Silberreiher

Casmerodius albus

Der Silberreiher ist die mit Abstand häufigste Reiherart am Neusiedler See. Mit jährlich rund 600 bis 700 Paaren ist das Brutvorkommen neben jenem in der ostungarischen Hortobagy-Puszta das größte in Mittel- und Osteuropa westlich der Ukraine. Die Brutkolonien liegen im Schilfgürtel des Sees großteils innerhalb der Naturzone des Nationalparks. 
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Merkmale

Der Silberreiher gehört mit dem Graureiher zu den größten im Nationalpark vorkommenden Reiherarten. Er hat ein rein weißes Gefieder und besitzt keine charakteristischen Zierfedern am Hinterkopf. Der Schnabel ist im Brutkleid schwarz mit gelben Schnabelgrund, im Jugendkleid und im Winter ist der Schnabel gelb.

Lebensräume

Am Neusiedler See liegen die Silberreiher-Kolonien ausschließlich in ungemähten Altschilfbeständen an den seeseitigen Rändern des Schilfgürtels. Eine Untersuchung  konnte zeigen, dass die Wassertiefe in den Jahren 1981 - 1995 keinen Einfluss auf die Koloniegröße und die Dauer der Besetzung einer Kolonie hatte. Die mittlere Koloniegröße zeigte hingegen eine signifikante Relation zur Breite des Schilfgürtels, Silberreiher bevorzugen diese Plätze vermutlich aufgrund ihrer relativ hohen Sicherheit vor Prädatoren.

Im Neusiedler See Gebiet verloren die Lacken des Seewinkels in den frühen 1990er Jahren gegenüber den 1960er und 1970er Jahren für Nahrung suchende Silberreiher stark an Attraktivität. Ein ursächlicher Zusammenhang mit dem zwischen 1967 und 1993 kontinuierlich gefallenen Grundwasserstand und dem damit viel häufigeren Austrocknen auch der grundwasserbeeinflussten Lacken ist dabei anzunehmen; im gleichen Zeitraum wurden Konzentrationen Nahrung suchender Silberreiher häufiger aus dem Schilfgürtel gemeldet. Systematische Beobachtungen aus den Jahren 1998 - 2000 zeigten, dass der Großteil der Nahrung suchenden Silberreiher den Schilfgürtel zur Fischjagd nutzt, wobei der Grad der Nutzung im Verlauf der Brutsaison noch anstieg; durch fallende Wasserstände konzentrierten sich im Schilfgürtel Fische auf kleinere und seichtere Wasserflächen und waren dadurch für den Silberreiher leichter erreichbar. In den Jahren 2000 - 2004 nutzten zwischen 80 und 100 % der aus der Kolonie auf der Großen Schilfinsel ausfliegenden Silberreiher den Schilfgürtel als Nahrungsraum. Äcker, im Seewinkel vor allem Rapsäcker, werden vorwiegend in den Monaten Dezember bis Mai zur Nahrungssuche genutzt, in den 1990er Jahren nahm die Zahl von auf Äckern jagenden Silberreiher gegenüber dem Zeitraum 1967 - 1988 deutlich zu.

Verbreitung

Global und national

Der Silberreiher ist weltweit verbreitet und brütet in den gemäßigten, subtropischen und tropischen Tiefländern aller Kontinente. Er ist überall eine der häufigsten und verbreitetsten Reiherarten. In Europa brütete der Silberreiher bis in die 1980er Jahre hinein ausschließlich im Südosten, wobei das Neusiedler See Gebiet bis dahin den am weitesten nach Westen vorgeschobenen Außenposten bildete. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 11.000 - 24.000 Paare geschätzt, zwei Drittel davon entfielen damals auf Russland und die Ukraine. Seit den 1990er Jahren kam es sowohl hinsichtlich der Brutverbreitung als auch hinsichtlich des Winterbestandes zu einer starken Ausbreitung bzw. zu einer Vergrößerung der Bestände. Silberreiher brüten mittlerweile in Oberitalien, an verschiedenen Stellen Westeuropas inklusive Südengland, besiedeln ein großes Vorkommen mit über 100 Paaren in Holland und haben sich im Norden Osteuropas in Polen, Weißrussland und in den baltischen Staaten angesiedelt. 2012 wurde sogar eine erste Brut aus Südschweden und damit von der Skandinavischen Halbinsel bekannt.

Wanderungen

Noch vor 20 Jahren überwinterten die europäischen Brutpopulationen in der Mehrzahl im Mittelmeergebiet, heutzutage ist der Silberreiher aber auch in Mittel- und Westeuropa ein häufiger Wintergast mit vielen Tausend Exemplaren. Das Überwinterungsgebiet der Vögel vom Neusiedler See umfasste in den 1960er Jahren die Adriaküsten, den mittleren Donauraum bis West-Rumänien und Tunesien. Ringfunde in Ungarn markierter Silberreiher lagen südöstlich bis zur Ägäis vor. Es ist anzunehmen, dass sich auch die Überwinterungsgebiete der Neusiedler See-Population verlagert haben, mangels spezieller Untersuchungen ist dazu allerdings wenig bekannt. Wie bei vielen anderen Reiherarten kommt es nach der Brutzeit vor allem bei Jungvögeln zu einem ausgeprägten, ungerichteten Zwischenzug. Während der Silberreiher noch in den 1950er und frühen 1960 Jahren das Neusiedler See Gebiet bis spätestens Mitte Jänner verlassen hatte, kam es ab den späten 1960er Jahren vermehrt zu Überwinterungen auch in Ostösterreich, wo die Art heute ein regelmäßiger Wintergast ist.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Wie verschiedene Quellen des 19. Jahrhunderts übereinstimmend zeigen, war der Silberreiher auch zur damaligen Zeit ein regelmäßiger Brutvogel des Neusiedler See Gebiets. In den 1920er Jahren war die Art nach Bernatzik, der schon damals mit dem Kleinflugzeug über den Schilfgürtel flog, häufig am Westufer anzutreffen. In den 1930er Jahren waren zwar 1932 gegen 200 Nester (Löffler, Silber- und Purpurreiher) vorhanden, in den Jahren 1933 und 1934 waren hingegen die Reiherkolonien auf wenige Dutzend Paare geschrumpft. 1935 fand man in einer Silberreiher-Kolonie 11 Paare und schätzte deren tatsächliche Größe auf 15 - 20 Paare. Mitte der 1930er Jahre hatte der See einen sehr niederen Wasserstand, worauf auch der damals starke Rückgang des Silberreihers zurückzuführen sein dürfte.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Bestand für die frühen 1950er Jahre in einer Periode verstärkter Beobachtungstätigkeit auf 120 - 140 Brutpaare geschätzt, die überwiegend am Westufer des Sees brüteten. Für das Jahr 1959 wurde der Bestand auf 200 Paare geschätzt

1960 wurde von der damaligen Biologischen Station Wilhelminenberg erstmals eine Zählung mit dem Hubschrauber durchgeführt, die einen Bestand von 329 Brutpaaren. Weitere Arbeiten der Station in den Reiherkolonien, die offensichtlich auch Zählungen aus der Luft und Beringungsarbeiten umfassten, sind leider nirgendwo dokumentiert. Die Zählungen mit dem Hubschrauber wurden dann in den Jahren 1970 bis 1976 fortgeführt, dabei wurden 1972 327 und 1973 326 Brutpaare gezählt, für die anderen Jahre wurden leider keine Zahlen angegeben. Aus einer beigegeben Grafik lässt sich allerdings ableiten, dass der Bestand in diesen Jahren in weiten Grenzen schwankte, mit einem Minimum von ca. 180 Paaren.

Aktuelle Erhebungen

1981 begannen seither alljährlich durchgeführte Bestandskontrollen per Flugzeug durch die Biologische Station Illmitz, später durch den Nationalpark zusammen mit BirdLife Österreich. Der Silberreiher-Bestand des Neusiedler Sees lag zu Beginn der 1980er Jahre auf einem relativ tiefen Niveau, nahm aber dann bis 1990 wieder auf über 400 Paare zu, um im Trockenjahr 1991 wieder auf 174 Paare zu fallen. Danach kam es bis 1997 zu einer deutlichen Zunahme, die dann 1995 (einem ausgesprochenen Hochwasserjahr) und 1999 in den bisherigen Maximalzahlen von 737 bzw. 763 Paaren gipfelten mit einem weiteren Maximum von 745 Paaren im Jahr 2003. In den trockenen Jahren ab 2004 nahm die Population dann rasch ab auf 518 im Jahr 2005 und 486 Paare im Jahr 2006. Seither ist mit steigenden Wasserständen wiederum ein deutlicher Aufschwung zu verzeichnen, der Brutbestand bewegt sich um 650 Paare mit Maximalzahlen von bis zu 760 Paaren.

Bedeutung des Vorkommens

Das Neusiedler See-Gebiet beherbergt neben den Fischteichen der Hortobágy Puszta in Ostungarn das größte Brutvorkommen Mittel- und Osteuropas westlich der Ukraine.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Silberreiher sind das ganze Jahr über an den Gewässern und auch auf Äckern und Brachen im Nationalpark zu beobachten.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Notwendig ist die Lenkung der Schilfbewirtschaftung durch die Ausweisung von Zonen unterschiedlicher Nutzung inklusive der Einrichtung von großflächigen Altschilfreservaten in Gebieten mit bestehenden Reiherkolonien oder in Gebieten, die hinsichtlich Struktur und Störungsfreiheit als Standorte für Brutkolonien geeignet sind. Weiters ist das Offenhalten von bestehenden Kanälen im Schilfgürtel notwendig, um die Vitalität des Schilfgürtels zu erhalten.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Bernatzik, H.A. (1941): Vogelparadies. Vogelparadiese und Menschen in europäischen Rückzugsgebieten. Koehler & Voigtländer, Leipzig. 88 pp.

Festetics, A. & B. Leisler (1999): Die Brutkolonien der Reiher und Löffler am Neusiedler See – Bestandsentwicklung, Nistökologie, Naturschutz. Ökol. Vögel 21: 269-329.

Grüll, A. (1998): Veränderungen in der Wahl der Nahrungshabitate beim Silberreiher (Casmerodius albus) am Neusiedler See. Egretta 41: 1-14.

Grüll, A. & A. Ranner (1998): Populations of the Great Egret and Purple Heron in Relation to Ecological Factors in the Reed Belt of the Neusiedler See. Colonial Waterbirds 21: 328-334.

Koenig, O. (1961): Neue Wege zur Erforschung der Reiherkolonien des Neusiedler Sees. Bgld. Heimatbl. 22: 15-22.

Ławicki, Ł. (2014): The Great White Egret in Europe: population increase and range expansion since 1980. British Birds 107: 8-25.

Nemeth, E., P. Grubbauer, M. Rössler & A. Schuster (2004): Ökologische Untersuchungen an den Reihern und Löfflern des Neusiedler See-Gebietes. Habitatwahl. Nahrungsökologie, Bruterfolg, Populationsentwicklung und Schutz der in Kolonien brütenden Schreitvögel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 92: 1-22.

Nemeth, E. & P. Grubbauer (2005): Zur aktuellen Bestandssituation der Reiher und Löffler des Neusiedler See-Gebietes. Egretta 48: 1-18.

Nemeth, E. & A. Schuster (2005): Spatial and temporal variation of habitat and prey utilization in the Great White Egret Ardea alba alba at Lake Neusiedl, Austria. Bird Study, 52: 129-136.

Seitz, A. (1937): Von den Reiherkolonien des Neusiedlersees (Österreich) 1935. Beitr. Fortpflanzungsbiol. Vögel 13: 13-22.

Zink, G. (1976): Ringfundergebnisse bei den Silberreihern (Casmerodius albus) des mittleren Donauraums. Suppl. Ricerche Biol. Selvaggina 7: 823-828.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.