Rohrweihe

Circus aeroginosus

Die Rohrweihe ist im Neusiedler See Gebiet der mit Abstand häufigste größere Greifvogel. Der Brutbestand liegt bei geschätzten 140 bis 290 Brutpaaren, damit ist das Vorkommen das weitaus größte in Österreich. Der überwiegende Teil der Paare brütet im Schilfgürtel des Neusiedler Sees wo Altschilfflächen bevorzugt werden. Aber auch kleinere Schilfbestände an den Seewinkellacken werden von 20 bis 30 Paaren genutzt. Rohrweihen-Beobachtungen sind von März bis September in allen Teilbereichen des Neusiedler See Gebietes möglich, in den letzten Jahren ist eine Zunahme von Überwinterungen in der Region bemerkbar.

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Merkmale

Die Rohrweihe ist die größte und kräftigste Weihe und breitflügeliger als andere Weihen, die im Nationalpark vorkommen. Das Weibchen ist durchgängig dunkelbraun gefiedert nur der Kopf, die Schultern und die Flügelvorderhand sind weißlich bis hellgelb gefärbt. Das Männchen ist rostbraun, nur die mittleren Bereiche der Flügel sind silbergrau, die Flügelspitzen schwarz. Der Schwanz ist lang und grau. Der Jungvogel ist dem Weibchen ähnlich, aber von diesem durch dunklere Gesamtfärbung, braunem Schwanz und helle Spitzen der Großen Armdecken unterscheidbar. Beim Segeln und Gleiten hält die Rohrweihe (wie alle Weihen) die Flügel v-förmig nach oben.

Lebensräume

Die Rohrweihe brütet überwiegend in Schilfflächen und bevorzugt hier das Altschilf. Ganzjährig im Wasser stehende Bereiche oder saisonal nasse Röhrichtflächen kommen den Ansprüchen der Art dabei besonders entgegen. Seit Anfang der 1970er Jahre kommt es in Mitteleuropa verstärkt zu Bruten im Kulturland, insbesondere in Getreide- und Rapsfeldern; im Bereich des Neusiedler See Gebiets mit seinem reichhaltigen Angebot an „natürlichen“ Brutmöglichkeiten im Schilfgürtel sind allerdings bisher noch keine Bruten in Äckern nachgewiesen worden. Die Jagdgebiete reichen über den Schilfgürtel hinaus und beinhalten verschiedene offene Lebensräume von Verlandungsgesellschaften über Grünlandbereiche bis hin zu Weingärten, Acker- und Gemüseanbauflächen.

Verbreitung

Global und national

Das Brutgebiet der Rohrweihe erstreckt sich durch die gesamte Paläarktis zwischen der Wüsten- und der borealen Zone von den Britischen Inseln bis nach Japan. Die Art besiedelt fast ganz Europa in einem Areal, dass vom Mittelmeerraum im Süden, den Britischen Inseln im Westen, Süd-Skandinavien im Norden und bis an den Ural in Russland im Osten reicht. Entsprechend ihren Lebensraumansprüchen ist die Rohrweihe ungleichmäßig verbreitet mit Schwerpunkten in den Niederungen und Verbreitungslücken in stark bewaldeten Lagen sowie im Gebirge. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 93.000 - 140.000 Paare geschätzt, mehr als die Hälfte davon entfielen auf Russland und die Ukraine

Wanderungen

Bei der Rohrweihe sind je nach Lage des Brutgebiets sehr unterschiedliche Zugstrategien vorhanden. Während Populationen in Südwest- und Westeuropa sedentär sein können, ziehen Vögel aus nördlichen und östlichen Populationen bis ins östliche und westliche Afrika. Die Brutvögel des Neusiedler See Gebiets sind überwiegend Zugvögel und verlassen das Gebiet im Spätsommer und Frühherbst, allerdings kommt es in den letzten Jahren zunehmend auch zu Überwinterungen. Der Wegzug beginnt Ende Juli und erreicht Mitte August den Höhepunkt. Im Februar bis April verlassen Rohrweihen dann wieder ihre Überwinterungsquartiere und kommen in die Brutgebiete zurück.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Für die 1940er Jahre und auch die Jahrzehnte davor wurde die Rohrweihe als der mit dem Turmfalken häufigste Greifvogel des Neusiedler See Gebiets eingestuft, in den 1950er Jahren übertraf sie jedoch den Turmfalken noch an Zahl. Im Jahr 1967/68 wurde der Brutbestand für den Schilfgürtel hingegen mit nur 25 - 27 Paaren angegeben, 10 weitere Paare brüteten im Seewinkel. Aus den darauf folgenden 15 Jahren liegen keine Angaben über den Status der Rohrweihe vor. Es muss aber in diesem Zeitraum (nach Einstellung der legalen Bejagung) zu einem nicht unbeträchtlichen Bestandsanstieg gekommen sein. In den Jahren 1982 und 1983 erbrachte eine flächendeckende Untersuchung des gesamten Schilfgürtels eine Bestandsschätzung ca. 120 Brutpaaren. Eine weitere Untersuchung im Jahr 1991 erbrachte auf vier Untersuchungsflächen im Schilfgürtel, mit einer Gesamt-Schilffläche von 20,6 km², 54 - 60 Paare. Eine weitere, 1994 und 1995 in der Kernzone des Nationalparks durchgeführte Studie zeigte, dass der Bruterfolg von Jahr zu Jahr sehr stark schwanken kann: waren es hier, auf einer Fläche von 14,2 km², im ersten Jahr nur 16 Paare, die erfolgreich brüteten, konnten 1995, mit 29 Paaren, fast doppelt so viele erfasst werden.

Aktuelle Erhebungen

Eine aktuelle Bestandsschätzung wird dadurch erschwert, dass die einzigen Dichtewerte vom Westufer des Neusiedler Sees aus dem Jahr 1982 stammen und daher mit Sicherheit nicht mehr auf die heutige Situation anwendbar sind. Geht man davon aus, dass die Siedlungsdichte am Ostufer des Sees vom Neudegg bis Neusiedl (24,8 km²) zwischen 1,5 und drei Brutpaaren/km² schwankt und diejenige vom Westufer (76,6 km²) im Durchschnitt bei 1 - 2 Paaren liegt, kommt man auf einen geschätzten Brutbestand von 120 - 260 Paaren. Im Seewinkel wurde bisher noch keine systematische Bestandserhebung durchgeführt, über die Zahl der tatsächlich in einem Jahr brütenden Paare herrscht daher Unklarheit. Der Gesamtbestand des Seewinkels dürfte sich auf 20 - 30 Paare belaufen.

Bedeutung des Vorkommens

Das Brutvorkommen im Neusiedler See-Gebiet ist, mit geschätzten 140 - 290 Paaren, das mit Abstand größte in Österreich.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Rohrweihen können während der Brutzeit mühelos in allen Bewahrungszonen des Nationalparks beobachtet werden.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Menschliche Verfolgung ist die größte Gefährdung der Rohrweihen-Bestände, insbesondere in Gebieten mit einem kleinen Brutbestand. Durch die niedrige Flugjagd und aufgrund der Besiedlung offener Lebensräume, sind die Rohrweihen, wie auch alle anderen Weihenarten, durch illegale Abschüsse besonders gefährdet. Ansonsten sind derzeit im Neusiedler See Gebiet keine weiteren Gefährdungen vorhanden. Als Schutzmaßnahme erforderlich ist lediglich die Umsetzung bestehender Gesetze bezüglich des Abschusses von geschonten Tierarten, wobei z.B. bei illegalen Abschüssen durch JägerInnen ein langfristiger Entzug von Jagdkarten denkbar wäre. Um die Schutzbedürfnisse der Art sowie die langfristige Bestandsentwicklung beurteilen zu können sind die Durchführung einer ökologischen Untersuchung sowie die Einrichtung eines Monitoring-Programms erforderlich.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Dvorak, M., E. Nemeth, S. Tebbich, M. Rössler & K. Busse (1997): Verbreitung, Bestand und Habitatwahl schilfbewohnender Vogelarten in der Naturzone des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 86: 1-69.

Gamauf, A. & M. Preleuthner (1996): Die Rohrweihe (Circus aeruginosus) im Nationalpark “Neusiedler See – Seewinkel”: Eine Rote Liste Art im Konflikt mit Landwirtschaft und Fremdenverkehr?. BFB-Bericht 84: 1-42.

Sezemsky, R. (1983): Zur Siedlungsdichte und Ökologie der Rohrweihe am Neusiedler See. Hausarbeit in Zoologie. Univ. Wien. 93 pp.

Sezemsky, R. & Ripfel, J. (1985): Zur Siedlungsdichte der Rohrweihe im Schilfgürtel des Neusiedlersees. Wiss. Arb. Burgenland Sonderband 72: 455-466.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.