Kleines Knabenkraut

Anacamptis morio (Orchis morio)

Das Kleine Knabenkraut ist der bei uns häufigste Vertreter der Orchideen. Es wächst in mageren Feuchtwiesen, Halbtrocken- und Trockenrasen und blüht von April bis Mai. Wie andere Orchideen hat das Kleine Knabenkraut unterirdische Speicherknollen, die ein frühes Austreiben ermöglichen. Die Speicherknollen haben den Orchideen ihren Namen gebracht: die Form der beiden ovalen Knollen sollen an Hoden eines Knaben erinnern, das griechische Wort für Hoden ist „orchis".

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Das Kleine Knabenkraut ist die häufigste Orchidee im Gebiet des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel. Die Familie der Orchideen ist weltweit verbreitet und sehr artenreich – unsere heimischen Orchideen sind, anders als die meisten exotischen Orchideen, bodenbewohnend und ausdauernd: das Kleine Knabenkraut hat als Überdauerungsorgan eine unterirdische Speicherknolle, mit deren Hilfe aus einer Sproßknospe im nächsten Jahr die Laubblätter und der Blütenspross austreiben. Die Speicherknollen haben den Orchideen – in der deutschen Bezeichnung auch Knabenkräuter – ihren Namen gebracht: die Form der beiden ovalen Knollen sollen an Hoden eines Knaben erinnern, das griechische Wort für Hoden ist „orchis“. Lange Zeit waren die Pflanzen als Folge dieser Assoziation als Aphrodisiakum beliebt, gesucht und daher auch gefährdet1. Ein weiterer Beiname des Kleinen Knabenkrautes ist Salep-Knabenkraut, was sich auf die Droge Salep bezieht, die früher aus der Wurzel gewonnen wurde. Der lateinische Artname Anacamptis morio – Narrenknabenkraut – kommt vermutlich von den (Narren-)bunten Blättern.2
 
Aussehen und Standort
Das Kleine Knabenkraut wird auch Frühes Knabenkraut genannt. Es ist die erste Orchidee, die im Gebiet etwa ab Anfang April zu beobachten ist, und war früher in vielen Gegenden häufig zu finden. Das Kleine Knabenkraut zeigt im Vergleich zu anderen Orchideen einen eher gedrungenen Habitus, hat rotviolette, seltener rosa bis weiße Blüten und zeichnet sich durch grün geaderte Blütenhüllblätter aus, die helmförmig aussehen. Der Stengel ist nach oben hin oft rötlich überlaufen, die Blätter sind ungefleckt, dunkelgrün und stehen aufrecht. Das Kleine Knabenkraut blüht unter Umständen nicht jedes Jahr, sondern wächst in manchen Jahren ohne Blütenbildung als Blattrosette.3 Es ist anspruchslos und vor allem auf mageren Feuchtwiesen, Halbtrocken- und Trockenrasen zu finden, meist auf kalkhaltigem, basischen Boden, es besiedelt aber auch schwach saure Böden. Düngung verträgt es sehr schlecht, vor allem mineralische Düngemittel werden gemieden. Es wird 5 bis 35 cm hoch und bevorzugt sonnige Standorte.4
 
Fortpflanzung
Das Kleine Knabenkraut zählt wie viele andere Orchideen zu den Nektartäuschblumen. Es produziert keinen Nektar, ahmt aber mit ihren Blüten in Form, Farbe und/oder Duft die Blüten der eigentlichen Wirtsblumen ihrer Bestäuber nach. Die Bestäuberleistung der Insekten wird also „gratis“ in Anspruch genommen. Bis die Insekten merken, dass es bei keiner der besuchten Blüten des Kleinen Knabenkrauts Nektar zu holen gibt, ist die Befruchtung oft bereits erledigt. Die Pollen des Kleinen Knabenkrauts sind – typisch für Orchideen – zu zwei Pollenpaketen verklebt, die dem besuchenden Insekt auf den Körper geheftet werden.5 Die Blüte ist daher nur auf wenige Blütenbesuche angewiesen und produziert nach der Bestäubung zehntausende sehr kleine Samen.
 
Besonderheiten
Orchideen brauchen symbiontische Pilze im Boden, damit die Samen keimen können, da die Samen kein Nährgewebe besitzen. Der Pilz versorgt den Embryo dabei mit Nährstoffen, Wasser und Vitaminen. Diese Lebensgemeinschaft einer Pflanze mit einem Pilz wird Mykorrhiza genannt – einige Orchideen, wie etwa die Nestwurz, bleiben ihr Leben lang in ihrer Nährstoffversorgung auf diese Zusammenarbeit angewiesen und bilden kein Chlorophyll aus, um sich selber mit Nährstoffen versorgen zu können. Die Samen des Kleinen Knabenkrauts können also nur an Standorten keimen, an denen der Mykorrhizapilz im Boden vorhanden ist.
 
Maßnahmen
Damit das Kleine Knabenkraut erhalten bleibt, müssen die Wiesenflächen als Standorte bestehen bleiben. Im Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel wird das über Mahd oder Beweidung erreicht – die Beweidung erfolgt zum Teil, wie seit hunderten von Jahren in dieser Gegend, mit einem Hirten, der die Rinderherde zu den gewünschten Flächen treibt.
 
Beobachtung im Gebiet
Im Gebiet des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel ist das Kleine Knabenkraut am besten dort zu beobachten, wo die Wege direkt auf Hutweideflächen treffen. Der Wiesenwanderweg östlich der Langen Lacke in Apetlon, der Weg über den Geißelsteller nordwestlich von Illmitz sowie die Zitzmannsdorfer Wiesen sind im Frühjahr sehr lohnende Ziele zur Beobachtung. Die Blütezeit ist im April bis Mai.
 
Literatur
1 Novak, Heimische Orchideen in Wort und Bild
2 Danesch und Danesch, Orchideen Mitteleuropas
3 Fitter, Blumen
4 Presser, Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen
5 Vöth, „Lebensgeschichte und Bestäuber der Orchideen am Beispiel von Niederösterreich“
 

Förderleiste