Flussregenpfeifer

Charadrius dubius

Der Seewinkel ist eines der drei bedeutendsten Brutgebiete Österreichs und der vermutlich wichtigste Rastplatz des Flussregenpfeifers in Ostösterreich. Die Brutpopulation des Seewinkels ist eine der größten, die im Binnenland Mitteleuropas noch einen natürlichen, primären Lebensraum besiedelt.

mehr erfahren...

tl_files/images/Tiere und Pflanzen/Arteninfos/Voegel/Flussregenpfeifer_infotab.png

Merkmale

Die Oberseite des Flussregenpfeifers ist braun, die Unterseite weiß gefärbt. Der vordere Teil des Kopfes ist schwarz-weiß gezeichnet, an den Halsseiten findet sich ein schmales, im Brutkleid geschlossenes Halsband. Der kurze Schnabel ist dunkel und die Beine sind braungelb gefärbt. Der Flussregenpfeifer hat einen charakteristischen gelben Augenring, an dem er vom ähnlichen, aber größeren und hinsichtlich der Gestalt und gewisser Gefiedermerkmale unterscheidbaren Sandregenpfeifer zu unterscheiden ist. Der oft zu hörende Ruf am Brutplatz klingt in etwa wie „piiuuu“.

Lebensräume

Der Flussregenpfeifer besiedelt ebenes, vegetationsarmes Gelände mit grobkörnigem Substrat in Form von Kies und Schotter; seine Lebensräume liegen immer an oder in der Nähe von seichten Süß- oder Brackgewässern. Sein ursprüngliches Bruthabitat stellen wohl die Schotterbänke natürlicher Fließgewässer dar, oder ähnlich strukturierte Ufer stehender Gewässer. Heute brütet nur mehr ein sehr kleiner Prozentsatz aller Flussregenpfeifer in solchen primären Lebensräumen. Der Rest musste sich auf anthropogen geschaffene und beeinflusste Standorte wie Schotter- und Kiesgruben, Großbaustellen, abgelassene Teiche; Absetzbecken oder steinige, überflutete Äcker und unversiegelte Parkplätze spezialisieren. Solche Ersatzbiotope unterliegen, wie zumeist auch der natürliche Lebensraum, einer beträchtlichen, in diesem Fall aber vom Menschen beeinflussten Dynamik und können schon nach oder sehr wenigen Brutsaisonen wieder unattraktiv werden. Die Brutpopulation des Seewinkels ist eine der größten, die im Binnenland Mitteleuropas noch einen natürlichen, primären Lebensraum besiedelt.

Verbreitung

Global und national

Der Flussregenpfeifer besiedelt ein sehr ausgedehntes Brutgebiet sowohl in der paläarktischen als auch in der orientalischen Faunenregion. Im Hochland von Neuguinea stößt die Art sogar in die Australis vor. Flussregenpfeifer brüten in allen Ländern Mitteleuropas, wobei sie in den Mittelgebirgslagen und den Alpen nur ausnahmsweise vorkommen und Höhenlagen von mehr als 800 - 900 Metern kaum überschreiten. Der mitteleuropäische Gesamtbestand wird aktuell auf etwa 13.000 bis 19.500 Brutpaare geschätzt.

Der europäische Gesamtbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf etwa 110.00 bis 240.000 Brutpaare geschätzt. Europäische Länder mit einem Bestand von mehr als 5.000 Brutpaaren sind Russland (europäischer Teil), Weißrussland, Ukraine, Frankreich und Deutschland.

Wanderungen

Der europäische Brutbestand des Flussregenpfeifers wird einer Population zugeordnet, die in breiter Front über Spanien und Italien nach Afrika zieht und dort südlich der Sahara überwintert. Nicht dieser Population zuzurechnen sind die russischen, türkischen und wohl auch griechischen Vögel, die alle einer südwestasiatischen Population angehören. Die Brutvögel Ostösterreichs dürften wohl über die Po-Ebene und Tunesien ziehen, wie auch für bayrische und südmährische Brutvögel durch Ringfunde belegt ist.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wurde der Flussregenpfeifer als „seltener, jedenfalls aber als durchaus nicht häufiger Brutvogel“ bezeichnet. Zu Beginn der 1940er Jahre wurde der Status der Art wie folgt beschrieben: „Der Flussregenpfeifer ist ein zwar regelmäßiger, aber etwas spärlicher vorkommender Brutvogel der an Zahl gegenwärtig ganz erheblich hinter dem Seeregenpfeifer zurückbleibt, obwohl er zeitweise dessen Häufigkeit erreicht oder übertroffen haben mag“. In den frühen 1950er Jahren wurde die Art als „verbreiteter, doch nicht häufiger Brutvogel“ an den Lacken des Seewinkels bezeichnet. In den 1950er und 1960er Jahren wurde der Brutbestand des Seewinkels wurde auf 20 - 25 Paare geschätzt. In den Jahren 1986/87 wurden an den Lacken 47 bzw. 35 Paare, inklusive Kiesgruben und Seevorgelände bis zu 68 Paare, erfasst. 1995 wurden bei systematischen Untersuchungen mindestens 41 Paare an den Lacken festgestellt. Im Zeitraum 1995 - 2001 wurden im Seewinkel im Rahmen systematischer Lackenzählungen etwa 40 - 60 Paare festgestellt.

Aktuelle Erhebungen

Der Brutbestand wurde seit 2001 nicht mehr systematisch erfasst, doch zeigen die im Rahmen anderer Erfassungsprogramme gesammelten Daten, dass sich dieser wahrscheinlich nach wie vor in der Größenordnung der Jahre 1995 - 2001 befindet.

Der Einzug der Brutvögel beginnt mit einzelnen Vögeln Anfang März. Erst ab Anfang April tritt die Art dann in größerer Zahl im Seewinkel auf. Ende April dürfte der Brutbestand dann vollzählig anwesend sein. Ein darüber hinausgehender Frühjahrsdurchzug ist nicht festzustellen. Eine Spezialität des Seewinkels ist der, 1995 - 2001 gut dokumentierte Zuzug von Altvögeln im Juli, mit Zahlen von regelmäßig 150 - 200 Exemplaren. Ob es sich bei diesen Zuzüglern um Mausergäste aus benachbarten Brutgebieten handelt(e), oder um Durchzügler aus weiter nördlicher gelegenen Brutgebieten, kann nicht gesagt werden, doch ist die Existenz eines zumindest lokal bedeutenden Mauserplatzes im Gebiet wahrscheinlich. Offensichtlich war dieser Mauserzug eine Entwicklung der letzten 20 Jahre, denn für die 1960er und 1970er Jahre werden als Maximalbestände lediglich 40 - 50 Individuen angegeben und zwar Ende August, also zum Zeitpunkt des Jungvogelzuges. Erst für die Jahre 1985 - 1988 wurden Anfang August höhere Tagessummen angegeben. Man kann also davon ausgehen, dass sich der Seewinkel erst im Verlauf der 1970er und 1980er Jahre zu einem Mauserplatz entwickelte. Im Verlauf des Septembers nimmt der Durchzug dann laufend ab, im Oktober sind nur mehr wenige Vögel festzustellen. 1995 - 2001 waren im Juli insgesamt (Alt- und Jungvögel) regelmäßig 250 - 300 Exemplare vorhanden, im August lagen die Zahlen dann niedriger, bei 150 - 250 und im September waren es Anfang des Monats noch 150, zu Ende dann nur mehr um die 30. Im Oktober wurden immer nur 10 oder weniger Vögel erfasst.

In den Jahren 2011 - 2014 wurden in drei Jahren am Heimzug im April, Zahlen von 32 - 52 Exemplaren festgestellt, also durchaus im Rahmen der früheren Erhebung. 2012 kam es allerdings Anfang des Monats zu einer ganz ungewöhnlichen Ansammlung von 298 Exemplaren im Seewinkel, ein Phänomen, dass nur dieses eine Mal festgestellt wurde und offensichtlich auf einen Zugstau zurückzuführen war. Der oben beschriebene vermutliche Mauserplatz dürfte 2011 - 2014 nicht mehr besetzt gewesen sein, denn es konnte nur mehr im Jahr 2013 Mitte Juli mit 134 Exemplaren eine größere Zahl festgestellt werden. Der Wegzug im September blieb in allen vier Untersuchungsjahren mit 30 - 90 Individuen zum Teil sehr deutlich unter der Werten der Jahre 1995 - 2001.

Bedeutung des Vorkommens

Der Seewinkel ist eines der drei bedeutendsten Brutgebiete Österreichs und der vermutlich wichtigste Rastplatz des Flussregenpfeifers in Ostösterreich. Die Brutpopulation des Seewinkels ist eine der größten, die im Binnenland Mitteleuropas noch einen natürlichen, primären Lebensraum besiedelt.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Flussregenpfeifer können von April bis September auf allen Lacken beobachtet werden, die zumindest teilweise kiesige oder schlammige Ufer aufweisen.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die Rastplätze im Seewinkel sind zumindest auf dem Papier als Teil des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel vor negativen Eingriffen geschützt. Allerdings kam es in den letzten Jahrzehnten aufgrund des, durch niedere Grundwasserstände verursachten „Lackensterbens“, zu einem nicht zu unterschätzenden Verlust sowohl an Brutplätzen als auch an Rastmöglichkeiten für brütende und rastende Limikolen. Diese besonders niedrigen Grundwasserstände in den oft über mehrere Jahre hinweg andauernden Trockenphasen sind vermutlich im Wesentlichen auf Wasserentnahmen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen zurückzuführen.

Langfristig ist daher die Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes der verbliebenen Salzlacken eine zentrale Maßnahme für den Flussregenpfeifer und alle anderen brütenden und durchziehenden Limikolen im Seewinkel. Dazu zählt auch die Renaturierung von bereits degradierten Salzlacken.

Weiterführende Literatur

Braun, B. (1996): Bestandsgröße, Habitatwahl und Bruterfolg des Seeregenpfeifers (Charadrius alexandrinus) im Seewinkel (nördl. Burgenland). Dipl. Arb., Karl-Franzens-Universität Graz, 99 pp.

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Kohler, B. (1988): Die Brutbestände von Flußregenpfeifer (Charadrius dubius), Seeregenpfeifer (Charadrius alexandrinus), Uferschnepfe (Limosa limosa) und Rotschenkel (Tringa totanus) im Seewinkel in den Jahren 1986 und 1987. Biol. Forschungsinst. Burgenland - Bericht 66: 13-26.

Kohler, B. & J. Rauer (1989): Phänologie des Limikolendurchzugs 1985-1988 im Seewinkel. BFB-Bericht 72, 28 pp.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Seitz, A. (1942): Die Brutvögel des „Seewinkels“ (der "Burgenländischen Salzsteppe") am Ostufer des Neusiedlersees, Gau Niederdonau. Niederdonau / Natur und Kultur 12. Heft. Verlag Karl Kühne, Wien-Leipzig. 52 pp.

Winkler , H. & B. Herzig-Straschil (1981): Die Phänologie der Limikolen im Seewinkel (Burgenland) in den Jahren 1963 bis 1972. Egretta 24: 47-69.