Großer Brachvogel

Numenius arquata

Der Große Brachvogel ist vor allem in den Nationalpark Teilgebieten Hanság und Zitz,annsdorfer Wiesen anzutrefen. Insgesamt brüten jährlich etwa 20 bis 30 Paare im Neusiedler See Gebiet. Darüber hinaus ist der Herbstzug mit bis zu 350 Exemplaren von Bedeutung, in milden Wintern kommt es auch zu Überwinterungsversuchen. 

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Merkmale

Der Große Brachvogel ist die größte Limikolen-Art Europas und zeichnet sich durch den sehr langen und stark nach unten gekrümmten Schnabel aus. Weibchen sind etwas größer als Männchen und haben einen deutlich stärker gebogenen und längeren Schnabel. Große Brachvögel sind, wie alle anderen Brachvögel unscheinbar gefärbt. Kopf, Hals, Brust und Oberseite sind fahl beigebraun mit dunklen Streifen und Flecken. Die Wangen sind dunkel gestrichelt und wodurch sich ein Kontrast zum hellen Kehlfleck ergibt. Die Brust ist kräftig gestreift und wird zum Bauch hin heller. Im Flug ist der weiße Bürzel sichtbar, der mit dem weißen Rücken einen Keil bildet. Besonders auffällig sind die oft zu hörenden, charakteristischen Rufe, die wie „kuri li" klingen. Vor allem im Frühjahr kann man die flötend-trillernde Balzstrophe hören, die den großen Wiesengebieten des Nordburgenlandes eine ganz besondere Note verleiht.

Lebensräume

Der Brachvogel bewohnt ebenes, überschaubares Gelände in den Niederungen. Es handelt sich zumeist um Gebiete mit staunassen oder, in Folge hohen Grundwasserstandes, feuchten Böden, die oft in der Nähe von Gewässern liegen. Als Lebensraum während der Brutzeit bevorzugt er extensiv als Streuwiesen bewirtschaftete Niedermoorflächen (vor allem Pfeifengraswiesen), Kleinseggenriede und trockengefallene Hochmoorflächen, weiters häufig auch Mähwiesen. Bei ausreichend lückiger Vegetationsentwicklung werden gelegentlich auch Magerwiesen genutzt. Solange sich größere Wiesenflächen in der Nähe befinden, werden vereinzelt auch Ackerbruten getätigt. Das Aufkommen von Büschen und Bäumen führt in der Regel nicht zur Aufgabe bestehender Reviere, verhindert aber Neubesiedlungen.

Im Winter nutzt der Große Brachvogel in erster Linie Schlammbänke an Flussmündungen, jedoch wird in vielen Gebieten auch regelmäßig landeinwärts gelegenes Grünland zur Nahrungssuche genutzt. Im Mitteleuropa gibt es auch Überwinterungsplätze in größeren Seeniederungen im Binnenland, hier nutzen die Vögel Grasland, Schlickflächen und Äcker.

Verbreitung

Global und national

Das sehr ausgedehnte Brutareal des Großen Brachvogels reicht im Westen von Island und Irland bis in die Mandschurei in China im Osten, also vom Atlantik bis fast zum Pazifik. In Europa brütet er nach Süden hin bis ins zentrale Frankreich, bis zum Nordalpenrand sowie in der Kleinen und Großen Ungarischen Tiefebene. Im Norden ist er bis in die arktischen Teil Norwegens, Finnlands und Russlands verbreitet. Die Überwinterungsgebiete europäischer Brutvögel liegen an den Küsten von Nordsee, Atlantik und Mittelmeer.

Während des 19.  und frühen 20. Jahrhunderts verlor der Große Brachvogel in Mitteleuropa durch die Entwässerung von Moorgebieten viele geeignete Brutgebiete. Zur selben Zeit entstanden neue Brutmöglichkeiten auf extensiv genutztem Feuchtgrünland, das in den Tiefebenen nach Rodung von Auwäldern neu entstanden war. Dies führte zu einer Ausbreitung der Art und einer Zunahme in weiten Teilen Mitteleuropas. Seit den 1960er Jahren gibt es aber  wiederum erhebliche Bestandsrückstände aufgrund der intensiveren Nutzung von Mähwiesen und Weiden und vor allem wegen der Umwandlung großer Grünlandgebiete in Ackerland.

Der europäische Gesamtbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 220.000 bis 360.000 Brutpaare geschätzt. Davon kommen zwischen 50.000 und 80.000 Brutpaare in Skandinavien, 48.000 bis 120.000 Brutpaare im europäischen Teil Russlands und 99.000 bis 125.000 Brutpaare in Großbritannien vor. In Mitteleuropa brüten 11.000 bis 13.000 Brutpaare.

Wanderungen

Der Große Brachvogel ist mit Ausnahme der Britischen Inseln (wo er weitgehend Standvogel ist) in allen Teilen seines Areals Zugvogel. Die Vögel der Nominatform folgen einer südwestlichen Zugrichtung in die Winterquartiere in Südwesteuropa, am westlichen Mittelmeer und in Westafrika (Marokko, Mauretanien). Im Juli und August finden sich viele Altvögel an der Nordseeküste ein und mausern dort. Der Große Brachvogel nutzt aber auch in Mitteleuropa einige traditionelle Plätze zur Überwinterung, wie z. B. das Rheindelta am Bodensee, wo alljährlich 200 - 300 Individuen überwintern.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

Ein erster Nachweis eines Brutvorkommens gelangen Mitte der 1940er Jahre, im Herbst waren zu dieser Zeit nicht selten 100 - 200 Brachvögel zu sehen. Zu Beginn der 1950er Jahre wurde die Art als „sehr selten brütend, in geringer Zahl übersommernd und häufig durchziehend“ bezeichnet. In den nachfolgenden Jahrzehnten konkretisierte sich das Wissen zum Brutvorkommen des Großen Brachvogels im Neusiedler See Gebiet. Die Zitzmannsdorfer Wiesen stellten sich dabei als das wichtigste Vorkommen heraus, gefolgt vom Hanság und seit dem 1980er Jahren brütet die Art in zunehmender Zahl auch in den Mähwiesen des Seewinkels.

Auf den Zitzmannsdorfer Wiesen gab es erstmals 1944 einen sicheren Nestfund, Mitte/Ende der 1960er Jahre wurde der Bogel dann als ehemaliger Brutvogel erwähnt. Für den Beginn der 1970er Jahre werden zwei Brutpaare angegeben. Für die 1980er Jahre liegen Angaben über alljährlich vier bis fünf Brutpaare vor. 1991 wurden sechs Brutpaare erfasst. Wie Beobachtungen des Gebietsbetreuers J. Lehner zeigten, bewegte sich der Bestand von 1995 bis 2003 zwischen sieben und zehn Paaren, um ab 2004 innerhalb weniger Jahre auf das heutige Niveau von 16 - 18 Brutpaaren anzusteigen. Im Westteil des Hanságs brüteten vor dem zweiten Weltkrieg 10 - 15 Paare, in den 1950er Jahren hatte sich deren Zahl aber auf einen Rest von sechs Paaren im österreichischen Teil des Hanság reduziert. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahren brüteten sechs Paare, Mitte der 1970er Jahre wurde der Bestand auf fünf Brutpaare beziffert. In den 1970er und 1980er Jahren liegen Angaben über drei bis vier Paare vor, und bei systematischen Erhebungen in den Jahren 1988 - 1993 konnten alljährlich drei bis sechs Brutpaare festgestellt werden. Nach Angaben des Nationalpark-Gebietbetreuers E. Patak brüteten 1995 10 und 1996 acht bis neun Paare. Im Seewinkel brütete der Brachvogel mit zwei bis fünf Paaren in den Jahren 1998 - 2006 im Wiesengebiet zwischen Kirchsee und Herrensee, auf den Unteren Wiesen sowie in der Verlandungszone des Sees zwischen dem Illmitzer Seedamm und der Biologischen Station.

Aktuelle Erhebungen

Das Brutvorkommen auf den Zitzmannsdorfer Wiesen umfasste in den letzten 10 Jahren 14 - 18 Brutpaare. Im österreichischen Teil des Hanságs waren es 2009 und 2010 10 - 13 Brutpaare, 2011 - 2014 war der Bestand auf 14 - 18 Paare gestiegen. In den Wiesengebieten des Seewinkels brüten derzeit 10 - 12 Paare, der Schwerpunkt liegt dabei im Herrensee-Gebiet (ca. fünf Paare), im Seevorgelände bei der Biologischen Station, in den Unteren Wiesen sowie im Neudegg.

Der Frühjahrszug gipfelt bereits im März. Der bedeutendere Herbstzug gipfelt im September, bleibt jedoch bis Ende Oktober sehr stark. Bereits Ende Juni kommt es zu einem Zuzug von Mausergästen, die vor allem im Juli/August das Bild bestimmen. Im Zeitraum 1995 - 2001 wurden am Heimzug 50 - 100, ausnahmsweise bis zu 200 Exemplare gezählt. Am Herbstzug waren es regelmäßig 150 - 350 Exemplare, mit einem Spitzenwert von 450 Individuen.

Im Vergleich zu früher haben die Rastbestände schon vor 2001 offensichtlich abgenommen, denn für die 1960er Jahre wurden maximal 600 - 700 Individuen angegeben.

In den Jahren 2011 - 2014 ergaben neuerliche systematische Zählungen einen weiteren Rückgang: Am Heimzug wurden 32 - 79 Individuen erfasst, was einem leichten Rückgang entspricht. Am Herbstzug  war zunächst in den Jahren 2011 und 2012 mit 154 bzw. 113 Exemplaren ein starker Rückgang festzustellen, 2013 und 2014 wurden jedoch erfreulicherweise wieder deutlich höhere Zahlen von 250 und 343 Vögel erfasst. Die weitere Entwicklung bleibt also abzuwarten.

Bedeutung des Vorkommens

Betrachtet man die drei im Neusiedler See Gebiet vorhandenen Brutvorkommen als eine Population, ist es das bedeutendste Brutgebiet in Österreich.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Im Frühjahr sind die Revierflüge des Großen Brachvogels bei Wanderungen im Bereich Herrensee, bei der Biologischen Station und vor allem in den Zitzmannsdorfer Wiesen und im Hanság nicht zu übersehen. Im Sommer und Herbst sind untertags Brachvögel weit verbreitet in den Wiesengebieten und auch auf Ackerflächen zu sehen, am frühen Abend beginnen die Vögel sich im Lange Lacken-Gebiet zu sammeln um dann bei Einbruch der Dunkelheit ihre gemeinsamen Schlafplätze aufzusuchen. Diese liegen je nach Wasserstand im Nordostteil der Langen Lacke, an der Hutweidenlacke oder an der Östlichen Wörthenlacke.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die akutesten Gefährdungsmomente für eine Vogelart extensiv bewirtschafteter Wiesen, wie den Großen Brachvogel liegen sicherlich in der jahrzehntelang andauernden, fast flächendeckenden Zerstörung von Extensivwiesen durch Entwässerung, Nutzungsaufgabe und nachfolgenden Umbruch und die Umwandlung in intensiver genutzt Landwirtschaftsflächen. Im Seewinkel sind fast alle vom großen Brachvogel besiedelten Flächen entweder vom Nationalpark gepachtet oder werden unter ÖPUL naturschutzgerecht bewirtschaftet. Die Gefährdungsfaktoren Lebensraumzerstörung und Verschlechterung der Habitatqualität sind daher im Seewinkel und auf den Zitzmannsdorfer Wiesen derzeit minimiert, im Hanság verursachten die Regelungen des ÖPUL-Programms 2007 - 2013 Probleme, die hoffentlich mit dem neuen Programm ab 2015 zu lösen sind. Die Auswirkungen unterschiedlicher Beweidungs- und Mahdregimes auf die Bestandsentwicklung sollten allerdings langfristig genau verfolgt werden.

Weiterführende Literatur

Bauer, K. (1957): Interessante Brut- und Sommervorkommen im Neusiedlersee-Gebiet. Vogelkundliche Nachrichten aus Österreich 7: 1-7.

Dvorak, M. (2009): Österreichischer Teil des Hanság. Pp. 24-31 in M. Dvorak (Hrsg.): Important Bird Areas. Die wichtigsten Gebiete für den Vogelschutz in Österreich. Verlag Naturhistorisches Museum Wien, Wien.

Dvorak, M. & E. Nemeth (1992): Die Brutvögel der Zitzmannsdorfer Wiesen. Biologisches Forschungsinstitut für Burgenland – Bericht 78: 47-64.

Festetics, A. (1971): Das Niedermoor „Hanság“ – Vorschlag zu einem burgenländischen Adler- und Trappenreservat. Natur und Land 57: 125-135.

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Seitz, A. (1942): Die Brutvögel des „Seewinkels“ (der "Burgenländischen Salzsteppe") am Ostufer des Neusiedlersees, Gau Niederdonau. Niederdonau / Natur und Kultur 12. Heft. Verlag Karl Kühne, Wien-Leipzig. 52 pp.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.