Neuntöter

Lanius collurio)

Die strukturreiche Kulturlandschaft rund um den Neusiedler See bietet gute Bedingungen für den Neuntöter. Der Brutbestand im Neusiedler See Gebiet ist mit über 1.000 Brutpaaren auch der größte Einzelbestand Österreichs, auch international betrachtet ist die großflächig hohe Siedlungsdichte hoch einzustufen. Gut beobachtbar sind diese Vögel auf ihren Ansitzwarten – Sträucher in der offenen Weide- oder Wiesenlandschaft, die bei der Jagd nach Fluginsekten eine wichtige Rolle spielen. 

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Merkmale

Beim adulten Männchen des Neuntöters sind Brust und Bauch hell rosa, es hat keine Bänderung an den Flanken, eine weiße Kehle, einen hell aschgrauen Scheitel, eine rotbraune Oberseite, eine breite schwarze Augenmaske (oben schmal weiß begrenzt) und einen schwarzen Schwanz mit basal weißen äußeren Steuerfedern. Die Unterseite des Weibchens ist gelblichweiß mit grauer Querbänderung, der Scheitel ist braun oder braungrau, der Nacken grau, die Oberseite matt braun mit variabler Musterung, die Augenmaske bräunlich und der Schwanz dunkelbraun mit schmalen weißen Kanten. Die Jungvögel sehen den Weibchen ähnlich, sind aber auf der Oberseite kräftig gebändert. Der Name Neuntöter bezieht sich auf den Volksglauben, der  Vogel würde erst neun Beutetiere aufspießen, bevor er sie verspeist.

Lebensräume

Der Neuntöter brütet in sonnigen, klimatisch begünstigten Gebieten mit niedrigen und zumeist dornigen Büschen, Sträuchern oder Hecken. Büsche werden als Jagdwarten und als Aussichtspunkte zur Revierverteidigung genutzt; schüttere und niedrige Bodenvegetation ist für den Nahrungserwerb wegen der hier leichteren Erreichbarkeit von Bodeninsekten erforderlich. Unter günstigen Bedingungen genügen dem Neuntöter zur Ansiedlung bereits einige wenige Büsche, eine kleinere Gebüschgruppe oder eine Hecke. Die günstigsten Neuntöter-Biotope mit den höchsten Siedlungsdichten sind verbuschte Mager-, Halbtrocken- und Trockenrasen. Im Neusiedler See Gebiet stellten sich vor allem ältere Weingartenbrachen, die bereits in einem Stadium fortschreitender Verbuschung waren, als sehr wichtiger Lebensraum des Neuntöters heraus. Solche Parzellen bildeten in Weingartenbereichen zumeist den Mittelpunkt der Reviere. Weiters sind auch unbewirtschaftete oder nur wenig genutzte Randstrukturen wie Bahndämme, Böschungen, Bach- und Kanalränder, Straßen- und Wegränder, Deponien und Müllhalden wichtige Lebensräume. In intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaften ist der Neuntöter ausschließlich auf derartige Randbiotope angewiesen. Stark ausgeräumte Ackerbaugebiete bieten der Art hingegen kaum Lebensmöglichkeiten, hier fehlt der Neuntöter großflächig.

Verbreitung

Global und national

Das Verbreitungsgebiet des Neuntöters konzentriert sich auf die westliche Paläarktis und reicht in Asien bis in den Osten des westsibirischen Tieflandes, an den Altai und in das Irtysch-Tal. In Europa ist die Art weit verbreitet, fehlt aber mit Ausnahme des Nordens auf der Iberischen Halbinsel und auf den großen Mittelmeerinseln mit Ausnahme von Korsika und Sardinien. In Skandinavien beschränkt sich das Vorkommen auf Süd- und Mittelschweden, Südfinnland sowie die Südküste Norwegens, in Großbritannien war der Neuntöter im 19. Jahrhundert in England und Wales weit verbreitet, ist hier aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts verschwunden. Der europäische Brutbestand wurde Mitte der 1990er Jahre (ohne die Türkei) auf 2.500.000 - 6.500.000 Paare geschätzt

Wanderungen

Der Neuntöter ist ein ausgesprochener Weitstreckenzieher, sein Winterquartier liegt im östlichen und südlichen Afrika und reicht von Uganda und Kenia südwärts bis in den Norden und Osten von Südafrika. Die Schwerpunkte der Winterverbreitung liegen in Mozambique, Zimbabwe und den weniger trockenen Landesteilen von Botswana und Namibia. Der Zugweg führt für alle Populationen der Art über den Vorderen Orient und das östliche Mittelmeergebiet. Der Abzug der Altvögel erfolgt zwischen Mitte Juli und Mitte August. Jungvögel verbleiben länger in den Brutgebieten und ziehen erst später im Jahr, im September ab. Wintergäste und Durchzügler erreichen Kenia ab Ende Oktober, Zimbabwe zwischen Ende Oktober und Mitte November und Namibia ab Anfang November. Der Heimzug beginnt in der zweiten März Hälfte, in Zimbabwe, Tansania und Kenia wird der Gipfel in der ersten April-Dekade erreicht. Die Erstankunft an den mitteleuropäischen Brutplätzen fällt in die letzte April-Dekade, der Bezug der Brutreviere beginnt Anfang Mai.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

R. Zimmermann macht zum Vorkommen dieser Art in den 1930er und frühen 1940er Jahren folgende Angabe: „Der Neuntöter ist ein zahlreicher Brutvogel und gehört als solcher zu den häufigsten Landvögeln des Gebiets überhaupt“. Auch für die frühen 1950er Jahre wird die Art als sehr häufiger Brutvogel eingestuft. In den Jahrzehnten danach sind in der Literatur keine speziellen Angaben zum Vorkommen der Art zu finden, erst für die Jahre 1992 und 1993 liegt eine Zusammenstellung von Daten vor, die teilweise im Rahmen systematischer Erhebungen gesammelt wurden und zu einer Bestandsschätzung von 130 - 150 Paaren führten. Aus heutiger Sicht ist diese Angabe sicherlich als leichte Unterschätzung einzustufen, da das Gebiet damals nicht flächendeckend untersucht wurde. Weitere Untersuchungen wurden am Westufer in den Jahren 1997 auf einer Fläche von 6,19 km² durchgeführt und ergaben bemerkenswerte 55,5 Reviere aus denen sich eine Dichte von 9,97 Revieren/km² errechnet. 2002 wurden auf sechs, zusammen 16,59 km² großen Probeflächen am Westufer, in den Weingärten zwischen Donnerskirchen und Jois 45 Reviere erfasst, die zusammen genommen eine Siedlungsdichte von 2,71 Revieren/km² ergeben.

Aktuelle Erhebungen

Im Jahr 2006 wurde im gesamten Neusiedler See Gebiet eine flächendeckende Kartierung des Neuntöters durchgeführt, auf deren Basis der Brutbestand auf 1.200 - 1.300 Brutpaare geschätzt wurde. Im Seewinkel wurden auf einer Fläche von 127,14 km² 321 - 334 Reviere erfasst, die eine großflächige Siedlungsdichte 2,52 - 2,63 Revieren/km² ergeben. Am Nordostufer des Sees von Neusiedl bis Podersdorf wurden auf 19,08 km² 60 - 61 Reviere kartiert, dies ergab eine Siedlungsdichte von 3,14 - 3,20 Revieren/km². Am Nord- und Westufer des Sees von Weiden am See im Norden bis Mörbisch im Süden wurden 2006 auf 95,33 km² 723 - 743 Reviere des Neuntöters kartiert. Daraus ergibt sich eine großflächige Dichte von 7,6 - 7,8 Revieren/km². Die Siedlungsdichte am Nord- und Westufer des Neusiedler Sees liegt demnach dreimal höher als im Seewinkel. Eine besonders dichte Besiedlung war am Abhang des Leithagebirges sowie im Bereich des Ruster Hügellandes zwischen Oggau und Mörbisch festzustellen.

Bewertung des Vorkommens

Der Brutbestand des Neusiedler See Gebiets  ist der größte Einzelbestand in Österreich und daher von nationaler Bedeutung; auch aus internationaler Sicht ist die großflächige Siedlungsdichte als sehr hoch einzustufen.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Neuntöter kann man leicht in allen Bewahrungszonen des Nationalparks beobachten. Sie sind Wartenjäger, das heißt, meist entdeckt man sie auf einem exponierten Ast oder Zaunpfahl sitzend, wo sie auf Beutetiere lauern, welche sie geschickt erbeuten.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Derzeit ist der Bestand im Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel nicht gefährdet.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Dvorak, M. & T. Zuna-Kratky (1993): Zur aktuellen Situation ausgewählter Kulturlandvögel im Neusiedlersee-Gebiet. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 4: 125-138.

Dvorak, M., M. Pollheimer, H.-M. Berg, K. Donnerbaum, J. Oberwalder, J. Pollheimer, C. Roland, M. Rössler, B. Wendelin & T. Zuna-Kratky (2012): Verbreitung und Bestand des Neuntöters (Lanius collurio) in den Europaschutzgebieten des Nordburgenlandes in den Jahren 2005-2009. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 23: 1-10.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.