahr hielten sich die Blässgänse zu fast 100 % in Wintergetreide auf. Die ab 2001 durchgeführten Untersuchungen ergaben diesbezüglich folgendes Bild: Im Herbst und Frühwinter konzentrierten sich die Gänse im Seewinkel vor allem auf die großen Ackerflächen, in Bereichen, wo größere Maisstoppelfelder neben Wintergetreidefeldern zu finden sind. Im Spätwinter (Februar) verteilten sich die Gänsetrupps dann stärker im Gebiet und nutzen fast ausschließlich Wintergetreide und Hutweiden.

Vorkommen

Global und national

Die Blässgans ist in Mitteleuropa Wintergast, im Norden Eurasiens und Nordamerikas hingegen ist sie als Brutvogel sehr weit verbreitet. Die in Europa überwinternden Vögel gehören der Unterart albifrons an, die in den Tundragebieten Nordrusslands von der Kanin-Halbinsel im Westen bis zum Kolyma-Delta in Ostsibirien brütet. Insgesamt hat die Blässgans in Europa seit den 1980er Jahren zugenommen, und man geht derzeit von rund 1.500.000 Individuen aus. Der Bestand der „pannonischen“ Population wird derzeit mit 110.000 Individuen beziffert. Die wichtigsten Überwinterungsplätze dieser „pannonischen“ Vögel liegen in Ungarn, Tschechien, Österreich und wohl auch in Serbien.

Wanderungen

Blässgänse sind Zugvögel. Von den eurasischen Brutgebieten fächern sich fünf Zugwege über dem europäischen Russland auf, die in die europäischen Winterquartiere führen. Während früher fünf separate Überwinterungs-Populationen unterschieden wurden zeigten Untersuchungen in den 1990er Jahren, dass es zwischen diesen häufig zu Austausch kommt, und sich ganze Populationsteile rasch verlagern können.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

Die Blässgans ist im Neusiedler See-Gebiet ein regelmäßiger Durchzügler und Wintergast. Allerdings hat sich das phänologische Auftreten der Blässgans im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel in den letzten Jahrzehnten drastisch geändert. In den 1950er Jahren konnten regelmäßig 40.000 - 50.000, ausnahmsweise bis zu 100.000 Blässgänse im Neusiedler See Gebiet festgestellt werden.

Aktuelle Erhebungen

In den 1980er Jahren war die Art nur mehr als Überwinterer in geringer Zahl (<5.000 Ind.) einzustufen, um sich in den jüngsten Jahren erneut zu einer häufigen Erscheinung im Gebiet zu "mausern". Die höchsten Zahlen wurden in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren im Spätwinter erreicht, zu einem Zeitpunkt bei dem die ersten Rückverlagerungen in Richtung Brutgebiet erfolgen, das Auftreten entsprach also mehrheitlich einem Heimzieher. Doch die letzten Winter zeigten, dass die Blässgänse nunmehr immer früher (November) in großen Zahlen auftreten und sich das Muster des Auftretens erneut ändern könnte, nämlich zu einem echten Überwinterer in namhafter Zahl. Diese Entwicklungen zeigen, dass bei Wildgänsen, zumindest bei Betrachtung einzelner Rastgebiete, es sich immer nur um Momentaufnahmen eines hochmobilen Systems handelt. Dies liegt daran, dass Blässgänse das gesamte West- und Zentraleuropa als großen Winterruheraum nutzen und die Schwerpunkte darin je nach Rahmenbedingungen (Störung, Nahrungsangebot, Klima) setzen.

Der Jungvogelanteil der im Neusiedler See-Gebiet durchziehenden Blässgänse schwankt beträchtlich von Jahr zu Jahr (Jungvogelanteil 2001/02 – 11,5%, 2002/03 – 27%, 2003/04 – 34%, 2004/05 – 31%, 2005/06 – 40%).  Er  spiegelt den Bruterfolg in den arktischen Brutgebieten wider, der wiederum eng mit den Lemmingbeständen und dem damit zusammenhängenden Prädatorendruck zusammen hängt. 

Die durchziehenden und überwinternden Gänse werden im Neusiedler See-Gebiet seit 1983 systematisch erfasst. Ab 2001 wurden die durchziehenden und überwinternden Gänse im Rahmen des „Vogelmonitoring im Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel“ (von J. Laber und MitarbeiterInnen für Österreich sowie A. Pellinger und MitarbeiterInnen für Ungarn) alljährlich von Oktober bis Februar gezählt. Eine erste Zusammenfassung und Auswertung dieser Zählungen wurde 2006 durchgeführt. Anhand der Abbildung sind die Zahlen der jährlich anwesenden Blässgänse genauer zu verfolgen: Die Zahl der durchziehenden Vögel im November lag zwischen 1983 und 1995 oft nur bei wenigen 100 Exemplaren und erreichte maximal 1.000 - 1.500 Vögel. Ab 1996 stiegen die Zahlen im Herbst rasch an, seither halten sich im November zwischen 2.000 und 19.000 Exemplare im Gebiet auf, im November 2005 waren es sogar über 38.000. Auch im Jänner kam es zu einem starken Anstieg von zumeist unter 5.000 bis 1993 auf 2.000 - 15.000 ab 1994 mit Maxima von 27.000 im Jahr 2005 und sogar 34.000 im Jahr 2001. 2006 - 2010 wurden im Frühwinter weiterhin ansteigende Zahlen registriert, wenn gleich der Zuwachs nur mehr weniger stark ausfällt. Von 2011 - 2013 setzte sich der Trend fort, im November 2012 wurde eine Rekordzahl von fast 38.000 Blässgänsen gezählt. Die Zahlen der überwinternden Gänse zeigten im Zeitraum 2007 - 2013 nochmals einen deutlichen Anstieg. Zwischen 2001 und 2006 lagen sie im Schnitt bei 17.000 Vögeln, zwischen 2007 und 2013 bei 30.000, was einem Anstieg um 40 % entspricht. Das absolute Maximum wurde im Jänner 2012 mit fast 52.000 Blässgänsen im gesamten Neusiedler See Gebiet erreicht.

Die Blässgans nutzte bis in den Winter 2000/2001 den Schlafplatz an der Langen Lacke sehr stark mit im Schnitt 50 % des Bestandes, die übrigen Vögel rasteten im Südteil des Neusiedler Sees. Ab 2001 verlor die Lange Lacke wegen der stark gesunkenen Wasserstände ihre Bedeutung als Schlafplatz für die Art weitgehend, dafür gewann der Südteil des Neusiedler Sees weiter an Bedeutung und auch am St. Andräer Zicksee im Seewinkel etablierte sich ein Schlafplatz. 2001 - 2013 nutzten im November 43 % der im Gebiet rastenden und überwinternden Blässgänse den Neusiedler See als Schlafplatz, im Dezember lag diese Zahl bei 58, im Jänner sogar bei 69 Prozent.

Der starke Anstieg der Blässgans-Populationen konnte auch in anderen Rastgebieten (z. B. am Niederrhein) festgestellt werden und wird neben der Intensivierung der Jagd in Ostdeutschland bei gleichzeitiger Beruhigung in Niedersachsen und in den Niederlanden auch auf Änderungen in der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zurückgeführt.

Bedeutung des Vorkommens

Der Neusiedler See ist einer der wichtigsten Rast- und Überwinterungsplätze für die Art in Mitteleuropa. In Österreich ist er das bei weitem wichtigste regelmäßig von Blässgänsen frequentierte Gebiet.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Am besten sind die Blässgänse unter Tags bei der Nahrungssuche zu beobachten. Im Herbst und Frühwinter konzentrieren sich die überwinternden Gänse im Seewinkel vor allem auf die großen Ackerflächen nördlich des Sankt Andräer Zicksees, auf den Bereich zwischen Arbestau und Zwikisch und den nördlichen Hanság. Im Spätwinter (Februar) verteilen sich die Gänsetrupps dann stärker im Gebiet und nutzen fast ausschließlich Wintergetreide und Hutweiden. Gegen Mittag fliegen sie von den Nahrungsflächen in kleineren und größeren Trupps zum Trinken an die Lacken, wo man sie auf den freien Wasserflächen gut beobachten kann. Will man allerdings große Scharen rastender und überwinternder Gänse sehen, empfiehlt es sich an der Langen Lacke den berühmten „Gänsestrich“ zu beobachten, wenn hunderte und tausende Bläss- und Graugänse mit großem Geschrei zu ihren Schlafplätzen einfliegen. Nur in strengen Wintern, wenn alle offenen Wasserflächen gänzlich zugefroren sind, verschwinden die Gänse aus dem Gebiet.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Faktoren, die die Verteilung und Gebietsnutzung der Blässgans negativ beeinflussen können sind die Jagdausübung, Vergrämung auf landwirtschaftlichen Kulturen sowie die nur mehr unregelmäßige Wasserführung des ehemals wichtigsten Rast- und Schlafplatzes auf österreichischer Seite des Neusiedler See Gebiets.

Zu den Maßnahmen, die die Sicherung der Störungsfreiheit der Rastplätze gewährleisten, gehört sicherlich, dass der Einfluss der Bejagung auf rastende und überwinternde Blässgänse auf österreichischer Seite des Neusiedler See-Gebiets im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen laufend evaluiert werden sollte, um bei Bedarf die Jagdzeiten auf die Anwesenheit der Blässgänse abzustimmen.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Dick, G. (1994): Gänse. Pp. 75-90 in G. Dick, M. Dvorak, A. Grüll, B. Kohler & G. Rauer: Vogelparadies mit Zukunft?. Ramsar-Bericht 3 Neusiedler See - Seewinkel. Umweltbundesamt, Wien. 356 pp.

Fox, A.D., B.S. Ebbinge, C. Mitchell, T. Heinicke, T. Aarvak, K. Colhoun, P. Clausen, S. Dereliev, S. Farago, K. Koffijberg, H. Kruckenberg, M.J.J.E. Loonen, J. Madsen, J. Mooij, P. Musil, L. Nilsson, S. Pihl & H. van der Jeugd (2010): Current estimates of goose population sizes in western Europe, a gap analysis and an assessment of trends. Ornis Svecica 20: 115-127.

Laber, J. & A. Pellinger (2008): Die durchziehenden und überwinternden Gänsebestände der Gattung Anser und Branta im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel Egretta 49: 35-51.

Laber, J. & A. Pellinger (2011): Die durchziehenden und überwinternden Gänse im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel in den Winterhalbjahren 2006/07 bis 2010/11 Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 22: 1-8.

Madsen, J., G. Cracknell & T. Fox (Hrsg, 1999): Goose Populations of the Western Palearctic. A review of status and distribution. Wetlands International Publication No. 48. National Environmental Research Institute, Denmark.