Zwergdommel

Ixobrychus minutus

Als Vogelart, die eine versteckte Lebensweise in dichter Ufervegetation führt, ist die Zwergdommel im Schilfgürtel eher zu hören und nur sehr schwer zu beobachten. Der Schilfgürtel des Neusiedler Sees beherbergt den mit Abstand größten Brutbestand in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels wohl um eines der wichtigsten Einzelvorkommen in Mitteleuropa.
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Merkmale

Die Zwergdommel ist die mit Abstand die kleinste Reiherart Europas, daher in Mitteleuropa unverkennbar. Sie wirkt im Sitzen dick- und kurzhalsig, im Flug sind der schnelle, flatternde Flügelschlag sowie das breite, beige (beim Weibchen lehmfarbene) Armdeckenfeld markant. Jungvögel sind mehr einheitlich braun gefleckt, das Armdeckenfeld ist weniger deutlich als bei den Altvögeln ausgeprägt.

Lebensräume

Abseits des Neusiedler Sees besiedelt die Zwergdommel vorzugsweise kleinere und größere Stillgewässer, die einen unter Wasser stehenden Röhrichtgürtel aus Schilf, Rohrkolben und ähnlicher Verlandungsvegetation aufweisen. Die Größe des Röhrichtbestandes spielt nur eine untergeordnete Rolle, da die Art auch in schmalen Schilfstreifen entlang von Altwässern und Kanälen sowie an kleineren Fischteichen und Schottergruben brütet. Auch im Seewinkel wurden rufende Vögel bereits in sehr kleinen Schilfflächen, wie z. B. am Silbersee oder an der Langen Lacke festgestellt. Im Wiener Stadtgebiet hatte das kleinste besiedelte Gewässer eine Ausdehnung von 0,8 ha, der kleinste besiedelte Schilfbestand war gerade 200 m² groß.

Zu den Lebensraumansprüchen der Zwergdommel im Schilfgürtel des Neusiedler Sees liegen einige Hinweise aus der Untersuchung der Kernzone des Nationalparks in den Jahren 1994/95 vor. Es zeigte sich, dass hier ausschließlich höhere Schilfbestände mit dicken Halmen besiedelt waren, Altschilfbereiche jedoch gemieden wurden. Diese Bestände fanden sich entweder am seeseitigen Schilfrand (dem Seewall), entlang von Kanälen oder am Rande größerer Plänken. In der Kernzone waren daher zumindest in den Jahren 1994/95 nur wenige Prozent der Fläche für die Zwergdommel geeignet.

Verbreitung

Global und national

Die Zwergdommel besiedelt in fünf Unterarten ein sehr weitläufiges Areal in Europa und in weiten Teilen der Alten Welt. Die Nominatform ist über weite Teile Europas mit Ausnahme des Nordens verbreitet, ihr Areal umfasst aber auch Nordafrika, den Nahen und Mittleren Osten, die westlichen Teile Zentralasiens bis Sinkiang sowie den Norden des Indischen Subkontinents östlich bis Assam. In Europa brütet die Zwergdommel nur in West-, Süd-, Mittel- und im südlichen Osteuropa und fehlt auf den Britischen Inseln und in Skandinavien. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 60.000 - 120.000 Paare geschätzt, ca. 55 % davon entfallen auf Russland und die Ukraine.

Wanderungen

Die in Europa brütenden Zwergdommeln sind im Gegensatz zu anderen Unterarten ausgesprochene Weitstreckenzieher und überwintern vorwiegend im östlichen und südlichen Afrika, seltener in Westafrika. Die Rückkehr ins Brutgebiet beginnt im Verlauf des Aprils und in der ersten Maiwoche. Nach der Brutzeit verstreichen zuerst die Jungvögel, der Wegzug der Altvögel beginnt im August und erreicht im September seinen Höhepunkt.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

In den frühen 1940er-Jahren war die Art ein häufiger Brutvogel sowohl am Neusiedler See als auch an den Lacken, für die späten 1940er und frühen 1950er Jahre wurde ihre Häufigkeit sogar noch höher eingeschätzt. Zu Beginn der 1960er Jahre wurden alleine für den Bereich des Seebades Rust nicht weniger als 78 Nester angegeben. Auf einer sehr kleineren Fläche von wenig mehr als zwei Hektar brüteten damals fünf Paare. Im Verlauf der 1970er und 1980er Jahre muss es dann offenbar zu einem sehr starken Rückgang gekommen sein, weder im Archiv von BirdLife Österreich gesammelte Beobachtungen noch in den 1980er Jahren im Schilfgürtel des Neusiedler Sees durchgeführten Untersuchungen ergaben Hinweise auf derartig hohe Dichten.

1983 wurden an den Seedämmen Winden und Biologische Station Dichten von 3-4 Revieren/km² festgestellt, eine weitere Zählung im Jahr 1989 in denselben Gebieten ergab jedoch nur mehr 0,6 - 1,3 Reviere/km². 1994 wurde in der Kernzone des Nationalparks eine großflächige Bestandserfassung auf einer, 14,2 km² großen Schilffläche durchgeführt und ergab nur neun Reviere. Eine Hochrechnung mit diesen Zahlen für den österreichischen Schilfgürtel ergab zumindest 60 Reviere.

Aktuelle Erhebungen

Die Zwergdommel ist ein verbreiteter, aber nur in geringer Dichte vorkommender Brutvogel im Schilfgürtel des Neusiedler Sees und besiedelt in kleinerer Zahl auch die stärker verschilften Lacken im Seewinkel.

Seit der Erhebungen in der Kernzone im Jahr 1995 wurde nur mehr 2005 und 2006 eine weitere Untersuchung im gesamten Schilfgürtel des Sees durchgeführt, in deren Rahmen auch Daten zum Vorkommen  der Zwergdommel gesammelt wurden. Entlang des Seedamms Purbach wurden im Rahmen von fünf Begehungen vier Reviere kartiert, entlang des Seedamms Mörbisch waren es drei, entlang des Seedamms Winden ein Revier und in der Umgebung des Seebades Jois fanden sich drei Reviere. Die langjährigen Erhebungen im Rahmen des Nationalpark-Monitorings (2001 - 2005) entlang des Seedammes Mörbisch ergaben lediglich für 2004 drei Reviere, in allen anderen Jahren gelangen keine Beobachtungen der Zwergdommel.

Eine Bestandsschätzung für das gesamte Neusiedler See Gebiet anhand dieser wenigen Daten birgt viele Unsicherheiten. Geht man von einem Erfassungsband entlang der Dämme von insgesamt 500 Metern aus, dann ergeben sich für die beiden zufrieden stellend erfassten Strecken in Mörbisch bzw. Purbach drei Reviere auf 0,7 km² (4,2/km²) bzw. vier Reviere auf 1,4 km² (2,8/km²). Da in fünf von acht weiteren Untersuchungsgebieten keine Nachweise der Zwergdommel gelangen, ist davon auszugehen, dass der Schilfgürtel sehr ungleichmäßig besiedelt ist, eine Annahme, die auch von den großflächigen Erfassungen in der Kernzone des Nationalparks in den Jahren 1994 und 2005 gestützt wird.

Geht man davon aus, dass nur 20 - 30 % des Schilfgürtels von der Zwergdommel besiedelt sind, dann ergibt sich rechnerisch ein Gesamtbestand von 56 bis 126 Brutpaaren; gerundet ergibt sich also eine Schätzung von 60 - 120 Brutpaaren für die österreichische Seite des Neusiedler Sees. Zusätzlich ist im Seewinkel mit maximal 5 - 15 weiteren Brutpaaren zu rechnen, sodass sich die Bestandsschätzung für das gesamte Neusiedler See Gebiet auf 70 - 130 Brutpaare beläuft. Diese Schätzung entspricht in etwa den Zahlen für die Mitte der 1990er-Jahre; der Bestandsrückgang dürfte sich daher in den letzten 10 - 15 Jahren nicht mehr fortgesetzt haben, es ist aber umgekehrt mit Sicherheit auch nicht zu einer Zunahme gekommen.

Bedeutung des Vorkommens

Auch wenn der Schilfgürtel in Relation zu seiner Größe und der Dichten, die die Art an kleineren Gewässern erreicht, nur spärlich und lokal besiedelt ist, so beherbergt er doch den mit Abstand größten Brutbestand in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels wohl um eines der wichtigsten Einzelvorkommen in Mitteleuropa.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Als Vogelart, die eine versteckte Lebensweise in dichter Ufervegetation führt, ist die Zwergdommel im Schilfgürtel eher zu hören und nur sehr schwer zu beobachten. Auch an den kleinen, übersichtlichen Gewässern im Seewinkel ist ein akustisches Entdecken (Balz- und Bettelrufe der Jungvögel) Erfolg versprechender. Sichtbeobachtungen gelingen am ehesten im Juni und Juli zur Zeit der Jungenfütterung, zu dieser Zeit fallen auch die Bettelrufe der Jungvögel auf. z. B. im Schilfgürtel entlang der Illmitzer Seestraße

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Der europaweite Rückgang der Art hat offensichtlich fast überall erst in den 1970er Jahren voll eingesetzt und kann nicht nur auf Lebensraumverluste zurückgeführt werden, da selbst in ausgedehnten Schilfgebieten, die im fraglichen Zeitraum offensichtlich nur wenig verändert wurden, deutliche Rückgänge registriert wurden. Negative Tendenzen wurden zur selben Zeit auch bei anderen europäischen Weitstreckenziehern festgestellt. Allgemein wird angenommen, dass diese Rückgänge teilweise auf eine erhöhte Mortalität während des Zuges oder im Winterquartier zurückzuführen sind, wenngleich ein Zusammenhang mit Habitatveränderungen außerhalb Europas bisher erst in ganz wenigen Fällen hergestellt werden konnte.

Lokal wurden und werden Rückgänge hingegen sehr wohl von Habitatveränderungen verursacht oder zumindest mitverursacht. So lässt sich z. B. der Rückgang der Population am Neusiedler See nicht allein durch Veränderungen im Winterquartier erklären, sondern ist wahrscheinlich auch durch den Rückgang von starkhalmigen, vitalen Schilfbeständen bedingt.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Dvorak, M., E. Nemeth, S. Tebbich, M. Rössler & K. Busse (1997): Verbreitung, Bestand und Habitatwahl schilfbewohnender Vogelarten in der Naturzone des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 86: 1-69.

Graefe, I.B. (1963): Schaffung künstlicher Nistplätze für schilfbewohnende Vögel. Natur und Land 50: 1-3.

Koenig, O. (1952): Ökologie und Verhalten der Vögel des Neusiedlersee-Schilfgürtels. J. Orn. 93: 207-289.

Koenig, O. (1961): Über Besiedlungsdichte und Nestfeinde in einem Zwergdommel-Brutgebiet. Die Pyramide 9: 23-24.

Sabathy, E. (1998): Zum Vorkommen der Zwergrohrdommel (Ixobrychus minutus) in Wien unter Berücksichtigung methodischer Aspekte der Bestandserfassung. Egretta 41: 67-89.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.