Graugans

Anser anser

Die Graugans ist vor allem im Frühjahr in fast allen Bereichen des Nationalparks sehr gut beobachtbar. Für das gesamte Gebiet rund um den Neusiedler See werden über 1.500 Brutpaare angenommen, dazu kommt noch eine größere Zahl an nicht brütenden Gänsen. Vor allem in milderen Wintern können auch im Jänner über 10.000 Graugänse gezählt werden.

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Merkmale

Die Graugans kommt am Neusiedler See in zwei Unterarten vor. Die orangeschnäblige A. a. anser im Westen und die mehr rosaschnäbelige A. a. rubrirostris im Osten. Die Brutpopulation am Neusiedler See wird rubrirostris zugeordnet. Die beiden Unterarten sind aber relativ schwer voneinander zu unterscheiden, zumal das Neusiedler See Gebiet bereits im Grenzbereich der Unterarten liegt und es deshalb Mischformen gibt. Am Durchzug können beide Unterarten beobachtet werden. Ansonsten ist die Graugans deutlich heller als die anderen Gänse. Der Hals ist relativ dick und wirkt längsgestreift. Im Flug fallen die hellen Vorderflügel auf, der Bauch hat einige schwarze Flecken. Der am öftesten zu hörenden Ruf von überfliegenden Graugänsekeilen, ist das auch von Hausgänsen bekannte „ga-ga-ga“.

Lebensräume

Rastende und überwinternde Graugänse benötigen zum einen große, störungsfreie Wasserflächen als Schlafplatz, zum anderen im näheren Umkreis geeignete Nahrungsflächen. Im Spätwinter wird überwiegend Wintersaat genutzt. Für die Brutvögel sind danach in erster Linie der Schilfgürtel und die vorgelagerten Wiesen am Seerand und um die Lacken die wichtigsten Aufenthalts- und Nahrungsgebiete, die Nichtbrüter nutzen weiterhin auch Winter- und Sommergetreide. Ab Ende Juni können die Gänse Getreide-Stoppelfelder nutzen, danach kommen weitere Kulturen dazu, wobei abgeernteten Maisfeldern besondere Bedeutung zukommt. Im Spätherbst spielen dann wieder verstärkt Wintersaaten eine Rolle. Vor allem im Sommerhalbjahr und im Herbst werden auch Schilfsprosse (im Frühjahr) sowie die Knollen von Strandsimse und Teichbinse von den Graugänsen gefressen. Seit der Wiederausbreitung der Beweidung ab den späten 1990er Jahren kommt allgemein Grünland bei der Nahrungssuche der Graugans eine höhere Bedeutung zu als in den vorangegangenen Jahrzehnten, was der größeren Verfügbarkeit dieses Lebensraumtyps im Seewinkel entspricht.

Verbreitung

Global und national

Die Graugans ist in Europa außer im Südwesten (Iberische Halbinsel) ein weit verbreiteter Brutvogel und kommt hier in zwei Unterarten vor (siehe oben). Die Brutpopulation am Neusiedler See wird rubrirostris zugeordnet. Das Neusiedler See Gebiet liegt jedoch bereits im Grenzbereich der Unterarten, was sich im Auftreten von Mischformen äußert. Am Durchzug können beide Unterarten beobachtet werden, wobei eine quantitative Zuordnung nicht gemacht werden kann. Innerhalb Europas werden mehrere Populationen unterschieden, die auch unterschiedliche Winterquartiere besetzen. Abgesehen von den Brutvögeln von Island und den Britischen Inseln sind für Mitteleuropa in erster Linie die Populationen Nordwest- und Zentraleuropas relevant. Die zentraleuropäische Population, zu der auch die im Neusiedler See Gebiet brütenden, rastenden und überwinternden Graugänse gehören, besteht nach aktuellsten Angaben aus 56.000 Vögeln und hat sich im Vergleich zu den Zahlen der 1990er Jahre ungefähr verdoppelt.

Wanderungen

Bei den europäischen Graugänsen werden grob zwei Zugrouten unterschieden. Die Brutvögel Norwegens, Dänemarks, Norddeutschlands und Hollands ziehen der Küste folgend nach SW und gelangen über Frankreich bis nach Südspanien. Der Großteil der schwedischen Brutvögel folgt ebenso dieser Zugroute. Diese westliche Zugpopulation umfasst 500.000 Individuen bei steigendem Trend. Die östlicheren Brutvögel Finnlands, der baltischen Staaten, Polens, Tschechiens und Österreichs folgen einer Zugroute über Italien nach Tunesien und Algerien. Auch einige Vögel aus Ostschweden und Ostdänemark folgen diesem Zugweg. Die Trennung der beiden Zugsysteme ist Ringfunden zufolge keinesfalls scharf. Es kommt zu einem gewissen Austausch, der u. a. in den südschwedischen Mauserplätzen (Gotland) erfolgt. Diese Zugpopulation besteht aus 25.000 Individuen. Die in Ungarn brütenden Graugänse dürften in Ungarn überwintern bzw. auf die Balkanhalbinsel ausweichen (v. a. Serbien und Kroatien).

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war die Graugans am Südufer des Neusiedler Sees ein häufiger Brutvogel, und nach Angaben aus den frühen 1940er Jahren war die Graugans „nicht nur ein recht häufiger Brutvogel des Gebiets, sondern zog auch im Herbst und Frühjahr in nicht minder großen Scharen durch und dürfte in Jahren milderen Wetters z. T. auf dem See auch überwintern“. Zehn Jahre später bestätigten Bauer et al. diese Aussage. Ende der 1960er Jahre wurde der Bestand für den Seewinkel und das Ostufer des Sees auf 120 - 130 Paare geschätzt, während damals im gesamten Neusiedler See-Gebiet etwa 250 - 300 Paare vorgekommen sein sollen. In den beiden folgenden Jahrzehnten stieg der Brutbestand dann weiter an, Anfang der 1980er Jahre wurde (inklusive Ungarn) bereits ein Bestand von mehr als 400 Paaren angenommen und zu Beginn der 1990er Jahre wurde die Neusiedler See-Population auf etwa 400 Paare geschätzt.

Aktuelle Erhebungen

Danach gab es mehrere Jahre lang keine Arbeiten zum Graugans-Brutbestand, erst ab 2000 wurde der Brutpopulation im Rahmen einer Diplomarbeit an der Universität für Bodenkultur und durch das Vogelmonitoring-Programm des Nationalparks (B. Wendelin) wieder vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Im Jahr 2000 wurde aufgrund systematischer Erhebungen der Bestand im Seewinkel mit 300 Brutpaaren beziffert, während der Nichtbrüterbestand für dieses Jahr mit 700 - 800 Exemplaren angegeben wurde. Erhebungen des Brutbestandes durch das Nationalpark-Vogelmonitoring in den Jahren 2001 - 2005 ergaben für 2001 eine Zahl von mindestens 550 Brutpaaren. In den übrigen Jahren konnte, bedingt durch den, aufgrund der Trockenheit frühen Abzug der Brutvögel keine Gesamtzahl ermittelt werden. Die Zahl der Nichtbrüter lag zwischen 2001 und 2004 bei beachtlichen 2.803 - 3.632 Individuen.

In den Jahren 2011, 2012 und 2014 konnten im Rahmen des Projektes „Vogelmonitoring im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel“ (B. Wendelin & M. Dvorak.) wiederum systematische Bestandsaufnahmen der Brutpopulation durchgeführt werden. 2012 konnten bei der ersten Simultanzählung des österreichischen Seewinkels 6.475 Graugänse erfasst werden, darunter befanden sich 1.637 Gössel, die von insgesamt 485 Paaren geführt wurden. Dazu kamen noch weitere 859 Paare, die zum Zeitpunkt der Zählungen ohne Gössel angetroffen wurden. In den Jahren 2011 und 2012 konnten zusätzlich auch flächendeckende Erfassungen der Nichtbrüter im gesamten österreichischen Neusiedler See Gebiet durchgeführt werden. Dabei wurden 2011 4.971 Ind. im Seewinkel und 2.216 am Nord- und Westufer des Sees gezählt; 2012 waren es 6.681 bzw. 1.252 Exemplare. Der Gesamtbestand an Nichtbrütern lag 2011 bei 7.187 und 2012 bei 7.933 Gänsen. 2014 wurde am 9.5. eine weitere Simultanzählung im Seewinkel durchgeführt, die für den Seewinkel 993 Gössel führende Paare ergab. Dazu kamen noch 1.057 weitere Exemplare. Am Westufer des Neusiedler Sees wurden zusätzlich noch weitere 76 Paare mit Jungvögeln erfasst.

Die Ergebnisse der 2012 und 2014 durchgeführten Bestandsaufnahmen zeigen, dass der derzeitige Brutbestand der Graugans im österreichischen Teil des Neusiedler See Gebiets bei 1.200 - 1.500 Paaren liegt. Zur selben Zeit auf ungarischer Seite durch A. Pellinger durchgeführte Bestandsaufnahmen ergaben für das Jahr 2011 knapp über 300 Brutpaare. Der Gesamtbestand des Neusiedler Sees (Österreich und Ungarn zusammen) liegt daher aktuell bei 1.500 - 1.800 Brutpaaren.

Zur Brutpopulation hinzuzurechnen ist weiters der derzeit auf österreichischer Seite 7.000 - 8.000 Individuen große Bestand an nicht brütenden Graugänsen. Für Ungarn stehen keine aktuellen Zahlen für die Nichtbrüter zur Verfügung. Insgesamt dürfte sich die Population adulter Graugänse zu Beginn der Brutzeit auf österreichischer Seite des Neusiedler See Gebiets derzeit bei ca. 10.000 Individuen bewegen.

Sowohl Bestandsdynamik als auch Phänologie der im Neusiedler See Gebiet durchziehenden und überwinternden Graugänse haben sich seit den 1980er Jahren sehr stark verändert. Der Zughöhepunkt wird im Neusiedler See-Gebiet im Oktober und November erreicht, zwischen 1994 und 2001 wurden im November jeweils zwischen 15.000 und 20.000 Exemplare gezählt, 1996 waren es sogar 23.000, was praktisch 100 % des damals geschätzten Bestandes der zentraleuropäischen Population entsprach.

Ab 2001 wurden die durchziehenden und überwinternden Gänse im Rahmen des „Vogelmonitoring im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel“ (von J. Laber und MitarbeiterInnen für Österreich sowie A. Pellinger und MitarbeiterInnen für Ungarn) alljährlich von Oktober bis Februar gezählt. 2001 bis 2013 lagen die Zahlen der Graugans im November hingegen etwas unter dem Niveau der späten 1990er Jahre, im Mittel wurden 8.242 Individuen gezählt. Bis zum Beginn der 1990er Jahre zogen fast alle Graugänse in weiter südlich gelegene Winterquartiere, 1990-2005 stiegen allerdings die Zahlen der überwinternden Vögel stark an und erreichten im Jänner 2005 ca. 7.000 Exemplare. Ab dem Jahr 2007 verstärkte sich der positive Trend im Jänner, 2009 wurden erstmals 10.000 Individuen überschritten und 2011 wurde mit knapp über 18.000 das bisherige Maximum erreicht. Wurden in den Jahren 2001 - 2006 im Schnitt 4.060 Graugänse im Jänner gezählt waren es in den Jahren 2007 - 2013 bereits 10.682.

Bedeutung des Vorkommens

Das Brutvorkommen der Graugans am Neusiedler See ist das größte in Österreich und eines der größten in Mitteleuropa und daher von nationaler Bedeutung. Auch am Durchzug und im Hochwinter zählt das Gebiet zu den wichtigsten für die zentraleuropäische Population.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Am Neusiedler See ist die Graugans ein häufiger Brutvogel im Schilfgürtel des Neusiedler Sees und selten auch an den Lacken. Zur Zeit der Jungenaufzucht sind die weidenden Graugansfamilien überall auf den Wiesen und Hutweiden, ja sogar und an den Straßenrändern und in den Seebädern gut zu beobachten. Sobald die kleinen Gössel in den Nestern im Schilfgürtel geschlüpft sind, wandern die Familien zu den Aufzuchtsgebieten an den Lacken, so dass man im April oft an völlig unerwarteten Plätzen auf die watschelnden gelben Federbälle trifft.

Will man hingegen die großen Scharen rastender und überwinternder Gänse sehen, empfiehlt es sich den berühmten „Gänsestrich“ an der Langen Lacke zu beobachten, wenn die Gänse zu hunderten und tausenden mit großem Geschrei zu ihrem Schlafplatz einfliegen. Nur in strengen Wintern, wenn alle offenen Wasserflächen gänzlich zugefroren sind, verschwindet die Graugans aus dem Gebiet.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Derzeit sind keine Gefährdungsfaktoren für die Brutpopulation der Graugans zu erkennen. Jagdausübung, Vergrämung auf landwirtschaftlichen Kulturen sowie die nur mehr unregelmäßige Wasserführung des ehemals wichtigsten Rast- und Schlafplatzes auf österreichischer Seite des Neusiedler See Gebiets sind jedoch Faktoren, die die Verteilung und Gebietsnutzung der Graugans negativ beeinflussen können.

Weiterführende Literatur

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