Kiebitz

Vanellus vanellus

Der Kiebitz ist die am zahlreichsten im Neusiedler See Gebiet brütende Limikolenart. Die Zahl der Brutpaare ist dabei aber starken Schwnakungen unterworfen. Als Durchzügler ist die Art je nach Witterung ab Feber zu beobachten. Bis in den November hinein sind dann ständig Kiebitze in der Region anwesend. In milden Wintern kommt es auch zu Überwinterungen.

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Merkmale

Der Kiebitz ist sofort anhand seiner zweizipfeligen Haube kenntlich. Der Kopf ist weiß mit einer schwarzer Stirn. Die Oberseite ist metallisch grün-grau schimmernd mit einem blau-violetten Schulterfleck. Der Bauch ist weiß gefärbt mit einem schwarzen, scharf abgegrenzten Brustband. Vom kurzen kräftigen schwarzen Schnabel ausgehend, verläuft eine unscharf abgegrenzte schwarze Binde unter dem Auge zum Hinterkopf. Der Unterleib ist verwaschen sandfarben bis rostorange eingefärbt. Im Brutkleid unterscheidet sich das Männchen vom Weibchen durch die längere Haube, die intensivere Schwarzfärbung sowie durch den durchgehenden Kehlfleck. Der Kiebitz zeigt mit lockeren, abgehackten Flügelschlägen und die im Flug blinkende schwarze Ober- und schwarzweiße Unterseite, ein ganz charakteristisches Flugverhalten und ist daran schon von weitem zu erkennen. Kiebitze sind während der Brutzeit sehr ruffreudig; das durchdringende, immer wieder wiederholte „kiju-wit“ war dabei namensgebend.

Lebensräume

Der Kiebitz besiedelt offenes Flachland in den Niederungen mit im Spätfrühling schütterer oder niedriger Pflanzendecke, wobei Höhen von 15 und weniger Zentimetern bevorzugt und 30 cm gerade noch toleriert werden. Ursprünglich ein Brutvogel in natürlichem Grasland wie Steppen, Hoch- und Niedermooren, konnte die Art im Zuge der Rodung großer Waldflächen in vielen Teilen Europas auch Lebensräume besiedeln, die durch menschliche Kultivierung entstanden waren, wie Mähwiesen und Weiden. Erst in neuerer Zeit erschloss er auch Ackerflächen und andere schütter bewachsene Sekundärhabitate als Brutlebensraum. Die Vorliebe des Kiebitz für hohe Bodenfeuchtigkeit erklärt sich wohl auch über deren hemmende Wirkung auf das Pflanzenwachstum, jedoch können verschiedene landwirtschaftliche Maßnahmen und ihr Einfluss auf die Vegetationsausbildung, fehlende Feuchtigkeit kompensieren. Neben verschiedenen Ried-, Wiesen- und Weidegesellschaften sowie Äckern (Mais, Getreide, Hackfrüchte), nutzt der Kiebitz auch eine Reihe anderer Standorte wie Schottergruben, abgelassene Teiche und Ruderalflächen als Brutplatz. Während des Winters und der Zugzeit halten sich Kiebitze oft auf abgeernteten Feldern und auf gepflügten Äckern auf. Im Winter sieht man die Vögel weitläufig verteilt auf alten Weiden, aber auch im Trupp auf Schlammflächen. Am Frühjahrszug  bevorzugt der Kiebitz im Seewinkel frisch austreibende Getreidefelder und Schwarzbrachen und kommt überwiegend nur zum Trinken und Baden an die Lacken. Im Herbst werden im Seewinkel gerne kurzrasige Hutweiden zur Insektenjagd aufgesucht.

Verbreitung

Global und national

Der Kiebitz ist quer durch die gesamte Paläarktis vom Atlantik bis zum Pazifik verbreitet und brütet in einem Gebiet, das von Großbritannien und Irland im Westen bis nach Ostsibirien reicht. Die nördliche Verbreitungsgrenze liegt in Skandinavien beim 70. und im europäischen Teil Russlands am 65. Breitengrad. Seine südliche Verbreitungsgrenze liegt in Europa ungefähr beim 40. Breitengrad, er kommt aber ganz lokal (z. B. auf der Iberischen Halbinsel) auch noch etwas weiter südlicher vor. Weiter östlich dehnt sich sein Brutareal südlich bis in die Türkei, in den Nordwesten des Irans, nach Kasachstan, die Mongolei und den Norden Chinas aus. Mehr als 50 % der Kiebitz - Weltpopulation ist in Europa konzentriert, wo der Bestand bis ca. 1990 stabil war, seither aber stark (um mehr als 30 %) abgenommen hat. Die europäische Population wurde zu Beginn der 2000er Jahre mit 1,7 bis 2,8 Millionen Brutpaaren beziffert.

Wanderungen

Der Kiebitz ist Zugvogel, im Südwesten des Areals auch Standvogel. Das Überwinterungsgebiet ist von der drei Grad-Isotherme ungefähr nach Norden hin begrenzt, wobei sich Kiebitze je nach der aktuellen Wetterlage auch weiter nördlich oder südlich aufhalten. Zu den Überwinterungsgebieten gehören Großbritannien und Irland, die Niederlande, die iberische Halbinsel, der Mittelmeerraum, der Nahe Osten und Südasien. Der Zug beginnt im Hochsommer und geht in südliche und südwestliche Richtung, die Hauptzugzeit fällt jedoch in die Herbstmonate. Je nach Zeitpunkt ihrer Mauser ziehen die Vögel in mehreren Wellen. Der Heimzug ins Brutgebiet beginnt in Westeuropa und im Nahen Osten bereits Ende Januar mit einem Zughöhepunkt im Zeitraum von Ende Februar bis Anfang März. In Mitteleuropa zieht die Art nur geringfügig später.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

In den frühen 1940er Jahren wurde der Kiebitz als „einer der der häufigsten Brutvögel des Lackengebiets am Ostufer des Sees“ bezeichnet. Auch zu Beginn der 1950er Jahre war die Art ein „häufiger und verbreiteter Brutvogel und Durchzügler“. In den 1960er Jahren wurde der Brutbestand mit rund 500 Paaren beziffert. Großflächige Synchronzählungen von warnenden Paaren werden seit 1991 durchgeführt. In den 1990er-Jahren wurden im Seewinkel ohne die Zitzmannsdorfer Wiesen 1991 302, 1992 424, 1993 304 und 1995 434 Paare  gezählt.

Aktuelle Erhebungen

Aktuelle Bestandsaufnahmen in den Jahren 2001 - 2004 ergaben im Seewinkel und auf den Zitzmannsdorfer Wiesen 2001 - 2003 274 - 356 und 2004 einen Rekordbestand von 554 Paaren. 2005 wurden 386 warnende Kiebitzpaare erfasst, 2006 war mit 506 Paaren wieder ein Bestandshoch erreicht. 2007 - 2011 bewegte sich der Brutbestand zwischen 278 und 432 Paaren. In den letzten drei Jahren kam es sowohl 2012 als auch 2014 zu bisher in diesem Ausmaß unbekannten Tiefstständen von (hochgerechnet) 115 bzw. 203 warnenden Paaren. Ob es sich dabei um einen vorübergehenden Tiefpunkt im Rahmen der, beim Kiebitz üblichen Bestandsschwankungen handelt, oder ob es sich um einen tatsächlichen Rückgang handelt, werden die Monitoring-Ergebnisse der nächsten Jahre zeigen.

Der Heimzug beginnt im Seewinkel je nach Witterung ab Mitte Februar und gipfelt Mitte März. Die in manchen Jahren großen Konzentrationen im März werden vor allem durch großräumige Wetterlagen (späte Kälteeinbrüche mit Schnee in Nordosteuropa) und dadurch verursachte Zugstauphänomene verursacht. Der Herbstzug verläuft im Gegensatz dazu über eine längere Zeitspanne und ist auch nicht so sehr vom Wetter geprägt. Ab Ende Juni sammeln sich bereits erste Trupps in den Hutweiden, die vermutlich auch früh wegziehende Vögel aus dem Osten umfassen. Dieser Frühwegzug des Kiebitzes  hat eine deutliche West-Orientierung und kann Vögel aus dem östlichen Mitteleuropa bis an die französische Atlantikküste führen. Nachdem der Zwischenzug Anfang August abgeklungen ist beginnt der eigentliche Wegzug in Richtung Winterquartier Mitte September und gipfelt im Oktober. Relativ schlagartig verlassen dann die großen Zugtrupps Ende Oktober das Neusiedler See Gebiet. Vereinzelte Nachzügler sind jedoch je nach Witterung noch bis Mitte Dezember anzutreffen. In den Jahren 1995 - 2001 wurden am Heimzug Mitte März regelmäßig 2.000 - 3.500 Kiebitze gezählt. Am Zwischenzug hielten sich in diesem Zeitraum jeweils 400 - 1.000 Exemplare in den Sommermonaten im Gebiet auf und die Maximalzahlen am Wegzug bewegten sich 1.000 und 2.500 Vögeln.

Die aktuellen systematischen Erfassungen der Jahre 2011 - 2014 ergaben für den Frühjahrszug im März Zahlen von 1.000 - 2.300 Exemplaren und blieben damit deutlich unter den Werten der früheren Zählperiode. Es scheint also beim Heimzug einen Rückgang in den letzten 10 - 20 Jahren gegeben zu haben, was mit dem allgemeinen Rückgang der Art in Europa gut zusammenpasst. Sowohl 2011 als auch 2012 wurden am Wegzug bereits sehr früh größere Ansammlungen von 1.500 - 1.800 Kiebitzen erfasst, was dem Dreifachen der 1995 - 2001 ermittelten Zahlen entspricht. Der eigentliche Gipfel des Herbstzuges im Oktober erreichte mit 1.700 - 2.500 Exemplaren in etwa den Umfang der Jahre 1995 - 2001. Der Ablauf des herbstlichen Kiebitzzugs mit mehreren Wellen und wohl auch der Mauserzug bleibt also weiterhin dynamisch und es sind weitere interessante Neuentwicklungen zu erwarten. Im milden Winter 2013/14 kam es zur durchgehenden Überwinterung von 20 - 30 Exemplaren, was eine ausgesprochene Ausnahme darstellt.

Bedeutung des Vorkommens

Das Neusiedler See Gebiet beherbergt ca. 10 % des österreichischen Brutbestandes und ist daher von nationaler Bedeutung.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Der Kiebitz ist vom Frühjahr bis in den Herbst ein häufiger Vogel im Seewinkel und überall zu beobachten. Die großen Scharen am Herbstzug halten sich bevorzugt auf größeren Gewässern auf, wie in den letzten Jahren auf der Graurinderkoppel, an der Langen Lacke, an der Oberen Halbjochlacke, an der Podersdorfer Pferdekoppel und bei niedrigem Wasserstand auch auf dem St. Andräer Zicksee.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Für den augenscheinlichen Rückgang der Brutpopulation gibt es derzeit keine zufriedenstellende Erklärung. Es bedarf daher nach wie vor einer systematischen Bestandsüberwachung, um die weitere Entwicklung im Auge behalten zu können.

Weiterführende Literatur

Bieringer G., B. Kohler B. & G. Rauer (2013): Monitoring der wiesenbrütenden Limikolenarten im Seewinkel: Kiebitz (Vanellus vanellus), Uferschnepfe (Limosa limosa) und Rotschenkel (Tringa totanus). Brutbestände 2012 und erste Bewertung der Methodik. Pp. 50-55 in BirdLife Österreich: Ornithologisches Monitoring im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel. Bericht über das Jahr 2012. Wien, 80 pp.

Kohler, B. & G. Rauer (1992): Ergebnisse der Wiesenlimikolenzählungen 1991 im Seewinkel. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 3/1: 11-17.

Kohler, B. & G. Rauer (1993): Ergebnisse der Wiesenlimikolenzählungen 1992 im Seewinkel. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 4/2: 48-51.

Kohler, B. & G. Rauer (1995): Die Wiesenlimikolenzählungen 1993 und 1995 im Seewinkel. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 6: 108-113.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.