Nachtreiher

Nycticorax nycticorax

Der derzeitige Brutbestand des Nachtreihers im gesamten Neusiedler See Gebiet lässt sich mit 30 - 60 Brutpaaren einschätzen. Neben dem Vorkommen am Unteren Inn findet sich hier das  einzige regelmäßig in größerer Zahl besetzte Brutvorkommen Österreichs. Beobachtungen sind vor allem im ungarischen Nyirkai-Hany möglich.
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Merkmale

Kleiner dick- und kurzhalsiger Reiher, im Brutkleid in Mitteleuropa unverwechselbar. Bei Jungvögeln Verwechslungsgefahr mit Rohrdommel, diese ist aber deutlich größer, hat einen mehr goldbraunen Farbton und ist mit schwarzen Strichen gezeichnet (statt schmutzig-weißen beim juv. Nachtreiher).

Lebensräume

Typische Brutbiotope des Nachtreihers sind Auwälder oder busch- und baumbestandene Feuchtgebiete, die manchmal von nur geringer Ausdehnung sind und teilweise auch inmitten der Kulturlandschaft liegen können. Seltener werden wie am Neusiedler See auch ausgedehnte baumlose Schilfbestände besiedelt. Die Nester werden in nahe am Wasser stehenden Büschen und Bäumen angelegt, bevorzugt in Erlen und Weiden. Die Kolonie auf der Großen Schilfinsel liegt mitten im dichten, baumlosen Schilfgürtel. Die Kolonie beim Feriendorf Pannonia befand sich in einem teilweise überfluteten Gebüschbestand aus Weiden. Die Nahrungsgebiete liegen an den Rändern von stehenden oder langsam fließenden natürlichen und künstlichen Gewässern, seltener auch auf flach überfluteten Flächen und in trockenem Grünland. Im Seewinkel werden in erster Linie dicht verwachsene Ufer von Teichen, Kanälen, Schottergruben und selten auch von Lacken als Nahrungshabitate genutzt.

Verbreitung

Global und national

Der Nachtreiher ist als Brutvogel in allen Kontinenten mit Ausnahme Australiens verbreitet. Die Nominatform brütet in Europa, Asien und Afrika. In Europa ist der Nachtreiher weitgehend auf den Süden beschränkt, Vorposten des Areals finden sich in Nordfrankreich, Süddeutschland, Österreich, Tschechien und Südpolen. Das Vorkommen im Neusiedler See Gebiet liegt daher am Arealrand der Art. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 63.000 - 87.000 Paare geschätzt, der Schwerpunkt des Vorkommens abseits von Osteuropa liegt in Oberitalien.

Wanderungen

Der Nachtreiher ist ein Weitstreckenzieher, das hauptsächliche Überwinterungsgebiet der Brutvögel der Westlichen Paläarktis liegt im tropischen Afrika südlich der Sahara. Ringfunde europäischer Brutvögel liegen vornehmlich aus West- und Zentralafrika vor, ein einzelner Fund aus dem Sudan belegt aber auch das Vorkommen in Ostafrika. Die meisten Brutvögel Europas treffen ab Mitte März an ihren Brutplätzen ein, Mitte April ist der Bestand weitgehend vollzählig. Im Juli und August kommt es bei den Jungvögeln zu einem ausgeprägten Zwischenzug, der die Tiere zum Teil sehr weit von den Brutkolonien wegführt. Der Herbstzug fällt vorwiegend in den September und den Oktober.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

Der Nachreiher wurde bis in die 1930er-Jahre als unregelmäßiger Brutvogel des Neusiedler Sees eingestuft. 1931 und/oder 1932 wurden in einer Kolonie mit etwa 20 Paaren Filmaufnahmen hergestellt, 1932 wurde von einer Kolonie berichtet und 1933 wurden 10 Paare im Bereich der Wulkamündung gefunden; dieser Brutplatz war allerdings 1934 und 1935 wieder. Seither fehlten trotz vieler Brutzeitbeobachtungen konkrete Brutnachweise aus dem Schilfgürtel des Neusiedler Sees bis Ende der 1990er-Jahre. Erst intensive Untersuchungen im Rahmen eines Nationalpark-Forschungsprojektes führten 1998 zur Entdeckung einer Brutkolonie von 41 Paaren auf der Großen Schilfinsel. Die Zahl der Brutpaare sank dann allerdings in den Folgejahren auf ein viel niedrigeres Niveau: 1999 5-10, 2000 1-10, 2001 mindestens 11, 2002 sieben und 2003 acht. 2004 und 2005 wurden keine Nachtreiher-Bruten nachgewiesen.

Im Seewinkel bestand aufgrund der in manchen Jahren regelmäßigen Sommerbeobachtungen ab den 1950er-Jahren immer wieder Brutverdacht, so z. B. 1952 oder 1966, als eine Brutkolonie von 4 - 5 Paaren bei Illmitz gemeldet, aber nicht belegt wurde. Aus den letzten zwei Jahrzehnten liegt nur ein konkreter Brutnachweis vor: 1996 wurden nach Hinweisen von Urlaubsgästen erst im Dezember 25 - 26 alte Horste dieser Art in einem Weidenbestand beim Feriendorf Villa Vita gefunden.

Aktuelle Erhebungen

2004 bis 2008 konnten trotz systematischer Untersuchungen keine Bruten im Schilfgürtel nachgewiesen werden, seit 2009 ist der Nachtreiher allerdings wieder alljährlicher Brutvogel in steigender Zahl, zuletzt konnten 2013 sogar 40 besetzte Horste festgestellt werden.

Es ist allerdings wahrscheinlich, dass in einigen Jahren weitere Brutkolonien im Seewinkel bestanden haben wie z. B. 2007 südlich von Apetlon. Im ungarischen Hanság brüteten im Gebiet des Nyirkai-Hany zwischen 2002 und 2009 12 bis 55 Paare des Nachtreihers. Der derzeitige Brutbestand im gesamten Neusiedler See-Gebiet lässt sich mit 30 - 60 Brutpaaren einschätzen.

Bewertung des Vorkommens

Der Neusiedler See beherbergt zusammen mit der Reichersberger Au am Unteren Inn das einzige regelmäßig in größerer Zahl besetzte Brutvorkommen Österreichs. Aus internationaler Sicht ist zwar die Lage am Arealrand bemerkenswert, hinsichtlich der Bestandsgröße ist das Vorkommen im Vergleich mit den Brutgebieten in Norditalien und Ungarn, die jeweils viele Tausend Brutpaare beherbergen, nur von untergeordneter Bedeutung.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Der Nachtreiher tritt im Neusiedler See-Gebiet alljährlich zwischen Ende März und Ende September auf. Die meisten Exemplare werden im Mai gemeldet, dies dürfte aber auf die dann besonders hohe Beobachterpräsenz zurückzuführen sein. Die ersten Jungvögel treten in der ersten Juli-Dekade auf, die Maximalzahl an diesjährigen Jungtieren wird in den ersten drei Wochen des August erreicht.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Als wichtigster Einflussfaktor für den Brutbestand am Neusiedler See stellten sich niedere Wasserstände und die damit verbundene Austrocknung weiter Teile des Schilfgürtels heraus. Gerade in den trockenen Jahren 2003 - 2008 brüteten die meisten Nachtreiher entweder im Seewinkel oder im ungarischen Hanság. Eine Vergrößerung der Brutkolonie auf der Großen Schilfinsel erfolgte erst in den Jahren hoher Wasserstände seit 2009.

Ein Gefährdungspotential für die österreichischen Vorkommen des Nachtreihers stellen menschliche Störungen dar. Nachtreiherkolonien liegen oft an zumindest mit Booten, manchmal aber auch zu Fuß relativ leicht erreichbaren Stellen, zumindest die Vorkommen im Seewinkel sind diesbezüglich gefährdet. Beim einmaligen Brutvorkommen beim Feriendorf Pannonia im Jahr 1996 ist eine Aufgabe infolge von Störungen durch Fotografen wahrscheinlich.

Managementmäßig wird versucht, den Brutbestand durch Lenkung der Schilfbewirtschaftung (d.h. Ausweisung von Zonen unterschiedlicher Nutzung inklusive der Einrichtung von großflächigen Altschilfreservaten und Ruhezonen) und das Offenhalten von bestehenden Kanälen im Schilfgürtel, positiv zu beeinflussen.

Weiterführende Literatur

Bernatzik, H.A. (1941): Vogelparadies. Vogelparadiese und Menschen in europäischen Rückzugsgebieten. Koehler & Voigtländer, Leipzig. 88 pp.

Nemeth, E. & P. Grubbauer (2005): Zur aktuellen Bestandssituation der Reiher und Löffler des Neusiedler See-Gebietes. Egretta 48: 1-18.

Nemeth, E., P. Grubbauer, M. Rössler & A. Schuster (2004): Ökologische Untersuchungen an den Reihern und Löfflern des Neusiedler See-Gebietes. Habitatwahl. Nahrungsökologie, Bruterfolg, Populationsentwicklung und Schutz der in Kolonien brütenden Schreitvögel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 92: 1-22.

Niethammer, G. (1938): Welche Brutvögel Oesterreichs sind neu für Deutschland? Orn. Mber. 46: 101-107.

Pellinger, A: & M. Ferenczi (2012): Fészkelő madárállományok a Nyirkai-Hanyban [Breeding bird populations in the Nyirkai-Hany area (NW-Hungary)] Ungarisch mit englischer Zusammenfassung. Szélkiáltó 15: 35-37.

Seitz, A. (1934): Beobachtungen in den Reiherkolonien am Neusiedler See Frühling 1933. Beitr. Fortpflanzungsbiol. Vögel 10: 228-229.

Seitz, A. (1937): Von den Reiherkolonien des Neusiedlersees (Österreich) 1935. Beitr. Fortpflanzungsbiol. Vögel 13: 13-22.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.