Kleines Sumpfhuhn

Porzana parva

Der Neusiedler See beherbergt den mit Abstand größten Brutbestand in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels um das bedeutendste Einzelvorkommen in Mitteleuropa und auch europaweit betrachtet muss es sich trotz des dramatischen Rückgangs um eines der wichtigsten Brutgebiete der Art handeln. Die Art ist äußerst schwer zu beobachten, am ehesten kann man im Frühjahr entlang des Purbacher Kanals oder an der Illmitzer Seestraße nachts rufende Männchen hören.

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Merkmale

Das Gefieder des Kleinen Sumpfhuhns weist an der Oberseite eine bräunliche bis schwarzbraune Grundfärbung auf, die von einer weißen Zeichnung überzogen ist. An Brust und Bauch ist das Gefieder der Männchen grau bis blaugrau gefärbt und an den hinteren Flanken gebändert. Weibchen weisen an der Bauchseite eine gelblichbraune Färbung auf. Das braune Rückengefieder setzt sich über den Nacken bis zum Oberkopf fort. Der restliche Kopf ist wie die Bauchseite gefärbt. Der kurze aber kräftige Schnabel ist an der Wurzel rot, ansonsten gelb mit grünlichem Schimmer. Die Extremitäten sind grün bis olivgrün gefärbt. Die lauten Balzrufe der Männchen klingen wie „peg-peg-peg-peg“ und sind in langen Rufreihen vor allem in der Dämmerung und nachts zu hören. Sie geben den besten Hinweis auf die Anwesenheit der Vögel, zumindest wenn man die zahlreichen anderen, viel weniger auffälligen Lautäußerungen nicht kennt.

Lebensräume

In Mitteleuropa besiedelt das Kleine Sumpfhuhn vorwiegend Schilfbestände, darüber hinaus ist es auch in Mischbeständen mit Rohrkolben, Schneidried und Großseggen zu finden. Am Neusiedler See besiedelt die Art beinahe ausschließlich reine Schilfbestände. Schilfflächen, die vom Kleinen Sumpfhuhn besiedelt sind, stehen immer unter Wasser: Die durchschnittliche Wassertiefe in Revieren am Neusiedler See lag in den 1980er Jahren bei ca. 50 Zentimetern. Wichtig ist das Vorhandensein einer ausgeprägten Schicht aus alten, umgebrochenen Halmen, wie sie in der Regel nur in Beständen zu finden ist, die mehrere Jahre hindurch nicht gemäht oder abgebrannt wurden. Das Kleine Sumpfhuhn ist damit mit dem Mariskensänger der einzige obligate Altschilfbewohner am Neusiedler See. Die Reviere sind immer durch zahlreiche kleine offene Wasserflächen, Kanäle und aufgelockerte Bestände gegliedert. Eine derartige strukturelle Kombination findet sich nur in, über mehrere Jahre hinweg ungemähten Schilfbeständen, die besten Habitate sind langjährig ungemähte und nicht abgebrannte Schilfflächen.

Verbreitung

Global und national

Das Verbreitungsgebiet des Kleinen Sumpfhuhns liegt in der Steppenzone der Paläarktis. Im Osten endet es im Osten von Kasachstan und Sinkiang, im Westen in den Niederungen Polens und des Ostens Deutschlands, sowie in der Kleinen Ungarischen Tiefebene, wo das große Vorkommen im Schilfgürtel des Neusiedler Sees den äußersten westlichen Randposten des regelmäßig besetzten Areals markiert. Weiter westlich sind nur mehr wenige Einzelvorkommen bekannt, die meisten davon sind nur unregelmäßig besetzt. Der Norden Europas wird kaum besiedelt, die am weitesten vorgeschobenen regelmäßig besetzten Brutplätze finden sich im Baltikum und im Süden Finnlands. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 61.000 - 140.000 Paare geschätzt.

Wanderungen

Das Kleine Sumpfhuhn ist ein Weitstreckenzieher, wenngleich auch einzelne Winternachweise aus West- und Mitteleuropa existieren. Die Lage der Winterquartiere ist bislang nur ungenügend bekannt, grob umrissen umfassen sie die Steppengebiete Ost- und Westafrikas, Teile der Arabischen Halbinsel, den Nahen Osten und reichen östlich bis Pakistan und Nordindien. Aus Nordafrika liegen zwar Nachweise vom Herbstzug vor, die Art dürfte hier aber nicht oder bestenfalls in kleiner Zahl überwintern. Im Frühjahr treffen die ersten Ankömmlinge in der ersten April-Dekade am Neusiedler See ein, der Abzug beginnt im Laufe des August und zieht sich bis in den Oktober hinein.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

In den frühen 1940er Jahren wurde das Kleine Sumpfhuhn als häufiger Brutvogel am Westufer des Neusiedler Sees bezeichnet, ein, seit den 1930er Jahren mit der Art vertrauter Beobachter schreibt sie sei „sehr häufig überall wo Wasser ist“. In den frühen 1950er Jahren galt das Kleine Sumpfhuhn als „häufiger Brutvogel der Verlandungszone des Sees“. An den Lacken des Seewinkels waren weder zur damaligen Zeit noch heute regelmäßige Vorkommen der Art bekannt. Für die Jahrzehnte danach finden sich in der Literatur keine konkreten Angaben zum Vorkommen des Kleinen Sumpfhuhns. In den Jahren 1982 und 1983 wurde dann eine erste Untersuchung zur Siedlungsdichte in unterschiedlich alten Schilfbeständen durchgeführt. Dabei zeigte sich eine deutliche Bevorzugung von Altschilfbeständen: Während die Dichten in drei bis sechs jährigen Flächen entlang des Seedammes bei Winden bei 0,2 - 0,5 Revieren/ha lagen, wurden in den älteren Schilfbeständen bei der Biologischen Station Illmitz bis zu 4,5 Reviere/ha  festgestellt. In den Jahren 1987 - 1989 wurden weitere Untersuchungen in verschiedenen Altschilfflächen am Westufer durchgeführt, dabei wurden Siedlungsdichten zwischen einem und 4,9 Revieren/ha ermittelt.

Aktuelle Erhebungen

Das Kleine Sumpfhuhn ist ein verbreiteter Brutvogel im Schilfgürtel des Neusiedler Sees, im Seewinkel ist die Art nur ganz vereinzelt an einigen stärker verschilften Lacken zu finden.

Eine Untersuchung aus den Jahren 1990 - 1992 bestätigte die ausgesprochene Bindung des Kleinen Sumpfhuhns an Altschilfflächen, denn die Art wurde ausschließlich in Altschilfbeständen bei der Biologischen Station gefunden. 1995 wurde im Rahmen eines Forschungsprojektes des Nationalparks eine großflächige systematische Untersuchung der Schilf bewohnenden Vogelarten in der heutigen Kernzone im Südosten des Sees durchgeführt. In den damals noch großflächig vorhandenen Altschilfbeständen war die Art weit verbreitet und erreichte hohe Dichten: Eine Bestandsschätzung ergab 2.763 Reviere auf einer Fläche von 12,7 km², dies entsprach einer großflächigen Dichte von 2,2 Revieren/ha. Eine damals durchgeführte Hochrechnung dieser Zahl auf den gesamten Schilfgürtel führte zu einer Bestandsschätzung von 12.300 - 22.000 Revieren. Aus heutiger Sicht wurde für diese Hochrechnung die Fläche an geeigneten Lebensräumen am Westufer des Sees mit Sicherheit stark überschätzt; die Bestandsangabe war damit zu hoch angesetzt.

2005 und 2006 wurden in verschiedenen Bereichen des Schilfgürtels erneut quantitative Bestandserhebungen durchgeführt. Im Jahr 2005 wurde die Kernzone des Nationalparks im südöstlichen Teil des Schilfgürtels untersucht, 2006 sechs ausgewählte Schilfbereiche am Nord- und Westufer. In der Kernzone des Nationalpark war der Bestand im Vergleich zu 1995 um rund 80 % zurückgegangen. Am Nord- und Westufer des Sees wurden Kleine Sumpfhühner nur in zwei von sechs Untersuchungsgebieten festgestellt. In der Kernzone des Nationalparks lag die Siedlungsdichte bei nur mehr 0,2 Revieren/ha (gegenüber 1,3 im Jahr 1995), am Westufer waren es großflächig sogar nur 0,1 Reviere/ha. Die Art war im Schilfgürtel zwar noch verbreitet, aber überall nur mehr in sehr geringer Dichte. Der Gesamtbestand im, auf österreichischer Seite gelegenen Teil des Schilfbestandes am See, wurde für die Jahre 2005 und 2006 auf 1.000 - 2.000 Brutpaare geschätzt. Diese Zahl ist um den Faktor zehn niedriger als die letzte Schätzung aus dem Jahr 1995. Es ist davon auszugehen,  dass ein Rückgang etwa in dieser Größenordnung auch realistisch ist.

2012 wurden in der Kernzone des Nationalparks neuerlich Schilfvögel gezählt. Es zeigte sich, dass sich der Bestand des Kleinen Sumpfhuhns in diesem an und für sich optimalen Bereich im Vergleich zu 2005 nicht erholt hatte, sondern im Gegenteil sogar noch eine weitere leichte Abnahme festzustellen war.

Bedeutung des Vorkommens

Der Neusiedler See beherbergt den mit Abstand größten Brutbestand in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels um das bedeutendste Einzelvorkommen in Mitteleuropa und auch europaweit betrachtet muss es sich trotz des dramatischen Rückgangs um eines der wichtigsten Brutgebiete der Art handeln.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Das Kleine Sumpfhuhn ist wohl die am schwierigsten im Nationalpark zu beobachtende Vogelart. Während es ab Anfang April in windstillen Nächten entlang von Seedämmen (wie z. B. bei Illmitz) möglich ist, die rufenden Männchen zu hören, bleiben Sichtungen in der Regel Spezialisten vorbehalten. Dennoch zahlt es sich aus, Ränder von Schilfbeständen von April bis September sorgfältig abzusuchen, früher oder später könnte sich einmal ein kleines Sumpfhuhn kurz zeigen.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Als wichtigster Faktor für den Rückgang wurden die niederen Wasserstände der Jahre 2001 - 2005 gesehen. Bei sehr geringen Wassertiefen kommt die Art in der Regel nicht mehr vor. Ein weiterer Faktor ist der Rückgang von Altschilfbeständen, die die höchsten Dichten an Sumpfhühnern aufweisen. Dieser Faktor scheint dafür verantwortlich zu sein, dass sich der Bestand in den, außerhalb der Nationalpark-Kernzone gelegenen Schilfflächen nicht mehr erholt hat. Nicht mit Lebensraumverlusten ist allerdings die Tatsache zu erklären, dass auch die großflächigen Schilfbestände der Kernzone des Nationalparks aktuell nur mehr ein Zehntel des Bestandes von 1995 aufweisen und das Kleine Sumpfhuhn hier offensichtlich auch in seiner Verbreitung um ca. 60 % zurückgegangen ist. Ob hierfür großflächige Faktoren wie Umsiedlungen oder Verluste am Zug und/oder im Winterquartier verantwortlich gemacht werden müssen, ist bei einer Art, für die selbst über basale Grundlagen (Bestand und Verbreitung im Brutgebiet) so wenig bekannt ist wie dem Kleinen Sumpfhuhn, kaum zu beantworten. Bis zum Vorliegen weiterer Erkenntnisse ist mit allen Möglichkeiten zu rechnen, insbesondere damit, dass sich bisher noch nicht bekannte ökologische Faktoren am Neusiedler See verändert haben. In jeden Fall ist es notwendig, unverzüglich Ursachenforschung bezüglich des Rückgangs der Altschilf bewohnenden Vogelarten, und hier an erster Stelle dem Kleinen Sumpfhuhn, zu beginnen.

Notwendig ist auch eine Lenkung der Schilfbewirtschaftung, durch die Ausweisung von Zonen unterschiedlicher Nutzung inklusive der Einrichtung von großflächigen Altschilfreservaten. Erforderlich ist weiters das Offenhalten von bestehenden Kanälen im Schilfgürtel, um die Vitalität des Schilfgürtels zu erhalten. Ein Forschungs- und Monitoringprogramm zu Brutverbreitung, Abundanz und Bruterfolg des Kleinen Sumpfhuhns in unterschiedlichen Schilfbereichen mit Schwerpunkt (neben dem Nationalpark) am Westufer des Neusiedler Sees, sollte unverzüglich begonnen werden.

Weiterführende Literatur

Dvorak, M. (1985): Siedlungsdichte und Biotopwahl von Kleinem Sumpfhuhn (Porzana parva) und Wasserralle (Rallus aquaticus) im Schilfgürtel des Neusiedler Sees. Wiss. Arb. Burgenland Sonderband 72: 446-454.

Dvorak, M. E. Nemeth & A. Ranner (1993): Projektgruppe Schilf. Arbeitsgruppe Ornithologie. Endbericht über die Projektjahre 1990-1992. Bericht an die Arbeitsgemeinschaft Neusiedler See. 31 pp.

Dvorak, M., E. Nemeth, S. Tebbich, M. Rössler & K. Busse (1997): Verbreitung, Bestand und Habitatwahl schilfbewohnender Vogelarten in der Naturzone des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 86: 1-69.

Koenig, O. (1952): Ökologie und Verhalten der Vögel des Neusiedlersee-Schilfgürtels. J. Orn. 93: 207-289.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.