Säbelschnäbler

Recurvirostra avosetta

Der Brutbestand des Säbelschnäblers im Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel beträgt jährlich rund 150 Brutpaare und ist das einzige Vorkommen der Art in Österreich. Säbelschnäbler halten sich meist an den offenen Rändern der Salzlacken auf und sind dort von März bis Oktober gut zu beobachten.

 

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Merkmale

Der Säbelschnäbler ist in Europa durch die schwarzweiße Färbung, den dünnen, aufwärts gebogenem Schnabel und die langen, graublauen Beine unverkennbar und mit keiner anderen Art zu verwechseln. Im Federkleid des Vogels kontrastiert reines Weiß mit reinem Schwarz. Während der untere Kopfteil, Hals, Brust, Rücken und Bauch rein weiß gefärbt sind, sind Oberkopf, Scheitel und Nacken, die seitlichen Rückenteile sowie die Ober- und Unterseiten der Handschwingen im letzten Drittel schwarz.

Lebensräume

Der Säbelschnäbler besiedelt nahezu ausschließlich vegetationsfreie oder vegetationsarme Flachgewässer. Obwohl die meisten Brutgebiete im Bereich von salzigen oder Brackwasser führenden Gewässern liegen, ist diese Abhängigkeit nur indirekt. Solche Gebiete sind nämlich von Natur aus nur spärlich von wenigen spezialisierten Pflanzen bewachsen und beherbergen zumeist auch die von der Art bevorzugten Beutetiere in großer Dichte. Durch die sehr speziellen Habitatansprüche bedingt, brütet der Säbelschnäbler in erster Linie entlang von Meeresküsten wo er Flussdeltas, Lagunen, Polder und Spülflächen besiedelt, seltener sind Brutvorkommen in Salinen. Im Binnenland findet der Säbelschnäbler fast ausschließlich an seichten, nur temporär wasserführenden Salz- und Sodaseen oder -lacken, sowie an vegetationsarmen Süßwasserseen in Hochebenen, geeignete Lebensbedingungen. In manchen Gebieten werden zur Brutzeit auch vegetationsfreie Ackerflächen in unmittelbarer Nähe zu Flachwasserbereichen zur Brut genutzt. Im Seewinkel brütet der Säbelschnäbler bevorzugt an jenen Lacken, die sich durch besondere Größe auszeichnen, in weiträumiger Landschaft liegen, über eine abwechslungsreiche Uferlinie (mit Inseln und Halbinseln) verfügen und deren „Weißwassercharakter“ (hohe anorganische Trübe, schlammig-kiesiges Bodensubstrat, Vegetationsarmut) mehr oder weniger intakt geblieben ist.

Verbreitung

Global und national

Das Brutgebiet des Säbelschnäblers umfasst die mediterrane und gemäßigte Zone Europas sowie die Steppen und Wüstengebiete der Westlichen und zentralen Paläarktis. Innerhalb dieses Gebiets ist die Art allerdings sehr disjunkt verbreitet. In Europa brütet der Säbelschnäbler an den Küsten der westlichen Ostsee, der südlichen und westlichen Nordsee, an der französischen Atlantikküste sowie im Mittelmeerraum und am Schwarzen Meer. Binnenlandvorkommen sind vor allem auf der Iberischen Halbinsel, in der Großen Ungarischen Tiefebene, in Rumänien und in den Steppen Südrusslands zu finden. In den 1990er Jahren brütete die Art in 24 Staaten. Der Brutbestand wurde Mitte der 1990er Jahre auf 35.000 - 51.000 Paare geschätzt, die größten Populationen beherbergen die Niederlande mit 8.400 - 9.400 Paaren, Deutschland mit 6.800 - 7.000 Paaren, Dänemark mit 5.000 Paaren und Spanien mit rund 4.500 Paaren.

Wanderungen

Der Säbelschnäbler ist in den nördlichen Teilen seines Brutgebiets Zugvogel, in den südlichen Teilen Zug- und Strichvogel. Das Überwinterungsgebiet europäischer und westasiatischer Brutvögel umfasst das Mittelmeergebiet, die südliche Kaspische Region, Teile der Arabischen Halbinsel, NW-Indien und Pakistan, Nordafrika, sowie die Küsten und manche Binnenseen Afrikas südlich bis in den Senegal, das Tschadbecken und den Sudan. Weiter südlich in West- und Ostafrika überwinternde Vögel gehören vermutlich vorwiegend der afrikanischen Brutpopulation an. In kleinerer Zahl überwintert die Art auch an der französischen Atlantikküste sowie an den Nordseeküsten Englands, Hollands und Deutschlands. Der Wegzug der Brutvögel beginnt in Nord- und Mitteleuropa Ende Juni und im Juli, im Seewinkel verlassen die letzten Vögel Ende September/Anfang Oktober das Gebiet. Im Oktober und November findet der Abzug von den Rastplätzen an der Nordsee statt. Der Rückzug aus den Winterquartieren beginnt Ende Februar/Anfang März, im Seewinkel treffen bereits Mitte März die ersten Exemplare ein. Spätestens Mitte/Ende April dürfte der Großteil der Brutpopulation angekommen sein. Die bekannten Überwinterungsgebiete der Säbelschnäbler des Seewinkels liegen auf der Iberischen Halbinsel, in Tunesien und auf der Balkanhalbinsel.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

Der Säbelschnäbler wird bereits von den Autoren des 19. Jahrhunderts als Brutvogel angegeben. Für die Jahre 1934 - 1940 werden 15 - 68 Paare bzw. Gelege angegeben; der wichtigste Brutplatz zu dieser Zeit war die Lange Lacke, die in den meisten Jahren den Hauptteil des Bestandes beherbergte. Weitere Erhebungen ergaben für 1940 einen Bestand von mindestens 35 Paaren, 1941 haben zumindest 36, 1942 ca. 45 Paare gebrütet. In diesen drei Jahren war der Illmitzer Zicksee der wichtigste Brutplatz im Seewinkel. In den Jahren 1951 und 1952 wurde der Bestand auf 30 bzw. 30 - 35 Paare geschätzt, 1953 wurden sogar rund 60 Paare erreicht. Für die Jahre 1961 - 1969 wurden zumeist ca. 45 Paare angegeben, für 1967 ca. 35, und für 1968 60 - 65. Die nächsten Bestandsangaben liegen für die Jahre 1975 bzw. 1976 mit 34 - 45 und 38 - 47 Paaren vor. Systematische Erfassungen wurden danach erst wieder in den Jahren 1984 - 1989 durchgeführt, sie ergaben einen stark schwankenden Brutbestand von minimal 50 - 54 Paaren (1984) und maximal 92 - 99 Paaren (1987). 1989 war dann ein neuer Rekordbestand von mindestens 119 Paaren vorhanden. Die Fortsetzung der Erfassungen in den Jahren 1994 - 1997 ergab dann in etwa dieselbe Situation wie in den 1980ern, mit 51 - 52 Paaren im Jahr 1996 als Minimum und 83 - 85 Paaren im Jahr 1997 als Maximum. 1998 wurde ein neuer Spitzenwert mit 120 - 123 Brutpaaren erreicht, auch 1999 lagen die Bestände mit 91 - 92 Paaren vergleichsweise hoch.

Aktuelle Erhebungen

Der Brutbestand schwankte seit 2001 in weiten Grenzen, wie von B. Kohler in den letzten 14 Jahren alljährlich durchgeführte Erhebungen im Rahmen des Projektes „Vogelmonitoring im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel“ zeigen. Im Zeitraum 2001 - 2005 wurde zuerst im Jahr 2001 mit 185 Brutpaaren ein, davor noch nicht einmal annähernd erreichter Spitzenwert erzielt. Danach kam es zuerst zu einem kontinuierlichen Rückgang auf 160 Paare 2003, 134 2004 und als Tiefpunkt 79 im Jahr 2005. Danach kam es 2006 zu einem überraschenden Einflug, der in diesem Jahr zu einem Brutbestand von 200 Paaren führte. Danach ging der Brutbestand allerdings nicht, wie beim ersten Einflug 2001, in den Folgejahren beständig zurück sondern stieg in den nächsten Jahren noch weiter an, bis 2009 die bisher höchste jemals im Seewinkel registrierte Bestandszahl von 279 Brutpaaren erreicht war. Seither geht die Zahl der Brutpaare wieder leicht zurück, 2010 wurden 182 Paare erfasst, 2012 159 und 2014 130 Paare.

Die Brutvögel ziehen normalerweise ab Anfang März ins Gebiet ein. Die Frühjahrsbestände gipfeln im Mai und werden neben den eigentlichen Brutvögeln in manchen Jahren auch von Vögeln verstärkt, die das Gebiet lediglich „inspizieren“, letztendlich aber weiterziehen, um anderswo zu brüten. Die Jahresmaxima werden im Juli/August erreicht, wenn die lokalen Familien bei guten Nahrungsbedingungen noch durch die Zuzügler von benachbarten Brutgebieten verstärkt werden. Im Juli beträgt der Anteil der Altvögel durchschnittlich 80 %. Als erste ziehen im Sommer erfolglose Brutvögel ab, danach sinken die Zahlen bis in den Herbst hinein kontinuierlich, bis die letzten Säbelschnäbler Ende Oktober bis Anfang November das Gebiet verlassen.

Im zeitigen Frühjahr (Mitte März - Mitte April) wurden 1995 - 2001 maximal 200 - 300 Exemplare gezählt, was damals in etwa dem Brutbestand entsprach. 2011 - 2014 lagen die Zahlen in diesem Zeitraum viel höher; 2011 und 2012 wurden maximal 553 (Mitte April) und 524 Exemplare (Mitte März) erfasst, 2013 nur maximal 147 (Anfang April) und 2014 Ende März hingegen sogar 873 Exemplare. Diese Zahlen übersteigen in fast allen Jahren den Brutbestand deutlich und zeigen, dass der Seewinkel von sehr vielen „auswärtigen“ Säbelschnäblern besucht wird, die sich dann, je nach Vorliegen günstiger Brutmöglichkeiten, entweder zur Brut im Gebiet entschließen oder aber auch in andere, womöglich günstigere Gebiete weiter ziehen.

Die Sommermaxima lagen in den Jahren 1995 - 2001 bei 300 - 400 Säbelschnäblern, einmal wurden auch knapp über 600 Exemplare gezählt. 2011 - 2014 wurden die Jahresmaxima in den meisten Jahren im Juli oder August erreicht, wenn die lokalen Familien bei guten Nahrungsbedingungen noch um die Zuzügler von benachbarten Brutgebieten verstärkt wurden. Der absolute Gebietsrekord datiert dabei schon aus dem Jahr 2010 mit 873 Exemplaren. 2011 wurden Zahlen von 571 bis 584 Individuen erreicht, 2012 aufgrund ungünstiger Wasserstände und schlechtem Bruterfolg nur 469, 2013 bei ebenfalls schlechtem Bruterfolg nur 439 und zuletzt war 2014 das Sommermaximum mit 517 Individuen Anfang August wiederum unterdurchschnittlich.

Es zeigte sich somit in den Jahren 2011 - 2014 erneut, dass die lokale Brutpopulation in regem Austausch mit benachbarten Brutgebieten steht, sowohl was das Zuggeschehen als auch was die Bestandsdynamik betrifft. Der Bestand des Neusiedler See Gebietes muss daher als Teil einer größeren Population betrachtet werden.

Bedeutung des Vorkommens

Der Brutbestand des Säbelschnäblers im Seewinkel ist das einzige Vorkommen in Österreich und ein wichtiger Teil des bedeutenden binnenländischen Vorkommens der Großen Ungarischen Tiefebene.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Säbelschnäbler sind an fast allen vegetationsarmen Lacken des Seewinkels zu beobachten. Plätze, wo Säbelschnäbler bisweilen sehr nahe an Wegen brüten und somit gut beobachtbar sind, sind z. B. das Nordufer des Oberen Stinkersees, das Südufer der Langen Lacke, die Obere Halbjochlacke, die Fuchslochlacke sowie die Obere Hölllacke.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die Lacken des Seewinkels sind zumindest auf dem Papier als Teil des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel vor negativen Eingriffen geschützt. Allerdings kam es in den letzten Jahrzehnten aufgrund des durch niedrige Grundwasserstände verursachten „Lackensterbens“ zu einem nicht zu unterschätzenden Verlust an Brutplätzen für Limikolen. Diese besonders niedrigen Grundwasserstände in den oft über mehrere Jahre hinweg andauernden Trockenphasen sind vermutlich im Wesentlichen auf Wasserentnahmen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen zurückzuführen. Der Säbelschnäbler dürfte allerdings vorerst von den niedrigeren Wasserständen vor allem der Langen Lacke profitieren, da dadurch geeignete Neststandorte in sehr viel größerer Zahl zur Verfügung stehen. Sollte es aber mittel- bis langfristig zu einem Verschwinden wichtiger Brutlacken kommen, wird das Lackensterben auch für den Säbelschnäbler zur ernsten Bedrohung.

Langfristig ist daher die Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes der verbliebenen Salzlacken eine zentrale Maßnahme für den Säbelschnäbler und alle anderen brütenden und durchziehenden Limikolen im Seewinkel. Dazu zählt auch die Renaturierung von bereits degradierten Salzlacken.

Weiterführende Literatur

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Kohler , B. (1997): Habitatnutzung und Verteilungsmuster des Säbelschnäblers (Recurvirostra avosetta, L. 1758) an den Sodalacken des Seewinkels, Burgenland. Phil. Diss.Univ. Wien, 221 pp.

Kohler , B. (1999): Bestand und Bestandsdynamik der Seewinkler Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta) in den Jahren 1994-96 – Implikationen für künftige Managemententscheidungen des Nationalparks. Unpubl. Endbericht zum Forschungsprojekt: Die Brutvögel extremer Sodalacken, 19pp.

Kohler , B. (2002): Population dynamics of Avocets (Recurvirostra avosetta) in the Neusiedler See region, eastern Austria. In: Hötker , H. (Hrsg.) Proceedings of the Avocet population dynamics workshop at the Wader Study Group Annual Conference, 24-27 September 1999, île de Berder, France. WSG-Bulletin.

Kohler, B. & G. Rauer (1994): Limikolen. In: Dick, G., M. Dvorak, A. Grüll, B. Kohler & G. Rauer: Vogelparadies mit Zukunft? Ramsar Bericht 3,Neusiedler See-Seewinkel,Umweltbundesamt Wien,132–177.

Seitz, A. (1942): Die Brutvögel des „Seewinkels“ (der "Burgenländischen Salzsteppe") am Ostufer des Neusiedlersees, Gau Niederdonau. Niederdonau / Natur und Kultur 12. Heft. Verlag Karl Kühne, Wien-Leipzig. 52 pp.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.