Rohrschwirl

Locustella luscinioides

Der Neusiedler See beherbergt den mit Abstand größten Brutbestand in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels um das bedeutendste Einzelvorkommen in Mitteleuropa. Gute Beobachtungsmöglichkeiten ergeben sich vor allem im Bereich der Illmitzer Seestraße oder des Purbacher Seedamms. Oft ist die Art jedoch nur zu hören, Sichtbeobachtungen sind etwas schwerer zu bewerkstelligen.
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Merkmale

Der Rohrschwirl ist die Ausnahme unter den Schwirlen da er nicht gestreift ist. Die Oberseite ist einheitlich braun, die Unterseite ist hell bräunlich, der Bauch sowie die Kehle sind heller gefärbt. Der lange, breite, deutlich gestufte Schwanz ist am Ende ebenfalls gerundet und die Unterschwanzdecken sind lang, mächtig und weisen eine hellbraune Färbung auf. Der lange flache Kopf geht gleitend in den Schnabel über. Der Überaugenstreif ist undeutlich und kurz. Der Rohrschwirl ist leicht an seinem insektenartigen, aber sehr lauten Schwirrgesang zu erkennen, der oft von erhöhten Singwarten aus vorgetragen wird.

Lebensräume

In Mitteleuropa besiedelt der Rohrschwirl fast ausschließlich überflutete Schilfröhrichte. Da sich die Art gerne in Bodennähe oder direkt am Boden aufhält sollte ein dichter unterer Vegetationshorizont aus niedergebrochenen Altschilfhalmen vorhanden sein. Es kann sich jedoch auch um nur seicht überflutete Bestände mit dichtem Unterwuchs aus breitblättrigen, weichen Pflanzen (Großseggen, Binsen, Schneidried) handeln. Schließlich werden auch Schilfflächen ohne Knickschicht, aber mit einer aufliegenden Schlammschicht oder dichten Algenmatten besiedelt. Als Singwarten sind hohe, aufragenden Strukturen erforderlich, zumeist also dicke Altschilfhalme; wenn vorhanden, werden aber auch im Schilf wachsende Sträucher genutzt.

Der Rohrschwirl meidet im Schilfgürtel des Neusiedler Sees offene, wasserreiche Gebiete mit zu lichtem Schilf. Das Vorhandensein einzelner größerer Plänken wird hingegen durchaus toleriert, wenn nicht sogar leicht präferiert, da die Art offensichtlich hochwüchsige Schilfflächen entlang von Kanälen oder Rohrlacken bevorzugt. Auch in älteren, niedrigen Beständen singen Rohrschwirle vorwiegend in eingestreuten hochwüchsigen Schilfflächen. In hohen, starkhalmigen und vitalen Beständen der äußeren Seerandzone werden ebenfalls hohe Dichten erreicht.

Verbreitung

Global und national

Das Verbreitungsgebiet des Rohrschwirls zieht sich von Westeuropa quer durch die westliche und zentrale Paläarktis bis nach Westsibirien hinein, wo im Ob-Tal die östliche Grenze des Areals erreicht wird. In Europa ist die Art weitgehend auf die gemäßigten Bereiche beschränkt, Skandinavien und die Britischen Inseln sind nicht regelmäßig besiedelt und im westlichen Mittelmeerraum und in Frankreich brütet der Rohrschwirl nur in vergleichsweise kleiner Zahl. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 530.000 - 800.000 Paare geschätzt.  Die größten Vorkommen finden sich in Rumänien (360.000 - 480.000 Brutpaare), in Russland (50.000 - 100.000)  in der Ukraine (55.000 - 75.000) und in Ungarn (13.000 - 30.000).

Wanderungen

Der Rohrschwirl ist ein Langstreckenzieher, der in Afrika südlich der Sahara und nördlich des Regenwaldgürtels überwintert. Er trifft ab Anfang April an den Brutplätzen ein, der Wegzug kann bereits Ende Juli beginnen.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See-Gebiet

Historische Daten

In den frühen 1940 Jahren wurde der Rohrschwirl als häufiger Brutvogel des Neusiedler Sees und als spärlicher Brutvogel der Lacken bezeichnet. In der ersten Hälfte der 1950er Jahre wurde die Art ebenfalls als häufig eingestuft, mit dem Hinweis, dass die Art vereinzelt auch in kleinen, vegetationsreichen Lacken brütet.

Aktuelle Erhebungen

Der Rohrschwirl ist ein weit verbreiteter Brutvogel des Schilfgürtels des Neusiedler See, kommt aber an den Lacken nur ganz vereinzelt vor. 1989 wurden auf vier größeren Probeflächen Siedlungsdichten von 0,3 - 0,9 Revieren/ha ermittelt). 1995 wurde in einem 12,7 km² großen Schilfgebiet im Südteil des Sees 612  Brutpaare ermittelt, dies entspricht einer mittleren Siedlungsdichte von 0,5 Brutpaaren/ha und damit ziemlich genau den auf kleineren Flächen erzielten Werten. Eine Hochrechnung anhand dieser Daten ergab damals einen geschätzten Bestand von 3.000 - 5.000 Brutpaaren für den gesamten österreichischen Teil des Neusiedler Sees.

Die Erhebungen der Jahre 2005 und 2006 ergaben eine überraschende Zunahme um ca. 80 % im Vergleich zu 1995. Sowohl am Ost- als auch am Nord- und Westufer wurden bei den Zählungen durchschnittliche Siedlungsdichten von 1,6 Revieren/ha ermittelt. Rechnet man mit 73,5 km² an geeignetem Lebensraum ergeben sich hochgerechnet 8.570 - 16.655 Reviere und damit eine Bestandsschätzung von 8.000 - 16.000 Brutpaaren für die Jahre 2005 und 2006.

Eine weitere Bestandserfassung in der Kernzone des Nationalparks wurde 2012 durchgeführt und ergab wiederum einen Rückgang. Lag die relative Dichte 1995 bei 1,2, war sie 2005 auf 2,1 angestiegen und 2012 wiederum auf 1,4 gefallen. Zumindest in der Kernzone des Nationalparks war damit die relative Dichte in den beiden Jahren mit hohen Wasserständen, 1995 und 2012, sehr ähnlich, im Jahr mit sehr viel niedrigeren Wasserständen, 2005, jedoch deutlich höher. Eine ähnliche, sogar etwas höhere relative Dichte wurde überdies 2006 bei immer noch niedrigen Wasserständen auch im Schilfgürtel am Westufer des Neusiedler Sees ermittelt.

Die bisher ermittelten Zahlen für Jahre stark unterschiedlicher Wasserstände deuten damit an, dass die Dichten des Rohrschwirls im Schilfgürtel des Neusiedler Sees bei niedrigen Wasserständen deutlich höher sind als bei hohen Wasserständen. Obwohl für 2012 Zähldaten nur aus der Kernzone des Nationalparks vorhanden sind gehen wir davon aus, dass die Tendenz zu geringeren Siedlungsdichten auch für die anderen Teile des Schilfgürtels gilt. Daher muss aktuell auch der Brutbestand im österreichischen Teil des Schilfgürtels im Vergleich zu 2005/06 deutlich geringer liegen. Wir schätzen den Brutbestand für das Jahr 2012 daher auf 5.000 - 10.000 Paare.

Auf der ungarischen Seite wurde im Jahr 2008 eine Untersuchung zur Siedlungsdichte des Rohrschwirls in unterschiedlichen Teilen des Schilfgürtels durchgeführt. Die Siedlungsdichte lag hier mit Werten zwischen 0,8 und 1,8 Revieren/ha im Bereich der auf österreichischer Seite erhobenen Zahlen. Der Bestand in Ungarn wurde, auf diesen Zahlen basierend, auf rund 5.000 Reviere hochgerechnet.

Bedeutung des Vorkommens

Der Neusiedler See beherbergt den mit Abstand größten Brutbestand in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels um das bedeutendste Einzelvorkommen in Mitteleuropa und europaweit betrachtet muss es sich um eines der wichtigsten Brutgebiete der Art handeln.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Obwohl der Rohrschwirl in den meisten großflächigen Schilfbeständen des Nationalparks vorkommt, gibt es kaum für Besucher zugängliche Gebiete, in denen die Art leicht zu beobachten ist. Am besten ist es daher, zeitig am Morgen einen der Seedämme am Westufer des Sees abzugehen, am besten dafür geeignet sind die Dämme von Mörbisch und Purbach, aber auch der Breitenbrunner Damm.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Der Rohrschwirl kann geschnittene Schilfbestände im ersten Jahr nicht besiedeln und meidet allzu lichte und niedrige Bestände weitgehend. Durch den Schilfschnitt oder andere Faktoren aufgelichtete Schilfbestände werden von der Art daher nicht besiedelt. Als hauptsächlicher Gefährdungsfaktor ist daher derzeit eine allfällige weitere Ausbreitung nicht-nachhaltiger Schilfbewirtschaftung zu nennen. Notwendig ist daher eine Lenkung der Schilfbewirtschaftung durch die Ausweisung von Zonen unterschiedlicher Nutzung inklusive der Einrichtung von großflächigen Altschilfreservaten. Erforderlich ist weiters das Offenhalten von bestehenden Kanälen im Schilfgürtel, um die Vitalität des Schilfgürtels zu erhalten.

Weiterführende Literatur

Dvorak, M., E. Nemeth, S. Tebbich, M. Rössler & K. Busse (1997): Verbreitung, Bestand und Habitatwahl schilfbewohnender Vogelarten in der Naturzone des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 86: 1-69.

Vádaz, C., S. Mogyorósi, A. Pellinger, R. Aleksza, C. Biró (2011)_ Results of the breeding passerine census carried ut at the Hungarian part of Lake Fertő in 2008. Ornis Hungarica 19: 11-20.