Rotschenkel

Tringa totanus

Der Seewinkel ist der mit großem Abstand wichtigste Brutplatz des Rotschenkels in Österreich. Die Art ist in allen großen Wiesengebieten weit verbreitet, gute Plätze für Beobachtungen sind z. B. der Arbestau südöstlich von Apetlon und der Geiselsteller nordwestlich von Illmitz, wo ab Anfang Mai regelmäßig auch führende Paare nahe der Wege zu sehen sind. Darüber hinaus sind von Mitte März an bis Ende Juni an den meisten Lacken Rotschenkel zu sehen.

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Merkmale

Der Name dieser Art bezieht sich auf die Färbung der Beine, die im Prachtkleid kräftig und im Ruhekleid orangerot sind, die Jungvögel haben blassorange Beine. Der Schnabel ist an der Spitze schwarz und an der Basis orangerot gefärbt. Die Unterseite ist weiß und braun gemustert, die Oberseite ist braun, schwarz und grau gefleckt. Der Kopf ist dunkel gestrichelt und fällt durch den kurzen cremefarbenen Überaugenstreif sowie den weißen Augenring auf. Im Ruhekleid ist der Rotschenkel nicht mehr so intensiv wie im Prachtkleid gezeichnet, aber ansonsten recht ähnlich. Jungvögel sind oberseits wärmer braun gefärbt und haben cremefarbene Federsäume. Im Flug ist in allen Kleidern der weiße Hinterrand der Flügel eindeutig zu sehen und artspezifisch. Der Ruf hat eine flötende Qualität und klingt in etwa wie „tjüt“. Der Alarmruf ist ein scharfes, schimpfendes, da oft hintereinander wiederholtes „gif gif gif“.

Lebensräume

Der Rotschenkel ist ein Brutvogel ausgedehnter, offener Feuchtgebiete. Er brütet hier in kurzrasigen, reichhaltig mit dichteren Grasflecken (zur Nestanlage), offenen Schlick- und Wasserflächen und Warten durchsetztem Grünland. In der näheren Umgebung des Nestes müssen Nahrungsgebiete mit feuchtem oder flach überflutetem Boden vorhanden sein. In Mitteleuropa besiedelt der Rotschenkel fast immer Gebiete, die unter starker menschlicher Beeinflussung stehen. Er brütet hier vor allem in feuchten Weidegebieten oder in Mäh- und Streuwiesen, die durch regelmäßige Mahd kurz gehalten werden. Im Seewinkel brütet der Rotschenkel zumeist in der von Natur aus bültigen und niedrigen Salzvegetation im Randbereich der Lacken. Ein Teil der Population besiedelt aber auch die wenigen bis heute erhalten gebliebenen Hutweiden und Mähwiesen.

Verbreitung

Global und national

Das ausgedehnte Verbreitungsgebiet des Rotschenkels erstreckt sich quer durch die Paläarktis von Westeuropa (einschließlich Island) bis nach Ostsibirien. In Europa erreicht die Art in den pannonischen Beckenlandschaften Mitteleuropas den Südrand des zusammenhängend besiedelten Areals.

Die europäischen Brutvögel werden in zwei Populationen unterteilt, eine nordwesteuropäische und eine südosteuropäische. Der Brutbestand im Neusiedler See Gebiet ist dabei der südosteuropäischen Population zuzuordnen, die knapp über hunderttausend Brutpaare umfasst. Die Vögel dieser Population mausern vor allem am Schwarzen Meer, teilweise aber auch in Oberitalien. Die wichtigsten Überwinterungsplätze liegen in Tunesien, am östlichen Mittelmeer, in der Türkei und teilweise auch in den großen Sumpfgebieten des Sudans. Wie man aufgrund von Ringfunden weiß, überwintern die Brutvögel aus dem Neusiedler See Gebiet im zentralen Mittelmeerraum (Tunesien, Süditalien, Südfrankreich, West- Griechenland).

Der gesamte Brutbestand Europas wurde in den frühen 2000er Jahren auf 280.000 bis 610.000 Brutpaare geschätzt. Zu den europäischen Ländern mit einem Brutbestand von mehr als 20.000 Paaren gehören Weißrussland (40.000 bis 70.000 Paare), Island (40.000 bis 140.000 Paare), Niederlande (20.000 bis 25.000 Paare), Norwegen (40.000 bis 80.000 Paare), der europäische Teil Russlands (30.000 bis 140.000 Paare) und Großbritannien (31.000 bis 44.000 Paare).

Wanderungen

Der Rotschenkel ist ein Kurzstreckenzieher, die Brutvögel verlassen bereits kurz nach Ende des Brutgeschäftes die Brutplätze und sammeln sich an geeigneten, sicheren und nahrungsreichen Mauserplätzen, v.a. an den Meeresküsten. In dieses Muster passen auch die heimischen Brutvögel, deren Abzug in die vermutlich in den Feuchtgebieten an der oberen Adria gelegenen Mauserplätze bereits im Laufe des Junis erfolgt.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

In den 1940er Jahren war der Rotschenkel „einer der häufigsten Brutvögel des Lackengebietes und jedenfalls nach dem Kiebitz die häufigste, im Lackengebiet brütende Limicolenart“. Auch für die frühen 1950er Jahre wird der Rotschenkel als „häufiger Brutvogel des Seewinkels“ bezeichnet. In den 1960er Jahren wurde der Brutbestand auf 130 Paare geschätzt, für die Jahre 1974 und 1975 wurden zumindest 150 Paare angegeben. Flächendeckende Erhebungen 1986/87 ergaben etwa 180 - 200 Paare (In den Jahren 1987 - 1995 zeigten gezielte Erhebungen starke Bestandsschwankungen mit sehr geringen Zahlen, z. B. in den Jahren 1991 und 1988 (97 bzw. 121 Paare) und Höchstständen in den Jahren 1987 (187 Paare), 1992 (198 Paare) und 1995 (231).

Aktuelle Erhebungen

Rotschenkel brüten verbreitet in den Wiesengebieten des Seewinkels und auf den Zitzmannsdorfer Wiesen, lokal brütet die Art auch in der Seerandzone am Westufer des Neusiedler Sees. Ab 2001 wurde der Brutbestand des Seewinkels alljährlich systematisch erfasst. Die Zählungen der Jahre 2001 - 2003 ergaben beim Rotschenkel geringere Bestände als in den 1990er Jahren: 2001 109, 2002 132 und 2003 138 Paare. Völlig überraschend wurde jedoch im sehr trockenen Jahr 2004 mit 258 warnenden Paaren der bisherige Höchststand bei den Zählungen erreicht. 2005 nahm der Brutbestand mit 195 warnenden Paaren gegenüber dem Vorjahr wieder deutlich ab. 2006 wurde mit 275 warnenden Paaren (davon 28 auf die Zitzmannsdorfer Wiesen) das Rekordjahr 2004 noch um einiges übertroffen. In den folgenden Jahren kam es zu einem Rückgang von 186 Paaren (2007) auf 136 (2008) und niedrigen Zahlen auch 2009 - 2010 (158 und 135). 2011 kam es wieder zu einer deutlichen  Zunahme auf (hochgerechnete) 203 warnende Paare, 2012 und 2014 waren hingegen schlechte Jahre für den Rotschenkel-Bestand.

Im Frühjahr treffen die ersten Rotschenkel Anfang März ein, Mitte März können bereits größere Zahlen erreicht werden. Unter den 200 - 300 (maximal 600) Rotschenkeln die zwischen Mitte März und Mitte April bei den systematischen Erfassungen der Lacken gezählt wurden, verbergen sich sicherlich auch Durchzügler. Dennoch dürften sich die Zahlen größtenteils auf die Brutvögel beziehen. Die Brutvögel ziehen bereits im Laufe des Juni ab, bereits Anfang Juli gehört die Art mit zumeist weniger als 20 Individuen zu den seltenen Limikolen des Seewinkels; ab August bis in den Oktober hinein können nur mehr einzelne Vögel beobachtet werden. Im Juni versammeln sich die flüggen Jungvögeln des Gebiets an den Lacken, Zählungen, die Anfang/Mitte Juni in den Jahren 2011 - 2014 durchgeführt wurden zeigen eine gute Übereinstimmung mit den stichprobenartigen Erhebungen des Bruterfolgs. 2011 war der Bruterfolg gut und der Brutbestand hoch, Anfang Juni wurden 331 Rotschenkel an den Lacken gezählt. 2012 war die schlechteste Brutsaison für den Rotschenkel, seit Beginn systematischer Erhebungen; damit in Übereinstimmung wurden Mitte Juni auch nur 69 Exemplare gezählt. Für 2013 liegen keine Brutbestandserhebungen vor, das Mitte Juni erzielte Zählergebnis von 388 Individuen zeigt aber, dass es sich um ein überdurchschnittlich gutes Jahr gehandelt haben muss. 2014 war der Brutbestand wiederum unterdurchschnittlich, in Übereinstimmung mit diesem Befund ergab auch die Zählung Mitte Juni, nur 160 Exemplare.

Bedeutung des Vorkommens

Der Seewinkel ist der mit großem Abstand wichtigste Brutplatz des Rotschenkels in Österreich und daher von nationaler Bedeutung.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Der Rotschenkel ist in allen großen Wiesengebieten weit verbreitet, gute Plätze für Beobachtungen sind z. B. der Arbestau südöstlich von Apetlon und der Geiselsteller nordwestlich von Illmitz, wo ab Anfang Mai regelmäßig auch führende Paare nahe der Wege zu sehen sind. Darüber hinaus sind von Mitte März an bis Ende Juni an den meisten Lacken Rotschenkel zu sehen.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die akutesten Gefährdungsmomente für einen Feuchtwiesenbewohner wie den Rotschenkel liegen sicherlich in der jahrzehntelang andauernden, fast flächendeckenden Zerstörung von Feuchtwiesen durch Entwässerung, Nutzungsaufgabe und nachfolgenden Umbruch und die Umwandlung in intensiver genutzt Landwirtschaftsflächen. Im Seewinkel sind fast alle vom Rotschenkel besiedelten Flächen entweder vom Nationalpark gepachtet oder werden unter ÖPUL naturschutzgerecht bewirtschaftet. Die Gefährdungsfaktoren Lebensraumzerstörung und Verschlechterung der Habitatqualität sind daher im Seewinkel derzeit minimiert. Allerdings sind fallende und sehr niedrige Grundwasserstände, wie sie im Gebiet in trockenen Jahren häufiger werden, und auf Wasserentnahmen in umliegenden Bereichen zurückzuführen sind eine Problematik, deren Auswirkungen langfristig beobachtet werden müssen.

Weiterführende Literatur

Bieringer G., B. Kohler B. & G. Rauer (2013): Monitoring der wiesenbrütenden Limikolenarten im Seewinkel: Kiebitz (Vanellus vanellus), Uferschnepfe (Limosa limosa) und Rotschenkel (Tringa totanus). Brutbestände 2012 und erste Bewertung der Methodik. Pp. 50-55 in BirdLife Österreich: Ornithologisches Monitoring im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel. Bericht über das Jahr 2012. Wien, 80 pp.

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Kohler, B. (1988): Die Brutbestände von Flußregenpfeifer (Charadrius dubius), Seeregenpfeifer (Charadrius alexandrinus), Uferschnepfe (Limosa limosa) und Rotschenkel (Tringa totanus) im Seewinkel in den Jahren 1986 und 1987. Biol. Forschungsinst. Burgenland - Bericht 66: 13-26.

Kohler, B. & G. Rauer (1992): Ergebnisse der Wiesenlimikolenzählungen 1991 im Seewinkel. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 3/1: 11-17.

Kohler, B. & G. Rauer (1993): Ergebnisse der Wiesenlimikolenzählungen 1992 im Seewinkel. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 4/2: 48-51.

Kohler, B. & G. Rauer (1995): Die Wiesenlimikolenzählungen 1993 und 1995 im Seewinkel. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 6: 108-113.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Seitz, A. (1942): Die Brutvögel des „Seewinkels“ (der "Burgenländischen Salzsteppe") am Ostufer des Neusiedlersees, Gau Niederdonau. Niederdonau / Natur und Kultur 12. Heft. Verlag Karl Kühne, Wien-Leipzig. 52 pp.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.