Zwergscharbe

Phalacrocorax pygmaeus

Die Zwergscharbe ist seit 2007 Brutvogel im Schilfgürtel des Neusiedler Sees. Die Anzahl der Brutpaare ist seither von 14 auf über 100 angestiegen, dennoch ist die Art wegen ihrer Lebensweise oft recht unauffällig. Einzelne Exemplare sind aber fast immer an den dem See vorgelagerten beweideten Flächen zu entdecken, im Spätsommer kommt es manchmal zu Ansammlungen von mehreren hundert Individuen zum Beispiel im Bereich Sandeck, Graurinderkoppel oder auch beim Illmitzer Seebad.
mehr erfahren...

Merkmale

Das Gefieder der Zwergscharbe ist schwarz und schimmert bei Lichteinfall metallisch, nur am Kopf ist sie bräunlich gefärbt. Zwischen den Zehen hat die Zwergscharbe Schwimmhäute. Neben der viel geringen Größe ist sie durch den langen Schwanz und den kurzen, dicken Schnabel vom Kormoran zu unterscheiden.

Lebensräume

Die am Neusiedler See brütenden Zwergscharben suchen ihre Nahrung so gut wie ausschließlich im weiteren Umkreis der Brutkolonie auf der großen Schilfinsel in der Kernzone des Nationalparks. Zur Nahrungssuche werden größere offene Wasserstellen im Schilfgürtel genutzt, wie sie im Bereich der Kernzone vor allem nördlich und südlich vom Sandeck sehr häufig zu finden sind. Beobachtungen der aus der Kolonie ausfliegenden Zwergscharben ergaben, dass die Vögel im Durchschnitt 2,5 km zurücklegten, bevor sie in offenen Wasserflächen des Schilfgürtels landeten. Innerhalb der gemischten Reiherkolonie bilden die Zwergscharben eine kleine „Unterkolonie“ und brüten hier dicht gedrängt auf kleinen, von umgebrochenen Schilfbülten gebildeten Plattformen.

Verbreitung

Global und national

Das Verbreitungsgebiet der Zwergscharbe reicht vom Südosten Europas über die Schwarzmeerküsten bis nach Zentralasien. In Europa brütete die Art bis in die 1990er Jahre nur in den größeren Feuchtgebieten am Balkan sowie in den Küstengebieten des nördlichen Schwarzen Meeres, des Asowschen Meeres und des Kaspischen Meeres. In den letzten drei Jahrzehnten war in Europa eine starke Ausbreitung nach Norden und Westen zu verzeichnen, gekoppelt mit einer starken Bestandszunahme. Der Anstieg der Brutpopulationen in Südosteuropa begann mit Neuansiedlungen in Ungarn, wo es 2004 bereits fünf Brutplätze gab und Oberitalien, wo 2004 insgesamt bereits 600 Paare brüteten. In den letzten 10 Jahren nahm auch die Zahl der Nachweise außerhalb des Brutgebiets in Mittel- und vereinzelt auch in Westeuopa stark zu. In den 1990er Jahren wurde die Art als „near threatened“ („Gefährdung droht“) in der Liste der global gefährdeten Vogelarten geführt, im letzten Jahrzehnt konnte sie jedoch nach einer deutlichen Bestandszunahme wieder auf „least concern“, also ungefährdet, zurückgestuft werden. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 28.000 - 39.000 Paare geschätzt, es ist aber damit zu rechnen, dass diese Zahl bereits überholt ist und der tatsächliche Bestand deutlich höher liegt.

Wanderungen

Die Zwergscharben überwintert teilweise am Einserkanal und in den Überschwemmungsgebieten im ungarischen Teil des Nationalparks.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Aktuelle Erhebungen

Während die Zwergscharbe bis zum Jahr 2006 im Neusiedler See Gebiet nur ein sehr seltener Gast war änderte sich dies im Jahr 2007 als die Art im Südteil des Neusiedler Sees überraschend als neuer Brutvogel für Österreich nachgewiesen werden konnte. In diesem Jahr wurden 14 Nester entdeckt. Sie lagen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Silberreihern oder Löfflern in einer großen gemischten Reiherkolonie. Im Jahr 2008 wurden 16 Brutpaare gezählt, 2009 stieg der Bestand auf 77 Paare und 2010 konnten nur 52 besetzte Nester gezählt werden. In den darauf folgenden Jahren überstieg der Brutbestand dann jeweils 100 Paare: 2011 waren es 146, 2012 116 und 2013 wurde der bisherige Rekordwert von 189 Brutpaaren erreicht.

Als Folge des starken Anstiegs des Brutbestandes in den Jahren 2009 - 2011 kam es im Spätsommer und Herbst dieser Jahre nach der Brutzeit an den Abenden zu größeren Ansammlungen im Sandeck südwestlich von Illmitz: 2009 wurden maximal 450, 2010 nur 42, 2011 aber sogar bis zu 720 Exemplare gezählt.

Bedeutung des Vorkommens

Der Neusiedler See beherbergt das einzige Brutvorkommen in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich um ein bedeutendes Einzelvorkommen in Mitteleuropa mit 0,5 % des 1998 - 2002 geschätzten europäischen Brutbestandes. Der Brutplatz am Neusiedler See markiert derzeit den äußersten Nordwestrand des regelmäßig besiedelten Brutareals.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Zur Brutzeit sind Zwergscharben an den Lacken des Seewinkels und am Ostufer des Neusiedler Sees nur unregelmäßig zu beobachten. Öfter gelingen Sichtungen auf den Gewässerrändern der beweidenden Seerandflächen (Podersdorfer Koppel, Illmitzer Warmblutkoppel). Außerhalb der Brutzeit im Spätsommer und Herbst sammeln sie sich häufig in größeren Trupps im Seevorgelände  (Sandeck und Neudegg). Der beste Platz um sie zu beobachten ist dann das Seebad Illmitz, wo sich in einigen größeren Ölweiden im August und September regelmäßig bis zu 50 Vögel versammeln.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Da sowohl die Brutplätze als auch der Großteil der derzeit genutzten Nahrungsgebiete in Bereichen liegen, die der Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel gepachtet hat sind momentan keine Gefährdungsfaktoren vorhanden. Das Wehr am Einserkanal bei Mexikopuszta sollte weiterhin unter einer Bedienungsvorschrift stehen, die vor allem Im Frühjahr einen maximalen Wasserrückhalt gewährleistet.

Weiterführende Literatur

Nemeth, E. (2008): Die Zwergscharbe (Phalacrocorax pygmeus Pallas 1773) – Ein neuer Brutvogel für Österreich. Egretta 49: 2-5.

Nemeth, E. & M. Dvorak (2012): Bestandsentwicklung der Zwergscharbe (Phalacrocorax pygmeus) 2007-2011 und erster Brutnachweis des Kormorans (Phalacrocorax carbo) am Neusiedler See. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 23: 14-16.

Lawicki, L., L. Khil & P. P. de Vries (2012): Expansion of Pygmy Cormorant in central and western Europe and increase of breeding population in southern Europe. Dutch Birding 34: 273-288.

Szinai, P. (2005): The present status of Pygmy Cormorants (Phalacrocorax pygmeus) in Hungary. Cormorant Study Group Bulletin 6: 19-20.