Zwerggans

Anser erythropus

Die Zwerggans ist am Neusiedler See ein sehr seltener Wintergast. Man braucht neben etwas Glück, viel Geduld und einer guten Ausrüstung (Fernglas, Fernrohr und gute Winterkleidung!), auch etwas Übung, um in den großen gemischten Scharen weidender Gänse einzelne Zwerggänse zu entdecken. Seit etwa 15 Jahren wurden aber jährlich mehrere Individuen dieser global bedrohten Art im Seewinkel beobachtet.
mehr erfahren...

Merkmale

Die Zwerggans ähnelt einer Miniaturausgabe der Blässgans, wirkt aber insgesamt etwas dünkler. Charakteristische Unterscheidungsmerkmale zur Blässgans sind neben der Größe, der deutlich kürzere rötliche Schnabel, die größere weiße Blässe und ein (zumindest aus der Nähe auffälliger) gelber Augenring. Die Flugrufe einzelner Zwerggänse, ein meist zwei- bis dreisilbig vorgetragenes „kju-ju“, sind aber aus überfliegenden gemischten Gänsekeilen kaum bis gar nicht herauszuhören.

Lebensräume

Zwerggänse sind Brutvogel höherer Lagen und brüten in Sumpf- und Marschland in der Wald- und Strauchtundra des Nordens, wo sie  ihre Nester auf schneefreien Anhöhen oder in Dickichten anlegen. Sie fressen vor allem kurze Gräser und Kräuter. Für die Nahrungssuche ist es deshalb wichtig, dass die Flächen niedrig bewachsen sind, was gleichzeitig auch einen Schutz vor Fressfeinden bietet. Natürliche Weidelandschaften und auch das Neusiedler See Gebiet mit seinen ausgedehnten, teilweise kurzrasigen Hutweiden, bieten deshalb ideale Nahrungshabitate.

Verbreitung

Global und national

Die Zwerggans war einst eine weit verbreitete Art des subarktischen Eurasiens von Norwegen bis Ostsibirien. Nach einem extremen Rückgang in den letzten Jahrzehnten beträgt die Weltpopulation nur mehr 28 - 33.000 Exemplare mit weiter fallendem Trend und zählt deshalb zu den global bedrohte Arten. Im westlichen Eurasien werden zwei Populationen unterschieden, die sehr kleine nordeuropäische (v. a. Norwegen und Kola-Halbinsel) mit 30 - 45 Paaren in Norwegen, Finnland und Schweden sowie einer unbekannten Zahl (wenige Dutzend) im europäischen Teil Russlands, und die westsibirische Population (Yamal bis Taimyr) mit geschätzt 8.000 - 13.000 Vögel.

Wanderungen

Die Zwerggans ist ein Zugvogel. Erst in den letzten Jahren konnten durch Beringungsprogramme und Satellitentelemetrie die komplexen Zugsysteme der Art erforscht werden. Demnach zieht der Großteils der westsibirischen Population über Kasachstan ans Schwarze Meer bzw. über die kaspische Region in den mittleren Osten (z. B. in den Irak). Die kleine nordeuropäische Population zieht nach Nordgriechenland.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Aktuelle Erhebungen

Erst seit dem Winter 1999/2000 konnten im Neusiedler See Gebiet alljährlich mehrere Zwerggänse beobachtet werden. In den 1980er Jahren wurde nur eine Zwerggans beobachtet, in den 1990er Jahren 13 Individuen, von 2001 bis 2005 64 und von 2006 - 2010 179 Individuen. Die durchschnittliche Zahl der Individuen pro Meldung stieg in den Jahren 2006 - 2010 auf 2,2 im Vergleich zu nur 1,9 im Zeitraum 2001 - 2005. Ob der Anstieg der Nachweise nur auf eine intensivere Beobachtungstätigkeit zurückzuführen ist, oder auch Teil einer Zugwegeverlagerung ist, kann nicht gesagt werden. Auch die Frage, ob die hier durchziehenden und rastenden Vögel zur nordeuropäischen Subpopulation gehören oder russischer Herkunft sind kann noch nicht eindeutig beantwortet werden. Unter 161 altersmäßig bestimmten Vögeln waren 122 ad, 16 immat. und 23 juvenil, was den schlechten Bruterfolg dieser extrem gefährdeten Art zeigt.

Bedeutung des Vorkommens

Bei einer global bedrohten Art wie der Zwerggans zählt wohl jedes Exemplar! Zwar sind die im Nationalpark Neusiedler See Seewinkel durchziehenden und rastenden Zahlen im Vergleich zur Gesamtpopulation der Art gering, doch bedarf es bei einer derart gefährdeten Art aller Schutzmaßnahmen, selbst bei nur geringsten Rastbeständen.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Am Neusiedler See ist die Zwerggans immer noch ein sehr seltener Wintergast. Man braucht neben etwas Glück, viel Geduld und einer guten Ausrüstung (Fernglas, Fernrohr und gute Winterkleidung!), auch etwas Übung, um in den großen gemischten Scharen weidender Gänse einzelne Zwerggänse zu entdecken.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Der weltweite Bestandsrückgang der Zwerggänse in den letzten Jahren konnte trotz vieler Artenschutzprogramme nicht gestoppt werden. Deshalb müssen die im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel durchziehenden und rastenden Exemplare - mögen sie zahlenmäßig auch nicht  sehr bedeutend sein - unbedingt geschützt werden! 

Wie alle seltenen Gänsearten im Gebiet sind sie besonders durch Fehlabschüsse während der Winterwasservogeljagd gefährdet. Es wäre dringend notwendig, die erlaubten Jagdzeiten nochmals zu überdenken und besser auf den Durchzug der seltenen Zwerggänse abzustimmen.

Weiterführende Literatur

Laber, J. & A. Pellinger (2008): Die durchziehenden und überwinternden Gänsebestände der Gattung Anser und Branta im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel Egretta 49: 35-51.

Laber, J. & A. Pellinger (2011): Die durchziehenden und überwinternden Gänse im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel in den Winterhalbjahren 2006/07 bis 2010/11 Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 22: 1-8.