Blaukehlchen

Luscinia svecica

Das Blaukehlchen profitiert von niedrigen Wasserständen im Schilfgürtel des Neusiedler Sees. Die scheuen Vögel sind relativ schwer zu beobachten, besonders wichtig ist daher die Kenntnis des Gesanges. Die besten Möglichkeiten ergeben sich am ehesten im Schilfrandbereich, z.B. im Bereich der Zitzmannsdorfer Wiesen.

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Merkmal

Das Blaukehlchen ist einheitlich kleiner graubrauner Insektenfresser. Beide Geschlechter haben einen markanten weißen Überaugenstreifen. Beim Männchen fällt die namensgebende azurblaue Kehlzeichnung auf, die bei der Mitteleuropäischen Untart cyanuecula, in der Mitte ein weißer Fleck aufweist, weshalb sie „Weißsterniges Blaukehlchen“ genannt wird. Das Weibchen weist eine schmutzig/weiße Kehle mit schwärzlicher Zeichnung auf. Die Innenseiten der Schwanzfedern sind bei beiden Geschlechtern auffällig rostbraun, ein sicheres Merkmal woran man die Vögel auch beim Auffliegen gut erkennen kann. Jungvögel sind an der rahmfarbigen Fleckung der Spitzen der Großen Arm- und Handdecken zu erkennen. Auch an anderen Körperpartien tritt eine helle Fleckung auf, die an junge Rotkehlchen erinnert. Die Stimme des Blaukehlchens, klingt meist sehr melodiös aus dem Schilfbestand, besteht aus mehrfach wiederholten Strophen und enthält sehr oft die Nachahmungen der Rufe und Gesänge anderer Vogelarten.

Lebensräume

Das Weißsternige Blaukehlchen war ursprünglich ein Brutvogel der Verlandungszonen von Niedermooren und Fließgewässern. An den Ufern von Flachseen wie dem Neusiedler See war das Blaukehlchen einst in der landseitigen Übergangszone zwischen geschlossenem Schilfwald und den Großseggenrieden verbreitet, wo aufgelockertes Grauweidengebüsch zum Bruchwald überleitet. Schon ein geringer Wasserstandsanstieg im cm-Bereich kann hier Überflutungen von mehreren km² bewirken. Standorte mit natürlicher Überschwemmungsdynamik sind jedoch heute selten geworden. Für das Neusiedler See Gebiet ist davon auszugehen, dass bis in die 1950er Jahre hinein ein Großteil der Population in den seeseitigen Randzonen (im Primärhabitat) brütete. Ab den 1960er Jahren wurden zunehmend Sekundärhabitate (Abbaustellen, künstlich angelegte Teiche mit Verlandungszonen, verschilfte Gräben an Weingärten und Wegen sowie angrenzenden Schilfbeständen) im Seewinkel besiedelt, sodass um 1980 ein großer Teil der Population in solchen Lebensräumen zu finden war. Für eine Ansiedlung dürfte die vorhandene Fläche an schütteren Krautbeständen den Ausschlag geben.

Verbreitung

Global und national

Das Blaukehlchen kommt in der ganzen Paläarktis vor, ein kleines Gebiet wird auch an der Westküste Alaskas besiedelt. In Europa ist das Blaukehlchen in mehreren Unterarten eher unregelmäßig verbreitet. Im Westen gibt es Vorkommen in einigen Gebirgen Zentralspaniens, an der Atlantikküste Frankreichs und an der Nordseeküste von Frankreich bis Norddeutschland. In Mitteleuropa kommt es einerseits lokal in den Niederungen vor und brütet an wenigen Stellen auch in den Gebirgen. In Osteuropa ist das Blaukehlchen bis nach Weißrussland und Russland weit verbreitet. In Europa finden sich mehrere gut unterscheidbare Unterarten: Das Rotsternige Blaukehlchen bewohnt den gesamten Norden der Paläarktischen Region von Skandinavien bis Ostsibirien sowie Nordalaska („Tundrablaukehlchen“). Das Weißsternige Blaukehlchen kommt von Belgien und Ostfrankreich bis zu den Karpaten und nach Weißrussland und Russland vor. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 4.500.000 - 7.000.000 Paare geschätzt, davon entfallen aber über 90 % auf das Rotsternige Blaukehlchen.

Wanderungen

Das Blaukehlchen ist ein Weitstreckenzieher, wobei die verschiedenen Unterarten unterschiedliche Winterquartiere haben. Das Hauptüberwinterungsgebiet des, in den Niederungen Mittel- und Osteuropas verbreiteten Weißsternigen Blaukehlchens liegt in den Trocken- und Feuchtsavannen südlich der Sahara von Senegal und Guinea bis Nigeria. Das Rotsternige Blaukehlchen überwintert vor allem in der Region des indischen Subkontinents, aber auch in Südost-China, Syrien, Israel, auf der arabischen Halbinsel und in Afrika südlich der Sahara. Mitteleuropäische Brutvögel verlassen ihre Brutgebiete in Richtung Südwest. Gibraltar und Malta werden am Wegzug von September bis November passiert, am Heimzug von Mitte März bis Anfang Mai. Im Bodenseegebiet, im Schatten der Alpen, erreicht der Heimzug in der 1. Aprilhälfte seinen Höhepunkt

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

R. Zimmermann fasst den Status zu Beginn der 1940er Jahre wie folgt zusammen: „das Weißsternige Blaukehlchen ist ein über das gesamte Gebiet verbreiteter, stellenweise häufiger Brutvogel“. Er betont besonders die hohen Dichten in den Grauweiden-Beständen bei Purbach und Neusiedl. Ähnlich stuften K. Bauer und Mitarbeiter den Status der Art 10 Jahre später ein: „Häufiger Brutvogel der Verlandungszone des Sees“. Am zwei Kilometer langen Damm zum Seebad Neusiedl lagen 1951 10 - 12 Blaukehlchen-Reviere.“ Als Verbreitungsschwerpunkte werden in diesen beiden und in allen weiteren verfügbaren Quellen übereinstimmend die landseitigen Schilfränder genannt, keine einzige der älteren Arbeiten (vor 1960) macht Angaben zu Vorkommen außerhalb der Seerandzone. In den Jahren ab 1960 und bis 1980 besiedelte das Blaukehlchen dann sehr rasch zahlreiche Sekundärstandorte im Seewinkel, von wo in diesem Zeitraum zumindest 40 verschiedene Vorkommen gemeldet wurden; die früheren Verbreitungsschwerpunkte in der Seerandzone wurden fast völlig aufgegeben, die wenigen verbliebenen Vorkommen lagen im Bereich von Störstellen wie den Dämmen oder an Kanälen mit frisch aufgeschütteten Flächen. In den 1980er und 1990er Jahren brütete das Blaukehlchen in den Randzonen des Schilfgürtels fast nur noch an anthropogenen Sonderstandorten wie Schilflagerplätzen, Gräben, Dämmen und anderen Aufschüttungen. Außerhalb des Schilfgürtels war im Seewinkel ein deutlicher Verbreitungsschwerpunkt an den Lacken und Grabensystemen in den grundwassernahen Teilen des südwestlichen Seewinkels, in den Gemeindegebieten von Illmitz und Apetlon vorhanden. Eine Bestandsschätzung für die Jahre 1986 - 87 ergab 150 Brutpaare für das gesamte Neusiedler See Gebiet. Davon entfielen auf den, zu dieser Zeit nur noch stellenweise besetzten Schilfgürtel des Sees kaum mehr als 50 Reviere. Ab den 1980er Jahren nahm der Bestand im Seewinkel ab und dieser kontinuierliche Rückgang beschleunigte sich nach 1995 dann dramatisch. Im zentralen Seewinkel verschwanden alle Brutplätze zwischen 1981 und 1995. Im südwestlichen Seewinkel wurden 1990 - 2000 nur mehr maximal 28 Reviere gezählt, während 1986 bei einer einmaligen Erhebung 36 erfasst wurden. Nach dem Hochwasserjahr 1996 fiel der Bestand auf sechs Reviere, stieg aber im Jahr 2000 wieder leicht an. Von den 150 Paaren Mitte der 1980er Jahre dürften bis Ende der 1990er Jahre kaum mehr als 60 - 70 Reviere übrig geblieben sein.

Aktuelle Erhebungen

In den Trockenjahren zwischen 2001 und 2005 nahm die Bestandsentwicklung der Art dann eine überraschende Wendung. Ab 2001 gab bereits die Besiedelung entlang zweier Seedämmer am Westufer Hinweise auf eine Bestandszunahme am Neusiedler See: Entlang des Seedamms Winden nahm die Zahl der Blaukehlchen-Reviere von drei 2001 auf vier 2004, sechs bis neun 2005 und sechs bis acht Reviere 2006 zu. Eine ganz ähnliche Entwicklung wurde entlang des Seedamms in Mörbisch registriert: 2001 und 2002 fehlte die Art hier, 2003 wurden drei, 2004 drei bis vier, 2005 vier bis fünf und 2006 drei Reviere kartiert. 2005 und 2006 wurden großflächige Erhebungen im Schilfgürtel am Südost-, West- und Nordufer durchgeführt. 2005 ergaben die im Rahmen des Nationalpark-Vogelmonitorings durchgeführten Zählungen den völlig überraschenden Befund, dass die Art in der Kernzone des Nationalparks im Schilfgürtel zwischen Sandeck und Neudegg weit verbreitet war. Bei 1995 im selben Gebiet durchgeführten Erhebungen konnte hingegen nicht ein einziges Blaukehlchen-Revier im Schilfgürtel festgestellt werden. Insgesamt wurden an 23 von 40 Zählpunkten nicht weniger als 32 verschiedene singende Blaukehlchen festgestellt; weitere Blaukehlchen fanden sich auch am Rand des Schilfgürtels beim Sandeck und beim Neudegg sowie im Gebiet des Herrensees. Allein diese Zählungen, die nur einen kleinen Teil des Gebiets abdeckten, ergaben zumindest 40 Reviere. Der tatsächliche Brutbestand in diesem Jahr muss weit höher gelegen sein. Die 2006 durchgeführten Erhebungen im Schilfgürtel am Nord- und Westufer ergaben 41 singende Männchen an 27 von 40 bearbeiteten Zählpunkten. Weitere Kartierungen entlang der Seedämme erbrachten 34 - 38 Reviere für die Seedämme. Insgesamt wurden am Westufer 64 - 71 Blaukehlchen-Reviere gezählt.

Man kann für die Jahre 2005 und 2006 mit einem Blaukehlchen-Bestand von zumindest 200 - 300 Brutpaaren im Schilfgürtel des Neusiedler Sees rechnen. Nach 2007 ist dann mit dem steigenden Wasserstand auch der Bestand im Schilfgürtel wieder rasch zurückgegangen. Entlang der langfristig (seit 2001) kontrollierten Seedämme in Mörbisch und Winden waren 2010 bei hohen Wasserständen die ursprünglichen Verhältnisse wieder hergestellt und das Blaukehlchen als Brutvogel aus dem überschwemmten Schilfgürtel verschwunden. Eine ähnlich kurzzeitige Besiedlung des Schilfgürtels wurde bereits von O. Koenig für Mitte der 1930er Jahre beschrieben, die sich ebenfalls durch sehr niedrige Wasserstände auszeichneten. Damals war das Blaukehlchen ein „Häufiger Brutvogel. Vor allem an der Wulka“ und „In Perioden sehr niedrigen Wasserstandes trieben sich viele Blaukehlchen an den wasserfreien Rohrwaldrändern herum“.

Bei den, in den Schilfgürtel kurzzeitig einwandernden, vielen Hundert Blaukehlchen-Paaren scheint es sich um Vögel einer mehr oder weniger isolierten „pannonischen“ Population zu handeln, die offenbar bei kurzfristig neu entstehenden, optimalen Lebensraumbedingungen große Flächen sehr schnell besiedeln können.

Bedeutung des Vorkommens

Das Vorkommen im Neusiedler See Gebiet war in Perioden niedriger Wasserstände im Schilfgürtel, das mit Abstand größte in Österreich und daher national bedeutend. International gesehen liegt das Brutvorkommen im Neusiedler See Gebiet am Südrand des Brutareals und hat damit in Zeiten des Bestandsmaximums zumindest im mitteleuropäischen Kontext auch überregionale Bedeutung.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Am ehesten können die Vögel während der Brutzeit entlang der Seedämme beobachtet werden, z. B. auf den Zitzmannsdorfer Wiesen, in der Nähe des Viehüters. Es braucht aber etwas Geschick und Geduld um Blaukehlchen im Schilfdickicht zu hören und sogar erspähen zu können. Am günstigsten für Beobachtungen sind die Morgen- und Abenddämmerungen. Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang die Kenntnis des Gesanges, da dieser fast immer die beste Möglichkeit darstellt, diesen scheuen Vogel zu entdecken.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Extreme Bestandsfluktuationen scheinen ein Charakteristikum in der Populationsdynamik des Weißsternigen Blaukehlchens in Mitteleuropa zu sein. Die dichte Besiedelung des Schilfgürtels zwischen 2002 und 2007 zeigte auf, dass bei niedrigen Wasserständen hier großflächig günstige Bruthabitate für eine große Blaukehlchen-Population entstehen können, selbst wenn die Art in Jahren mit hohen Wasserständen nur sehr wenige Bereiche besiedeln kann. Der Verlust von Feuchtlebensräumen, aber auch die bereits eingeschränkte Wasserstandsdynamik, beeinträchtigen die Blaukehlchen-Population nachhaltig. Eine Folge davon kann die Aufsplitterung der Population und die Besiedlung von Sekundärstandorten sein, in denen der Bruterfolg sehr gering ausfallen kann. Sekundärstandorte benötigen außerdem ständige Eingriffe, da sonst die Sukzessionsstadien, die die Art besiedelt, verschwinden. Am Neusiedler See konnte gezeigt werden, dass durch den Habitatverlust, zusammen mit einem sehr geringen Bruterfolg, die Population nunmehr auf Zuzug von außen angewiesen ist.

Das Wehr am Einserkanal bei Mexikopuszta sollte weiterhin unter einer Bedienungsvorschrift stehen, die vor allem im Frühjahr einen maximalen Wasserrückhalt gewährleistet. Auf diese Weise bleibt die Möglichkeit für Wasserstandsschwankungen erhalten ohne dass in einer Abfolge von mehreren trockenen Jahren und einer daraus resultierenden Austrocknung des Schilfgürtels und rückläufiger Wasserstände am See, öffentlicher Druck für eine künstliche Zuführung von Wasser entsteht.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Grüll, A. (1988): Zu Verbreitung, Bestand und Habitatwahl des Weißsternigen Blaukehlchens (Luscinia svecica cyanecula) im Neusiedlerseegebiet. Biol. Forschungsinst. Burgenland, Illmitz, BFB-Bericht 66: 57-65.

Grüll, A. (2001): Populationsuntersuchungen am Weißsternigen Blaukehlchen (Luscinia svecica cyanecula) im Neusiedler See-Gebiet. Egretta 44: 1-44.

Koenig, O. (1939): Wunderland der wilden Vögel. Verlag Gottschammel und Hammer Wien. 99 pp.

Koenig, O. (1952): Ökologie und Verhalten der Vögel des Neusiedlersee-Schilfgürtels. J. Orn. 93: 207-289.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.