Seeregenpfeifer

Charadrius alexandrinus

Das Lackengebiet ist das einzige Brutvorkommen des Seeregenpfeifers in Österreich. Für die hier brütenden 30 bis 45 Paare dieser kleinen Regenpfeiferart ist die Erhaltung der Salzlacken und Zickflächen von besonderer Bedeutung. Die besten Beobachtungsmöglichkeiten bietet das Gebiet "Gesielsteller" nordwestlich des Nationalparks-Informationszentrums. 

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Merkmale

Der Seeregenpfeifer ist oberseits braungrau und unterseits weiß gefärbt. Der Kopf zeichnet sich durch einen schwarzen Augenstreif und Ohrfleck, eine weiße Stirn und einen schwarz- und graubraunen Scheitel aus. An den Halsseiten ist ein dunkles, nicht wie bei Fluss- und Sandregenpfeifer zur Brutzeit geschlossenes Halsband vorhanden. Im Brutkleid sind Scheitel und Nacken des Männchens kräftig rostbraun gefärbt. Im Flug ist ein weißes Flügelband zu erkennen. Die mittellangen Beine sind dunkel und der kurze Schnabel ist ebenso wie die Augen schwarz gefärbt.

Lebensräume

Der Seeregenpfeifer ist neben dem Säbelschnäbler die einzige halophile (also auf Salz- oder besser gesagt Meeresküsten-Lebensräume angewiesene) Brutvogelart Österreichs. Der Seeregenpfeifer besiedelt in Europa flache, sandige Strandbereiche und Dünengebiete an den Meeresküsten und Salzböden, in Flachlandschaften mit aridem oder semiaridem Klima im Binnenland. Im kontinentalen Mitteleuropa bewohnt er daher die Sodalacken und Solontschakböden der Großen und Kleinen Ungarischen Tiefebene. An den Salzlacken des Seewinkels brütet die Art auf Halbinseln, kahlen Zick-, Sand- oder Schotterflächen am Lackenrand, aber auch in niederwüchsiger lückiger Salzvegetation (besonders in Salzkresse) im weiteren Überschwemmungsraum. Mehr oder weniger geschlossene Vegetationsstreifen, wie dichtere Salzfluren oder Hutweiden auf Salzböden, werden nur genutzt, wenn sie offene Pfannen oder Rücken beinhalten oder durch Verbiss und Betritt infolge regelmäßiger Beweidung hinreichend niedrig und lückig sind. Brutplätze, die im Laufe der Zeit von zu dichter Vegetation bedeckt werden, z. B. durch Verschilfung oder Verkrautung, werden aufgegeben. Der Seeregenpfeifer brütet oft  in der Nähe der Wasserlinie, gibt sein Nest aber bei Austrocknung der meist nur temporär wasserführenden Salzlacken nicht sofort auf.

Verbreitung

Global und national

Das Brutareal des Seeregenpfeifers umfasst die Küsten- und Steppenregionen Eurasiens von den Kapverdischen Inseln bis Japan. Er kommt außerdem in Nordafrika bis Somalia und in Teilen Südasiens vor. Die im Westen und Süden Nordamerikas, Teilen Mittelamerikas und der Westküste Südamerikas vorkommende Form, wird mittlerweile als eigene Art eingestuft. In Eurasien und Nordafrika sind drei Unterarten vertreten: die Nominatform, die im Großteil des Areals vom Norden Afrikas über Europa bis nach Ostasien, brütet, zwei weitere Unterarten kommen in Ostchina, Japan sowie in Süd- und Südostasien vor. Wichtige Rastplätze und Winterquartiere liegen z. B. in der französischen Camargue, in Mauretanien, in Libyen, im Ebrodelta und in den Feuchtgebiete im Süden der Iberischen Halbinsel. Die wichtigsten Überwinterungsplätze weiter östlich brütender Vögel, finden sich in Tunesien, im Norden Ägyptens aber auch weiter südlich in Afrika (Sudan, Nigeria). Der gesamte europäische Bestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 22.000 bis 35.000 Brutpaare geschätzt.

Wanderungen

Die Brutvögel im Südteil des Areals sind Standvögel, während die weiter im Norden lebenden Seeregenpfeifer, Zugvögel sind. Die Winterquartiere erstrecken sich vom Mittelmeer, etwa ab Valencia über Sardinien, Süditalien und die südliche Küste der Türkei bis zum Golf von Guinea, Somalia und dem Persischen Golf. Überwinterungsquartiere finden sich auch im Süden Asiens. Die Brutvögel des Seewinkels werden, wie die gesamte isolierte Binnenlandpopulation der Großen Ungarischen Tiefebene, einer südosteuropäischen Population zugerechnet, die hauptsächlich im östlichen Mittelmeerraum sowie am Schwarzen Meer brütet.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

Der Brutbestand wurde in den frühen 1940er-Jahren auf 60 - 80 und in den frühen 1950er Jahren auf mehr als 80 Brutpaare geschätzt. Ende der 1960er Jahre wurde der Bestand nur noch mit 35 - 40 Paaren angegeben. Detaillierte Zählungen in den Jahren 1991 - 1993 ergaben nur noch 27 - 32 Paare, weitere Erfassungen in den Jahren 1995 und 1996 30 - 32 und 30 - 34 Paare.

Aktuelle Erhebungen

In den Jahren 2001 - 2014 von B. Braun im Rahmen des Projektes „Vogelmonitoring im Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel“ durchgeführte systematische Erhebungen ergaben, dass der aktuelle Brutbestand zwischen 35 und 45 Paaren schwankt, und damit im Vergleich zur ersten Hälfte der 1990er Jahre leicht zugenommen hat. Die Ankunft der Brutvögel beginnt Mitte März und ist Ende April abgeschlossen. Abgesehen von nachbrutzeitlichen Wanderungen aus angrenzenden ungarischen Brutgebieten, ist kein Durchzug zu erwarten, da der Seewinkel die Grenze des Areals der südosteuropäischen Population darstellt. Auffällig war in den Jahren 1995 - 2001 die sommerliche Konzentration größerer Trupps (regelmäßig 30 - 80 Exemplare) auf die austrocknenden Schlammflächen einiger größerer Lacken (vor allem Illmitzer Zicksee, Oberer Stinkersee und Lange Lacke), was in manchen Jahren dazu führte, dass im August der gesamte Bestand an einer Lacke zu finden war. Diese Ansammlungen konnten allerdings in den Jahren 2011 - 2014 auf österreichischer Seite überhaupt nicht mehr nachgewiesen werden – die spätsommerlichen Zahlen bewegten sich zuletzt zwischen fünf und 20 Exemplaren und die letzten Vögel wurden zwischen Ende August und Mitte September nachgewiesen. 1995 - 2001 harrten die letzten Seeregenpfeifer bis Anfang November im Gebiet aus, selbst in trockenen Jahren konnten die letzten Seeregenpfeifer bis Ende September im Seewinkel beobachtet werden.

Bedeutung des Vorkommens

Das Lackengebiet ist das einzige Brutvorkommen des Seeregenpfeifers in Österreich.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Der traditionell beste Platz, um Seeregenpfeifer aus der Nähe zu sehen ist der Güterweg, der vom nordwestlichen Ortsrand von Illmitz zum Unteren Stinkersee führt. Er quert das über Jahre hinweg beste Brutgebiet der Art im Geiselsteller. Gute Beobachtungspunkte sind weiters das Südufer des Illmitzer Zicksees und in Jahren niedrigen Wasserstandes der Westteil der Langen Lacke (soferne dieser nicht ausgetrocknet ist).

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die Rastplätze im Seewinkel sind als Teil des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel vor negativen Eingriffen geschützt. Allerdings kam es in den letzten Jahrzehnten aufgrund des durch niedere Grundwasserstände verursachten „Lackensterbens“ zu einem nicht zu unterschätzenden Verlust sowohl an Brutplätzen als auch an Rastmöglichkeiten für brütende und rastende Limikolen. Diese besonders niedrigen Grundwasserstände in den oft über mehrere Jahre hinweg andauernden Trockenphasen sind vermutlich im Wesentlichen auf Wasserentnahmen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen zurückzuführen.

Der starke Rückgang der Seeregenpfeifer-Population des Seewinkels zwischen den 1940er und den 1980er Jahren war hingegen in erster Linie auf die Aufgabe des Hutweidebetriebs und der darauffolgenden Verkrautung und Verschilfung vieler ehemals weitgehend vegetationsloser lacken zurückzuführen. Seit der Wiedereinführung der Beweidung im Zuge des Nationalpark-Managements konnte die Wirkung dieses Faktors zumindest gestoppt und in manchen Bereichen sogar wieder rückgängig gemacht werden. Überregional wird für die gesamte südosteuropäische Population ein eher leicht fallender Trend angenommen, wobei dieser regional sehr unterschiedlich sein dürfte.

Langfristig ist daher die Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes der verbliebenen Salzlacken eine zentrale Maßnahme für den Seeregenpfeifer und alle anderen brütenden und durchziehenden Limikolen im Seewinkel. Dazu zählt auch die Renaturierung von bereits degradierten Salzlacken.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Braun, B. (1996): Bestandsgröße, Habitatwahl und Bruterfolg des Seeregenpfeifers (Charadrius alexandrinus) im Seewinkel (nördl. Burgenland). Dipl. Arb., Karl-Franzens-Universität Graz, 99 pp.

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.