Saatgans

Anser fabalis

Noch in den 1980er Jahren war die Saatgans mit über 20.000 Individuen im Spätherbst ein sehr häufiger Gast im Seewinkel. Seither sind die Rastbestände im Neusiedler See Gebiet drastisch auf unter 1.000 Saatgänse zurückgegangen. Der Hauptgrund für diese Entwicklung liegt aber nicht in einem generellen Rückgang der Brutpopulation sondern in einer Verlagerung der Zugwege und Überwinterungsgebiete in Nordwesteuropa. Hauptüberwinterungsgebiet ist nunmehr der Niederrhein in Deutschland und Holland.

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Merkmale

Saatgänse sind relativ große Gänse, deutlich größer als Blässgänse, wirken aber etwas schlanker als Graugänse. Ein relativ sicheres Unterscheidungsmerkmal zu Grau- und Blässgänsen ist die Färbung. Sowohl die Flügel, als auch der lange schlanke Hals und der Kopf der Saatgänse sind dunkler als die anderen Gänse. Auch im Flug erscheinen Saatgänse groß, dunkel und langhalsig. Die Beinfarbe ist meistens orange. Die Farbe der langen, eher schlanken Schnäbel variiert von fast ganz schwarz bis orange und ist geographisch sehr verschieden. Man kann die Gänse auch gut an ihrem Flugruf voneinander unterscheiden. Saatgänse rufen zwar weniger oft als Blässgänse, aber mit einem gut erkennbaren nasalen, trompetenden, meist zweisilbig vorgetragenen „kajak“ oder „kaiah“.

Lebensräume

Saatgänse leben in ihren Brutgebieten im aufgelockertem Nadelwald, besonders in der Nähe von Seen in den größeren Flussniederungen, aber auch an abgelegenen Bächen und seltener sogar weitab von Gewässern. In der ersten Septemberhälfte fliegen die Gänsefamilien aus den Brutgebieten nach Mitteleuropa. Dort brauchen sie ausgedehnte Wiesen-, Weiden- und Ackergebiete als Nahrungsflächen und ebenso einen sicheren Rast- und Schlafplatz, meist auf dem offenen Wasser. Der Abstand zwischen den Weideflächen und dem Schlafplatz kann  bis zu 15  Kilometer  und mehr betragen.

Verbreitung

Global und national

Die Brutgebiete erstrecken sich in der nordischen Tundra und Taiga von Nordskandinavien im Westen bis nach Ostsibirien und dem Ochotskischen Meer im Osten. Die Saatgans kommt in Mitteleuropa in zwei Formen vor, die aufgrund ihres Brutlebensraumes unterschieden werden. Die deutlich seltenere Waldsaatgans (A. f. fabalis), deren Gesamtbestand auf  50 - 70.000 Exemplare geschätzt wird, brütet in der Taigazone zwischen Skandinavien und Westsibirien. Die weitaus häufigere, auf 600.000 Exemplare geschätzte Tundrasaatgans (A. f. rossicus), brütet in der Tundrazone zwischen Kola-Halbinsel und West-Taimyr.

Wanderungen

Saatgänse sind Zugvögel, die regelrechte Zugtraditionen etabliert haben und je nach Populationszugehörigkeit immer wieder dieselben Brut- und Überwinterungsgebiete aufsuchen. Das Überwinterungsareal der Waldsaatgans ist relativ klein und liegt in Südschweden, NW-Polen, Norddeutschland und in den Niederlanden. Die Tundrasaatgans überwintert einerseits in NW-Europa (v. a. Deutschland und Holland) und andererseits in Zentraleuropa (v. a. Österreich, Ungarn, Tschechien, Kroatien und Serbien). Im Neusiedler See Gebiet trifft man fast ausschließlich Tundrasaatgänse an. Über den tatsächlichen Anteil von Waldsaatgänsen in unserem Gebiet kann keine gesicherte Aussage getroffen werden, da sich nur wenige Beobachtungen auf die gesamte Merkmalspalette (Schnabelfarbe und –form, Größe, Struktur) beziehen und somit als weitgehend gesichert angesehen werden können.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Die Saatgans ist ein regelmäßiger Durchzügler und Wintergast im Neusiedler See Gebiet. Die durchziehenden und überwinternden Gänse werden im Neusiedler See Gebiet seit 1983 systematisch erfasst. Eine Zusammenfassung und Auswertung dieser Zählungen wurde 2006 durchgeführt. Die Zahl der Durchzügler im November lag 1984 - 1987 (auf österreichischer und ungarischer Seite) noch alljährlich bei über 20.000 Exemplaren.

Aktuelle Erhebungen

Ab 2001 wurden die durchziehenden und überwinternden Gänse im Rahmen des „Vogelmonitoring im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel“ (von J. Laber und MitarbeiterInnen für Österreich sowie A. Pellinger und MitarbeiterInnen für Ungarn) alljährlich von Oktober bis Februar gezählt. Seit dem Jahr 2001 schwankten die Zahlen bis 2005 zwischen 7.000 und 12.000 Individuen; in drei Jahren wurden auch weniger als 5.000 Saatgänse im November gezählt; es kam zwischen 1984 und 2005 zu einem signifikanten Rückgang der Rastbestände im November. Ab 2007 brachen die Bestandszahlen völlig zusammen, derzeit (2009-2013) rasten im November nur mehr 400 - 600 Saatgänse im Neusiedler See Gebiet. Die Zahl der auch im Jänner anwesenden Saatgänse schwankte seit 1988 zwischen 5.000 und 15.000 Stück, ohne erkennbaren Trend. Auch beim Jänner-Bestand ist seit 2007 ein deutlicher Rückgang auszumachen, die Zahlen bewegen sich zwischen 600 und 3.000 Exemplaren, lediglich im Jänner 2011 wurden fast 6.000 Individuen gezählt. Zwischen 2001 und 2006 lagen die Mittelwerte bei 7.500 Vögeln, zwischen 2007 und 2013 aber nur mehr bei 2.100, was einem Rückgang von ca. 70 % entspricht.

Die Saatgans nutzte in den 1980er Jahren noch viel stärker (zu knapp mehr als 50 %) die Lange Lacke als Schlafplatz, in den 1990er Jahren gewann der Südteil des Neusiedler Sees an Bedeutung und beherbergte in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre rund 85 % des Saatgans-Bestandes. Ab 2001 verlor die Lange Lacke ihre Bedeutung als Schlafplatz für die Art vollständig, der Großteil rastet seither im Südteil des Neusiedler Sees. Im November sind dies im Mittel der Jahre 2001-2013 83 %, im Dezember 77 %und im Jänner 92 %.

Die Gründe für den dramatischen Rückgang der in Zentraleuropa überwinternden Saatgänse haben hauptsächlich überregionale Ursachen. So ist der Rückgang im November nicht durch einen Rückgang der Brutpopulation bedingt, sondern in einer weiträumigen Verlegung der Überwinterungsgebiete vom Pannonikum in die Flachländer an den Küsten Nordwesteuropas. Der nunmehr bevorzugte Zugweg führt über den Nordosten Deutschlands in das Hauptüberwinterungsgebiet am Niederrhein in Deutschland und Holland. Der Grund der Verlagerung vom Pannonikum weg ist wohl in der deutlichen Verbesserung der Überwinterungsgebiete am Niederrhein und in Holland und Belgien mit großräumigen Jagdschutzgebieten und der Schaffung von optimalen Nahrungsflächen zu suchen.

Bedeutung des Vorkommens

Der Neusiedler See ist trotz des drastischen Rückgangs nach wie vor ein wichtiges Rast- und Überwinterungsgebiet für die Art im Mitteleuropa. In Österreich ist er das einzige regelmäßig von Saatgänsen frequentierte Gebiet.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Das Beobachten von Saatgänsen ist nicht mehr so leicht wie in den 1980 und 1990er Jahren, als die, damals noch vorwiegend an der Langen Lacke übernachtenden Saatgänse, vorwiegend Stoppelfelder im näheren und weiteren Umkreis der Lacke zur Nahrungssuche nutzten. In letzter Zeit sind Saatgänse nur mehr relativ selten auf der Langen Lacke zu beobachten, oder in kleinen Trupps bei der Nahrungssuche auf den umliegenden Feldern.

Der einzige regelmäßig genutzte Schlafplatz der wenigen noch vorkommenden Saatgänse im Nationalpark Gebiet ist derzeit der Südteil des Neusiedler Sees. Die im südlichen Seeteil nächtigenden Saatgänse fliegen zum Nahrungserwerb auf die ungarischer Seite, so dass es womöglich leichter ist, die Saatgänse im Ungarischen Teil des Nationalparks zu finden.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Faktoren, die die Verteilung und Gebietsnutzung der Saatgans negativ beeinflussen können sind die Jagdausübung, Vergrämung auf landwirtschaftlichen Kulturen sowie die nur mehr unregelmäßige Wasserführung des ehemals wichtigsten Rast- und Schlafplatzes auf österreichischer Seite des Neusiedler See Gebiets. Deshalb sollten rastende und überwinternde Saatgänse auf österreichischer Seite des Neusiedler See Gebiets nicht bejagt werden. Weiters sind Maßnahmen zu treffen, die einen ausreichenden Wasserstand in allen in Bezug auf die Flächenausdehung als Schlafplatz potentiell geeigneten Gewässern gewährleisten.

Weiterführende Literatur

Dick, G. (1994): Gänse. Pp. 75-90 in G. Dick, M. Dvorak, A. Grüll, B. Kohler & G. Rauer: Vogelparadies mit Zukunft?. Ramsar-Bericht 3 Neusiedler See - Seewinkel. Umweltbundesamt, Wien. 356 pp.

Fox, A.D., B.S. Ebbinge, C. Mitchell, T. Heinicke, T. Aarvak, K. Colhoun, P. Clausen, S. Dereliev, S. Farago, K. Koffijberg, H. Kruckenberg, M.J.J.E. Loonen, J. Madsen, J. Mooij, P. Musil, L. Nilsson, S. Pihl & H. van der Jeugd (2010): Current estimates of goose population sizes in western Europe, a gap analysis and an assessment of trends. Ornis Svecica 20: 115-127.

Laber, J. & A. Pellinger (2008): Die durchziehenden und überwinternden Gänsebestände der Gattung Anser und Branta im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel Egretta 49: 35-51.

Laber, J. & A. Pellinger (2011): Die durchziehenden und überwinternden Gänse im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel in den Winterhalbjahren 2006/07 bis 2010/11 Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 22: 1-8.

Madsen, J., G. Cracknell & T. Fox (Hrsg, 1999): Goose Populations of the Western Palearctic. A review of status and distribution. Wetlands International Publication No. 48. National Environmental Research Institute, Denmark.