Mariskensänger

Acrocephalus melanopogon

Der Mariskensänger findet am Neusiedler See sein einziges Brutgebiet in Österreich. Auch im größeren Maßstab ist das Vorkommen von Bedeutung, mit eventuell bis zu 10.000 Brutpaaren brüten hier 7-8% des europäischen Bestandes. Die Art ist leider schwer zu beobachten, Möglichkeiten ergeben sich am ehesten zu Beginn der Brutzeit Ende März / Anfang April entlang der Seezugänge wie Illmitzer oder Mörbischer Seestraße und vor allem entlang des Purbacher Kanals.
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Merkmale

Der Mariskensänger ähnelt dem Schilfrohrsänger, ist aber von diesem durch die folgenden Merkmale zu unterscheiden: kürzere Handschwingenprojektion (höchstens ein Drittel der Schirmfedern), heller Überaugenstreif, der sich nach hinten verbreitert, Scheitel gleichmäßig dunkel, Unterkante der Ohrdecken mit angedeutetem Wangenstreifen. Im frischen Gefieder zu Beginn der Brutzeit ist der Mariskensänger rotbraun getönt, im Gegensatz zum mehr braungrau gefärbten Schilfrohrsänger. Der Gesang klingt wie ein sehr schneller Teichrohrsänger. Kennzeichnend ist aber beim Mariskensänger eine langanhaltende, wie „lu-lu-lu-lu-lu-lu-lu“ klingende Strophe, die etwas an die Heidelerche erinnert.

Lebensräume

Am Neusiedler See besiedelt der Mariskensänger entweder Mischbestände von Schilf und Rohrkolben oder reine Schilfbestände. Ausschlaggebend sind strukturelle Merkmale, die vorwiegend vom Alter des Bestandes und in zweiter Linie auch von standörtlichen Gegebenheiten bestimmt werden. Lebensräume des Mariskensängers weisen zum einen eine sehr dichte Knickschicht aus alten Halmen auf (in die das Nest gebaut wird und in der sich die Art hüpfend fortbewegen kann) und zum anderen, darüber hinausragende Deckung nach oben bietende Halme und Schilfblätter. Derartige Strukturen sind nur in mehrjährigen Röhrichtbeständen zu finden. Von zentraler Bedeutung ist weiters eine reichhaltige Gliederung des Bestandes durch kleine Wasserflächen und Kanäle und eine dauerhafte Überflutung. Das Vorhandensein und die leichte Zugänglichkeit von kleinen freien Wasserflächen, hat für die Nahrungssuche große Bedeutung. Frische Schilfschnitt- oder Brandflächen (aus dem der Brutzeit vorangegangenen Winterhalbjahr) sowie Schnittflächen aus dem Vorjahr können vom Mariskensänger nicht bzw. kaum besiedelt werden. Am Neusiedler See erreicht der Mariskensänger seine höchsten Dichten in Schilfbeständen mit einem Alter von mehr als zehn Jahren. Er besiedelt weiters sehr oft Stellen, an denen kleinflächig Rohrkolben wächst und in deren Knickschicht sehr oft das Nest gebaut wird.

Verbreitung

Global und national

Der Mariskensänger brütet in den warm-trockenen Zonen der südwestlichen Paläarktis. Er besiedelt den gesamten europäischen Mittelmeerraum, das Schwarzmeer-Gebiet, Nordafrika, die Hochländer Anatoliens, die Küsten der Levante, die Küsten des Kaspischen Meers, Zentralasien östlich bis Tadschikistan, das Zweistromland im Irak und Iran, lokal die iranischen und pakistanischen Wüstengebiete östlich bis nach Nordindien. In Mitteleuropa ist die Art nur im Karpatenbecken regelmäßiger Brutvogel. Der Mariskensänger brütet in Europa in 13 Staaten. Der europäische Brutbestand wurde Mitte der 1990er Jahre (ohne Russland) auf 30.000 - 70.000 Paare geschätzt, die größten Populationen gab es in Rumänien mit 10.000 - 30.000, Österreich mit 9.000 - 16.000, die Türkei mit 5.000 - 15.0000 sowie Ungarn mit 3.000 - 5.000 Paaren.

Wanderungen

Der Mariskensänger verlässt nur im Nordteil seines Areals die Brutgebiete. Europäische Brutvögel überwintern vorwiegend im Mittelmeerraum in Südfrankreich, Oberitalien, der Balkanhalbinsel, an den Küsten der Türkei bis Südspanien, auf den großen Mittelmeerinseln, in Israel und selten in Nordafrika. Mariskensänger vom Neusiedler See überwintern auf Korsika, in Ober- und Mittelitalien sowie an der dalmatinischen Adriaküste. Im Südteil des Areals ist der Mariskensänger Standvogel. Der Wegzug am Neusiedler See findet von Ende September bis Anfang November statt. Die Ankunft im Brutgebiet beginnt Anfang März, in normalen Jahren ist der Bestand in der zweiten März-Dekade vollständig.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

Der Mariskensänger wurde schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von mehreren Autoren als Brutvogel des Neusiedler Sees angegeben. Mitte der 1930 Jahre wurde er erstmals von O. Koenig als regelmäßiger Brutvogel bezeichnet. Koenig lieferte auch erste Angaben zur Brutbiologie und F. Goethe veröffentlichte 1939 ergänzende Beobachtungen. In den Jahren 1941 und 1942 gelangen Beobachtungen bei Purbach, Donnerskirchen, Weiden und beim Sandeck. Zu Beginn der 1950er Jahre wurde die Art für das Westufer als recht häufiger, aber wegen der Bindung an Rohrkolbenbestände sehr ungleichmäßig verbreiteter Brutvogel bezeichnet. Mitte der 1960er Jahre war der Mariskensänger Gegenstand einer Dissertation, die viele Kenntnisse u. a. zu den Habitatansprüchen und zur Brutbiologie der Art erbrachte. In den 1980er und 1990er Jahren wurden verschiedene Untersuchungen zur Ökologie von Schilfvögeln am Neusiedler See durchgeführt. In geeigneten Schilfbeständen kann die Dichte demnach auch großflächig bei ein bis zwei Revieren/ha liegen, in kleineren Flächen sind noch höhere Zahlen möglich: Probeflächenuntersuchungen ergaben z. B. zwei und vier Reviere auf zwei ha, zwei und 3,1 Reviere/ha, 16 Reviere auf fünf ha und 12 Reviere auf 4,8 ha.

Aktuelle Erhebungen

1995 wurde im Rahmen eines Forschungsprojektes des Nationalparks eine großflächige systematische Untersuchung mittels Punkttaxierungen in der heutigen Kernzone des Nationalparks im Südosten des Sees durchgeführt. In den hier großflächig vorhandenen Altschilfbeständen war die Art in hohen Dichten vorhanden. Eine Bestandsschätzung ergab 1.955 Reviere auf einer Fläche von 12,7 km², dies entsprach einer sehr hohen großflächigen Dichte von 1,5 Revieren/ha. Eine Hochrechnung dieser Zahl auf den gesamten Schilfgürtel führte damals zu einer Bestandsschätzung von 8.700 - 15.600 Revieren.

2005 und 2006 wurden in verschiedenen Bereichen des Schilfgürtels erneut quantitative Bestandserhebungen durchgeführt. Im Jahr 2005 wurde erneut die Kernzone des Nationalparks im südöstlichen Teil des Schilfgürtels untersucht, 2006 sechs ausgewählte Schilfbereiche am Nord- und Westufer. In der Kernzone des Nationalparks war der Mariskensänger auch 2005 weit verbreitet, am Nord- und Westufer des Sees war die Frequenz des Auftretens deutlich geringer. In der Kernzone des Nationalparks ergab sich eine durchschnittliche Dichte von 0,9 Revieren/ha, am Westufer waren es großflächig nur 0,5/ha. In den Jahren 2005 und 2006 wurden  48,5 km² als geeigneter Lebensraum eingestuft. Die Hochrechnung ergab für den österreichischen Teil des Neusiedler Sees 2.100 - 5.200 Brutpaare. Diese Zahl war deutlich niedriger als die damals vorliegenden Schätzungen, die im Bereich von mindestens 7.000 bis 9.000 Brutpaaren lagen.

2012 wurde eine weitere Bestandserhebung in der Kernzone des Nationalparks durchgeführt. Obwohl aufgrund der, im Vergleich zu 2005, deutlich höheren Wasserstände eine Erholung des Bestandes zu erwarten war, trat dieser nicht ein, sondern es kam zu einer weiteren Abnahme. Der aktuelle Brutbestand wird auf 1.500 - 3.000 Brutpaare geschätzt.

Die im Jahr 2008 durchgeführten Bestandserfassungen von Schilfvögeln in Ungarn ergaben demgegenüber großflächig Dichten, die mit 1,6 - 2,4 Revieren/ha weit über den Werten auf österreichischer Seite lagen. Auf die insgesamt in Ungarn vorhandenen Schilfflächen bezogen wurde mit diesen Dichten ein Bestand von 13.000  Revieren hochgerechnet. Da derartige Siedlungsdichten in Österreich bei keiner der früheren Untersuchungen auch nur annähernd festgestellt wurden und andererseits die angewandte Erfassungsmethode mit einiger Wahrscheinlichkeit zur Überschätzung von weithin hörbaren Arten (wie z. B. dem Mariskensänger) und zur Unterschätzung von nur über kurze Distanzen hörbaren Arten (z. B. dem Teichrohrsänger) führen kann, sind diese Ergebnisse allerdings mit Vorbehalt zu verwenden. Es wäre denkbar, dass es in den letzten Jahrzehnten zu einer großräumigen Verlagerung des Brutbestandes von Österreich nach Ungarn gekommen ist, dies bleibt aber solange Spekulation, bis auf beiden Seiten des Sees Bestandserfassungen mit vergleichbarer Methodik durchgeführt werden.

Bedeutung des Vorkommens

Der Neusiedler See ist das einzige Brutgebiet in Österreich. Auch im internationalen Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels um das bei weitem bedeutendste Einzelvorkommen in Mitteleuropa und auch europaweit betrachtet, muss es sich um eines der wichtigsten Brutgebiete der Art handeln. Der Bestand am gesamten Neusiedler See (Ungarn und Österreich zusammen) könnte bei bis zu 10.000 Brutpaaren liegen und damit 7-8 % der europäischen Brutpopulation ausmachen.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Obwohl der Mariskensänger in den meisten großflächigen Schilfbeständen des Neusiedler Sees vorkommt, gibt es innerhalb des Nationalparks kaum für Besucher zugängliche Gebiete, in denen die Art leicht zu beobachten ist. Am besten ist es daher, zu Beginn der Brutzeit Ende März/Anfang April, zeitig am Morgen einen der Seedämme am Westufer des Sees abzugehen, am besten dafür geeignet sind die Dämme von Mörbisch und Purbach, aber auch der Breitenbrunner Damm.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Der Mariskensänger kann geschnittene Schilfbestände im ersten und zweiten Jahr nicht besiedeln. Durch den Schilfschnitt oder andere Faktoren aufgelichtete Schilfbestände werden von der Art ebenfalls nicht oder nur randlich besiedelt. Die höchsten Dichten werden in Altschilfbeständen erreicht. Als Gefährdungsfaktor ist daher in erster Linie ein weiterer Verlust von Altschilfflächen zu nennen. Offen muss derzeit aber die Frage nach dem Hauptfaktor, der den massiven Rückgang um bis zu 75 % seit 1995 bewirkt hat, bleiben. Da beide Altschilf bewohnenden Arten (Mariskensänger und Kleines Sumpfhuhn), die in den letzten 20 Jahren von starken Rückgängen betroffen waren, einen großen Teil ihrer Nahrung von der Wasseroberfläche abpicken, stellt sich die Frage, ob es Änderungen in der Nahrungsverfügbarkeit im Bereich der Plänken gegeben hat.

Dringend notwendig ist die Lenkung der Schilfbewirtschaftung durch die Ausweisung von Zonen unterschiedlicher Nutzung inklusive der Einrichtung von großflächigen Altschilfreservaten. Erforderlich ist weiters das Offenhalten von bestehenden Kanälen im Schilfgürtel, um die Vitalität des Schilfgürtels zu erhalten. Ein Forschungs- und Monitoringprogramm zu Brutverbreitung, Abundanz und Bruterfolg der Art in unterschiedlichen Schilfbereichen mit Schwerpunkt (neben dem Nationalpark) auch am Westufer des Neusiedler Sees sollte unverzüglich begonnen werden.

Weiterführende Literatur

Dvorak, M. E. Nemeth & A. Ranner (1993): Projektgruppe Schilf. Arbeitsgruppe Ornithologie. Endbericht über die Projektjahre 1990-1992. Bericht an die Arbeitsgemeinschaft Neusiedler See. 31 pp.

Dvorak, M., E. Nemeth, S. Tebbich, M. Rössler & K. Busse (1997): Verbreitung, Bestand und Habitatwahl schilfbewohnender Vogelarten in der Naturzone des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 86: 1-69.

Goethe, F. (1941): Beobachtungen am Neusiedler See und in dem Gebiet der Salzlacken. J. Orn. 89: 268-281.

Grüll, A. & E. Zwicker (1993): Zur Siedlungsdichte von Schilfsingvögeln (Acrocephalus und Locustella) am Neusiedlersee in Abhängigkeit vom Alter der Röhrichtbestände. Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Bad.-Württ. 68: 159-171.

Koenig, O. (1939): Wunderland der wilden Vögel. Verlag Gottschammel und Hammer Wien. 99 pp.

Leisler, B. (1970): Vergleichende Untersuchungen zur ökologischen und systematischen Stellung des Mariskensängers, ausgeführt am Neusiedler See. Diss. Univ. Wien.

Leisler, B. (1973): Die Jahresverbreitung des Mariskensängers nach Beobachtungen und Ringfunden. Vogelwarte 27: 24-39.

Leisler, B. (1981): Die ökologische Einnischung der mitteleuropäischen Rohrsänger. I. Habitattrennung. Vogelwarte 31: 45-74.

Vádaz, C., S. Mogyorósi, A. Pellinger, R. Aleksza, C. Biró (2011)_ Results of the breeding passerine census carried ut at the Hungarian part of Lake Fertő in 2008. Ornis Hungarica 19: 11-20.