Flussseeschwalbe

Sterna hirundo

Das Neusiedler See Gebiet ist nach dem vorarlbergischen Rheindelta der wichtigste Brutplatz in Österreich und der einzige, in dem die Art regelmäßig in natürlich entstandenen Lebensräumen brütet. Gute Beobachtungsmöglichkeiten ergeben sich während der Brutzeit meist im Südteil des Unteren Stinkersees.

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Merkmale

Die Flussseeschwalbe ist im Brutkleid in Österreich nur mit der als sehr seltener Durchzügler auftretenden Küstenseeschwalbe zu verwechseln. Bei der Flussseeschwalbe sind Schnabel, Kopf und Beine länger, im Flug scheinen nur die inneren Handschwingen durch (bei der Küstenseeschwalbe alle). Im Prachtkleid ist der Schnabel orangerot mit (manchmal sehr kleiner) schwarzer Spitze, die Unterseite hellgrau und zumeist ohne Kontrast zu den weißen Wangen. Die Schwanzspieße überragen Flügelspitzen nicht und der schwarze Flügelkeil auf der Oberseite der Flügel ist vor allem im Sommer dunkler und viel ausgeprägter. Im Schlichtkleid findet sich ein dunkler Streif am Bug, Stirn und Unterseite sind weiß. Im Jugendkleid sind die Armschwingen im Flug diffus schwarz, die Schnabelbasis ist orange (dunkelt bei Küstenseeschwalbe bereits früh nach) und zwischen Armflügel-Vorderrand und Armschwingen-Hinterrand findet sich ein schmales weißes Feld.

Lebensräume

Die Flussseeschwalbe besiedelt im europäischen Binnenland größere Flüsse mit Kies- und Schotterinseln sowie größere Seen und Teiche mit vegetationsarmen oder -losen Ufern und Inseln. Das Neusiedler See Gebiet, ist das einzige Brutgebiet in Österreich, in dem die Flussseeschwalbe noch überwiegend auf natürlichen Brutplätzen vorkommt. Hier schaffen an den Seewinkel Lacken, die stark schwankenden Wasserstände, immer wieder geeignete Brutmöglichkeiten an den Ufern (bei hohen Wasserständen entstehen Inseln durch Überflutung von Uferpartien oder bei niederen Wasserständen tauchen neue Inseln auf). Solche Inseln fallen aber fast immer, bereits früh in der Brutsaison wieder trocken, erfolgreiche Bruten sind an diesen Stellen sehr selten. Ab 2002 kam es im Schilfgürtel zu Bruten auf Flächen, die durch unsachgemäße Mahd geschädigt wurden, und wo abgestorbene Schilfhorste und abgelagerte Rhizome die Nestunterlage bildeten. An anderen Stellen gab es Bruten auf Hügeln aus Schlamm und Schilfrhizomen, die bei der Ertüchtigung der Schilfkanäle abgelagert wurden. Die Tatsache, dass die Flussseeschwalben in den Jahren ausgesprochener Trockenheit, wenn im Seewinkel geeignete Brutplätze Mangelware waren, in den Schilfgürtel auswichen und hier geeignete, sichere Brutplätze fanden zeigt deutlich die Flexibilität der Art bei der Brutplatzwahl. Es zeigt sich auch, dass bei der derzeit hohen Wasserstandsdynamik im Neusiedler See Gebiet, kein Bedarf besteht, künstliche Nisthilfen anzulegen.

Verbreitung

Global und national

Die Flussseeschwalbe bewohnt ein ausgedehntes Verbreitungsgebiet in Eurasien und Nordamerika vom Südrand der Arktis bis in die boreale und gemäßigte Zone sowie stellenweise bis in die Wüstenzone und ins Tibetische Hochland. In Europa ist die Flussseeschwalbe im Norden und Osten sowie rund um die Nordsee am häufigsten, kommt aber verbreitet auch im Mittelmeerraum vor. Im Binnenland Mitteleuropas hat die Art überall durch Lebensraumverlust stark an Terrain verloren und ist hier überall nur mehr ein seltener und sehr lokal brütender Vogel. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 270.000 - 570.000 Paare geschätzt. Die Population Ost- und Nordeuropas, zu der die Vögel des Neusiedler See Gebiets wahrscheinlich gehören, wird derzeit auf 640.000 - 1.500.000 Individuen geschätzt.

Wanderungen

Die Flussseeschwalbe ist ein Weitstreckenzieher und überwintert in den Tropen und den südlichen gemäßigten Zonen. Die Brutvögel West- und Mitteleuropas überwintern an der Westküste Afrikas, in geringerer Zahl auch weiter südlich. Weiter nördlich brütende Vögel überwintern in der Regel weiter südlich als die, im Süden und Westen Europas brütenden Vögel. Die Flussseeschwalbe hält sich am Zug überwiegend an die Küstenlinien, Brutvögel des Binnenlandes ziehen zuerst entlang größerer Flüsse und dann, nach Erreichen des Meeres, wieder entlang der Küste. Nachdem die Jungvögel ihre Flugfähigkeit erlangen, begeben sich die Vögel in kleinen (Familien-) Gruppen ab Ende Juli/Anfang August auf einen Zwischenzug, der je nach Brutgebiet sehr unterschiedlich verlaufen kann. Altvögel beginnen ab Ende Juli mit dem eigentlichen Wegzug, Jungvögel verbleiben noch bis ca. Mitte August am Zwischenzug. Der Herbstzug erreicht an vielen Stellen Mittel- und Westeuropas bereits Ende August und im September seinen Höhepunkt und endet im Oktober. Bereits Anfang September treffen die ersten Vögel im Winterquartier ein, im nördlichen Westafrika kann noch im November starker Durchzug registriert werden. Der Heimzug beginnt im März und dauert an der nordafrikanischen Atlantikküste von Mitte März bis Anfang Mai. Einjährige Vögel übersommern im Winterquartier und ziehen nur ausnahmsweise zurück ins Brutgebiet.

Die ersten Flussseeschwalben treffen im Neusiedler See Gebiet in den ersten April-Tagen ein, in der Regel werden die Kolonie-Standorte in der letzten Woche des Aprils bezogen. Je nach Verlauf (Anzahl der Ersatzbruten, Umsiedelungen) kann sich die Brutsaison von Anfang Mai bis in den August hinein erstrecken. Der Abzug erfolgt dann sehr rasch noch im Laufe des August, bereits im September gelingen nur mehr wenige Beobachtungen, überwiegend von einzelnen Vögeln oder kleineren Trupps.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Die Flussseeschwalbe wurde bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert als gemeiner und häufiger Brutvogel bezeichnet. Anfang der 1940er Jahre brütete die Art nur im Seewinkel mit Kolonien an der Langen Lacke und am Illmitzer Zicksee, die Inseln im Neusiedler See waren aufgrund der hohen Wasserstände damals nicht besiedelbar. An der Langen Lacke brüteten z. B. 1940 120 - 130 Paare, 1942 wurden sogar mindestens 180 Brutpaare an den Lacken gezählt. 1951 brütete der Großteil des Flussseeschwalben-Bestandes (120 Paare) am Illmitzer Zicksee, 1953 wurden an der Langen Lacke sogar 220 Paare festgestellt. Mitte der 1960er Jahre wurde der Brutbestand auf 150 - 180 Paare beziffert, die überwiegend an der Langen Lacke und am Illmitzer Zicksee brüteten. Sollten die Angaben für die 1960er Jahre stimmen, so muss im Verlauf der 1970er Jahre ein deutlicher Rückgang statt gefunden haben, da für die Jahre 1978 - 1981 der Brutbestand des Seewinkels nur mehr auf ca. 60 Paare geschätzt wurde. Für die darauf folgenden Jahre 1981 - 1993, wurde ein durchschnittlicher Bestand von 50 - 60 Paaren ermittelt, in manchen Jahren brüteten nur 30 - 40. Ab Mitte der 1990er Jahre stiegt der Bestand wieder leicht an, 1996 wurden 82 Paare erfasst, 1997 gab es mindestens 70, 1998 dann sogar 115, 1999 69, und 2000 109 Brutpaare.

Noch in den 1930er Jahren gab es am Neusiedler See Brutplätze auf den damals schilffreien Sand- und Schotterbänken sowie auf vorgelagerten Schotterinseln in der Uferzone. Solche Brutvorkommen verschwanden zwar mit der zunehmenden Verschilfung des Sees und die Flussseeschwalben brüteten in den folgenden fünf Jahrzehnten ausschließlich an den Lacken des Seewinkels. Hier schaffen die stark schwankenden Wasserstände immer wieder geeignete Brutmöglichkeiten. Bei hohen Wasserständen entstehen Inseln durch Überflutung von Uferpartien und bei niederen Wasserständen tauchen neue Inseln auf.  In den 1980er Jahren wurden an einigen Lacken zumeist jagdlich motivierte Aufschüttungen durchgeführt, die dadurch entstandenen Dämme wurden zumeist rasch von Flussseeschwalben besiedelt. In den 1970er und 1980er Jahren gab es weiters verschiedene Versuche, künstlich Nistplätze zu schaffen (Floße, aufgeschüttete Inseln), doch war allen diesen Eingriffen kein nachhaltiger Erfolg beschieden.

Aktuelle Erhebungen

Im Zuge des Bestandsanstiegs ab Mitte der 1990er wurden im Jahr 2000 erstmals wieder über 100 Brutpaare festgestellt. In den Jahren 2001 - 2005 brüteten mit kleinen Schwankungen im Mittel 70 Paare. In den Jahren mit niedrigem Wasserstand bis 2005 kam es auch wieder zu Bruten im Schilfgürtel des Neusiedler Sees, auf Flächen, die durch unsachgemäße Mahd geschädigt wurden, und wo abgestorbene Schilfhorste und abgelagerte Rhizome die Nestunterlage bildeten. An anderen Stellen gab es Bruten auf Hügeln aus Schlamm und Schilfrhizomen, die bei der Ertüchtigung der Schilfkanäle abgelagert wurden. Brutkolonien bestanden am Westufer nördlich des Mörbischer Seedamms, am Ostufer bei der Hölle und südlich des Illmitzer Seedamms. Eine Kolonie auf Höhe des Mittleren Stinkersees umfasste 2005 93 Brutpaare. Auch in den Jahren 2007 und 2008 brüteten maximal 46 bzw. 41 Paare im Schilfgürtel bei Mörbisch. Der Gesamtbestand des Neusiedler See Gebiets zeigt seit 2006 einen deutlich positiven Trend. Waren es 1981 - 1990 im Mittel 47 Brutpaare, erhöhte sich der Bestand 1991 - 2000 auf im Schnitt 65, 2001 - 2006 auf 80 und 2007 - 2013 auf nicht weniger als 131. Im Vergleich zu den 1990er Jahren hat sich der Brutbestand im Neusiedler See Gebiet also verdoppelt.

Bedeutung des Vorkommens

Das Neusiedler See Gebiet ist nach dem vorarlbergischen Rheindelta der wichtigste Brutplatz in Österreich und der einzige, in dem die Art regelmäßig in natürlich entstandenen Lebensräumen brütet. Im nationalen Kontext kommt dem Gebiet daher sehr hohe Bedeutung zu, auch überregional (auf zentraleuropäischer Ebene) handelt es sich um einen wichtigen binnenländischen Brutplatz.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Am einfachsten sind die Flussseeschwaben während der Brutzeit in den Kolonien zu beobachten. Es gibt ca. 30 verschiedene Brutplätze im Seewinkel, die je nach Wasserstand als Kolonie-Standort zur Verfügung stehen. Der Großteil dieser Brutplätze sind Inseln und Halbinseln an den zentralen Lacken des Seewinkels (z.B. Lange Lacke, Südlicher Stinkersee, Obere Halbjochlacke), von denen durchschnittlich jährlich 4 - 6 Standorte besetzt werden. In trockenen Jahren brüten die Flussseeschwalben oft im Schilfgürtel des Neusiedler Sees und können dann während der Nahrungssuche am See (z. B. Seebad Illmitz) oder im Seevorgelände (z. B. Warmblutkoppel Illmitz) beobachtet werden.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Für die Flussseeschwalbe wurde in den letzten 10 Jahren ein stetiger Anstieg an Brutpaaren im Gebiet verzeichnet. Allerdings konnte gleichzeitig keine Zunahme des Bruterfolges verzeichnet werden, so dass anzunehmen ist, dass ein Zuzug aus benachbarten Brutgebieten besteht. Die Tatsache, dass die Flussseeschwalben in den Jahren ausgesprochener Trockenheit, als im Seewinkel geeignete Brutplätze zur Mangelware wurden, in den Schilfgürtel auswichen und hier geeignete, sichere Brutplätze fanden zeigt deutlich die Flexibilität der Art bei der Brutplatzwahl. Es zeigt sich auch, dass bei der derzeit hohen Wasserstandsdynamik im Neusiedler See Gebiet, kein Bedarf besteht, künstliche Nisthilfen anzulegen.

Weiterführende Literatur

Bauer, K. (1965): Zur Nahrungsökologie einer binnenländischen Population der Flußseeschwalbe (Sterna hirundo). Egretta 8:35-51.

Bauer, K., R. Lugitsch & H. Freundl (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Dvorak, M. (1994b): Möwen und Seeschwalben. Pp. 177-194 in G. Dick, M. Dvorak, A. Grüll, B. Kohler & G. Rauer: Vogelparadies mit Zukunft?. Ramsar-Bericht 3 Neusiedler See - Seewinkel. Umweltbundesamt, Wien. 356 pp.

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Seitz, A. (1942): Die Brutvögel des „Seewinkels“ (der "Burgenländischen Salzsteppe") am Ostufer des Neusiedlersees, Gau Niederdonau. Niederdonau / Natur und Kultur 12. Heft. Verlag Karl Kühne, Wien-Leipzig. 52 pp.

Steiner, R. (1995): Brutbestand und Verteilung der Bruten bei der Flußseeschwalbe (Sterna hirundo) in den Jahren 1992 und 1993 im Seewinkel. BFB-Bericht 83: 31-36.

Triebl, R. (1990): Bestand und Brutverteilung der Flußseeschwalbe (Sterna hirundo) im Neusiedler See-Gebiet in den 80er Jahren. BFB-Bericht 73: 23-27.

Wendelin, B. (2010): Bestandsentwicklung, Habitatwahl und Bruterfolg der Flussseeschwalbe, Sterna hirundo Linnaeus 1758, im Neusiedler See-Gebiet (Burgenland). Egretta 51: 60-73.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Annalen des Naturhistorischen Museums Wien 54/1. 272 pp.