Rohrdommel

Botaurus stellaris

Das Neusiedler See Gebiet beherbergt das einzige Brutvorkommen der Rohrdommel in Österreich, auch europaweit betrachtet handelt es sich um eines der wichtigsten Brutgebiete. Rohrdommel halten sich meistens im Schilf auf, so dass Beobachtungen nur zufällig und sehr selten (meist im Flug oder nahrungssuchend am Rand von Gewässern) möglich sind. Eindeutig, auffällig und sehr weit zu hören ist hingegen der Ruf, der sich anhört als würde jemand in eine halbvolle Flasche blasen.

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Merkmale

Die Rohrdommel gehört zu der Familie der Reiher. Ihr Hals wirkt dicker und kürzer als bei anderen Reihern, er wird meist zwischen die Schultern gezogen. Im Flug fallen breite Flügel und schneller Flügelschlag auf, das vordere Ende wirkt durch herabhängende Halsfedern „dicker“ als bei anderen Reihern gleicher Größe. Farblich ist das Gefieder in warme Brauntöne gehalten mit gelbbraunen Federn mit feiner schwarzer Maserung.

Lebensräume

Was die für die Rohrdommel erforderlichen Habitatstrukturen betrifft zeigte eine Studie aus der Camargue (Südfrankreich), dass der Frühjahrswasserstand das mit Abstand wichtigste Habitatmerkmal ist und Tiefen von 10 - 15 cm bevorzugt wurden. Trocken gefallene Schilfflächen können von der Rohrdommel nicht besiedelt werden. Rufplätze ließen sich durch einheitlich wachsende Vegetation mit relativ geringer Vegetationsdichte in seichtem, klaren Wasser charakterisieren. Die Rohrdommel besiedelt den gesamten Schilfgürtel des Neusiedler Sees, besondere Konzentrationen oder ein Fehlen in bestimmten Teilbereichen konnte bei den bisherigen Kartierungen nicht festgestellt werden. In der Kernzone des Nationalparks konnten bei Untersuchungen im Jahr 1995 in Bezug auf die Schilfstruktur keine Anhaltspunkte für eine Bevorzugung gewisser Bereiche gefunden werden; das Nahrungsangebot wurde damals als möglichweise bestimmender Faktor für Dichte und Verteilung der Reviere vermutet.

Wie der Bestandsverlauf in den Jahren 2001 - 2013 zeigt (Abbildung), sank die Brutpopulation in den Jahren 2002 - 2005, als der Neusiedler See durchwegs niedrige Wasserstände aufwies, dramatisch. In diesem Zeitraum lagen im Frühjahr in einigen Bereichen des Westufers große Teile des Schilfgürtels abseits der Kanäle und größeren freien Wasserflächen trocken. Dies dürfte das Nahrungsangebot oder die Erreichbarkeit der Beutetiere für die Rohrdommeln stark negativ beeinflusst haben. Anders als der Silberreiher kann die Rohrdommel offenbar kurzfristig durch fallende Wasserstände entstandene Konzentrationen von Nahrungstieren nicht oder nur in viel geringerem Ausmaß nutzen.

Verbreitung

Global und national

Das Brutgebiet der Rohrdommel umfasst die boreale und gemäßigte Zone sowie die Steppengebiete Eurasiens von Westeuropa und Nordafrika bis Ostasien, Japan und die Insel Sachalin. In Europa liegen die Verbreitungsschwerpunkte im östlichen Mitteleuropa und vor allem in Osteuropa, nach Norden hin erreicht sie gerade noch den Südosten Englands, das südliche Skandinavien und den Südteil des europäischen Russlands. Im Mittelmeergebiet ist die Rohrdommel nur sehr lokal in den größeren Feuchtgebieten verbreitet. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf  34.000 - 54.000 Paare geschätzt, ca. 80 % davon entfielen auf Russland, die Ukraine und Polen.

Wanderungen

Die Brutpopulationen in Süd- und Westeuropa sind weitgehend sesshaft, während die Brutvögel in den anderen Teilen des (mittel)europäischen Areals, in denen die meisten Gewässer im Winter zufrieren, über kürzere Strecken (einige 100 km) in südliche oder südwestliche Richtungen nach West- und Südeuropa und Nordafrika ziehen. Sofern eisfreie Stellen vorhanden sind, verbleiben auch mitteleuropäische Brutvögel in kleiner Zahl im Brutgebiet.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

In den frühen 1940er Jahren und auch in den Jahrzehnten davor war die Rohrdommel ein häufiger Brutvogel des Neusiedler Sees und etwas seltener auch im Seewinkel an den größeren vegetationsreichen Lacken verbreitet. Auch zu Beginn der 1950er Jahre wurde sie noch als ziemlich häufiger Brutvogel eingestuft, der Bestand hatte sich nicht verändert. Aus den 1960er bis1980er Jahren liegen keinerlei Bestandszahlen vor.

Einzelne Bestandsangaben für Teilflächen des Schilfgürtels gab es erstmals 1989, als am Nordostufer zwischen Breitenbrunn und Jois auf einer Fläche von 16 km² 14 rufende Männchen (0,86/km²) gezählt wurden. In der Kernzone des Nationalparks am Südostufer wurden 1994 im Zuge einer systematischen Erhebung 14 Reviere auf 14,2 km² (0,98/km²) erfasst. Der Gesamtbestand des Schilfgürtels wurde auf Basis dieser beiden Angaben zur Siedlungsdichte in Kombination mit den zusätzlich vorliegenden Verbreitungsdaten auf 100 - 150 Brutpaare geschätzt.

Aktuelle Erhebungen

Die Rohrdommel ist ein verbreiteter und in Jahren hoher Wasserstände auch relativ häufiger Brutvogel im Schilfgürtel des Neusiedler Sees und besiedelt in kleinerer Zahl auch die stärker verschilften Lacken im Seewinkel.

Seit 2001 werden im Rahmen des ornithologischen Monitoring-Programms des Nationalparks entlang von vier Strecken im Schilfgürtel (Frauenkirchener Kanal in der Kernzone, Seedamm Biologische Station, Seeufer nördlich Podersdorf, Seedamm Winden) alljährlich Linientaxierungen rufender Rohrdommel durchgeführt (Abbildung). Die nunmehr einen Zeitraum von 14 Jahr umspannenden Daten zeigen deutlich die Abhängigkeit des Rohrdommel-Bestandes von den Frühjahrs-Wasserständen des Sees. 2001 wurden 9 - 10 Reviere gezählt, 2002 nur noch drei und 2003 - 2005 nur mehr jeweils eines. In diesen Jahren dürfte der Rohrdommel-Bestand am gesamten See weitgehend verschwunden gewesen sein, aus den Pegeldaten kann abgeleitet werden, dass der Schilfgürtel bei Werten unter 115,4 m über Adria für die Rohrdommel größtenteils nicht mehr besiedelbar war bzw. nur mehr sehr punktuell. Ab 2006 erholte sich bei wieder steigenden Wasserständen auch der Brutbestand der Rohrdommel wieder und erreichte in den Jahren 2009 - 2011 sogar einen neuen Höchststand im Vergleich zum Beginn der Zählreihe im Jahr 2001. Im Jahr 2012 fiel der Bestand wiederum synchron mit dem Seepegel. 2013 konnte allerdings bei neuerlichem Ansteigen des Wasserstandes am See keine Zunahme der rufenden Rohrdommeln entlang der Transekte festgestellt werden.

Im Jahr 2006 wurde der Rohrdommel-Bestand des Neusiedler Sees (zusätzlich zu den vier etablierten Strecken des Nationalpark-Monitorings) entlang dreier weiterer Strecken entlang von Dämmen am Westufer systematisch erhoben. Auf den vier vom Nationalpark-Monitoring abgedeckten Zählstrecken wurden 2006 insgesamt sechs Reviere kartiert, entlang der drei zusätzlich kartierten Dämme wurden weitere 11 - 13 Reviere erfasst. Auf einer Gesamtfläche von ca. 20 km² wurden insgesamt 17 - 19 Reviere rufender Männchen festgestellt. Dies entspricht in diesen Bereichen einer Siedlungsdichte von 0,8 - 0,9 Revieren/km². Diese Zahl deckt sich mit den Ergebnissen der Erhebungen aus den Jahren 1989 und 1994 (siehe oben). Rechnet daher mit einer Dichte zwischen 0,8 und 1,2 Revieren/km² für den 103 km² großen österreichischen Teil des Schilfgürtels gelangt man für 2006 zu einer Bestandsschätzung von 80-120 Revieren für den österreichischen Schilfgürtel.

Da der Bestandsindex in den Jahren 2007 bis 2013 jedoch maximal um bis zum Dreifachen höher lag gehen wir aktuell von einem weitaus höheren Brutbestand von 150 - 200 Brutpaaren für den Schilfgürtel des Neusiedler Sees aus. Im ungarischen Teil des Neusiedler Sees wurden 2008 zusätzlich 38 Reviere auf einer Fläche von 63 km² erfasst; es wurde dabei von einer Untererfassung ausgegangen und der tatsächliche Bestand auf 50 Reviere geschätzt. Der Gesamtbestand des gesamten Neusiedler Sees (Österreich und Ungarn) kann daher derzeit auf 200 - 250 Brutpaare geschätzt werden.

Bedeutung des Vorkommens

Das Neusiedler See Gebiet beherbergt das einzige Brutvorkommen der Rohrdommel in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels wohl um das bedeutendste Einzelvorkommen in Mitteleuropa und auch europaweit betrachtet handelt es sich um eines der wichtigsten Brutgebiete.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Rohrdommel halten sich meistens im Schilf auf, so dass Beobachtungen nur zufällig und sehr selten (meist im Flug oder nahrungssuchend am Rand von Gewässern) möglich sind. Eindeutig, auffällig und sehr weit zu hören ist hingegen der Ruf, der sich anhört als würde jemand in eine halbvolle Flasche blasen.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Als wichtigster Einflussfaktor am Neusiedler See stellten sich niedrige Wasserstände und die damit verbundene Austrocknung weiter Teile des Schilfgürtels heraus. Auf europäischer Ebene werden als Hauptgründe für den Rückgang der Art in Teilen des europäischen Verbreitungsgebiets die Flächenreduktion von geeigneten Feuchtgebieten und die Verminderungen von deren Qualität, intensive Schilfnutzung, Wasserverschmutzung und die Verseuchung mit Pestiziden angeführt. Für die Vorkommen in den Staaten der Europäischen Union werden die Degradierung des Lebensraums durch Sukzession und ungünstige Management-Maßnahmen sowie zu starke Wasserentnahmen als hauptsächliche Gefährdungsursachen eingestuft. Die relative Bedeutung dieser Faktoren für die Population im Neusiedler See Gebiet ist derzeit nur schwer einzuschätzen.

Das Wehr am Einserkanal bei Mexikopuszta sollte weiterhin unter einer Bedienungsvorschrift stehen, die vor allem im Frühjahr einen maximalen Wasserrückhalt gewährleistet.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Dvorak, M. (2009). Neusiedler See. Pp. 60-75 in in M. Dvorak (Hrsg.): Important Bird Areas. Die wichtigsten Gebiete für den Vogelschutz in Österreich. Verlag des Naturhistorischen Museums Wien, Wien. 576 pp.

Dvorak, M., E. Nemeth, S. Tebbich, M. Rössler & K. Busse (1997): Verbreitung, Bestand und Habitatwahl schilfbewohnender Vogelarten in der Naturzone des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 86: 1-69.

Mogyorósi, S. (2012):A bölömbika (Botaurus stellaris) fészkelő állománya a Fertőn 2008-ban 40. [Breeding population of the Eurasian Bittern (Botaurus stellaris) on Lake Fertő in 2008]. Ungarisch mit englischer Zusammenfassung Szélkiáltó 15: 40-41.

Poulin, B. , G. Lefebre & R. Mathevet (2005): Habitat selection by booming Bitterns Botaurus stellaris in French Mediterranen reed-beds. Oryx 39: 265-274.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.