Sichelstrandläufer

Calidris ferruginea

Der Sichelstrandläufer ist ein Langstreckenzieher der auf seinem Weg zwischen den nordsibirischen Brutgebieten und den westafrikanischen Winterquartieren auch den Seewinkel als Rastplatz nutzt. Gute Beobachtungsgebiete sind in den meisten Jahren Lacken, die offene, vegetationsarme Schlick- und Schlammufer in größerem Umfang aufweisen. Meist sind das der Obere Stinkersee, der Illmitzer Zicksee, die Neubruchlacke, die Fuchslochlacke und die Östliche Wörthenlacke.
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Merkmale

Der Name des knapp starengroßen Sichelstrandläufers geht auf seinen sehr langen und leicht gebogenen Schnabel zurück. Im Brutkleid ist die Art durch die rostrote Färbung an Kopf, Rücken und Brust in Kombination mit dem gebogenen Schnabel leicht zu identifizieren. In anderen Kleidern ist der Schnabel alleine jedoch kein eindeutiges Bestimmungsmerkmal, da große Unterschiede in der Länge und Krümmung auftreten können und Überlappungen mit langschnäbeligen Alpenstrandläufern möglich sind. Im Schlicht- und Jugendkleid ist darauf zu achten, dass der Sichelstrandläufer deutlich hochbeiniger und heller gefärbt ist, einen sehr deutlichen Überaugenstreifen aufweist und im Jugendkleid im Gegensatz zum Alpenstrandläufer an Kehle, Brust und Bauch keine Zeichnung aufweist.

Lebensräume

Der Sichelstrandläufer ist ein Brutvogel des hohen Nordens und besiedelt hier die küstennahe arktische Tundra. Bevorzugt werden leicht erhöhte Gebiete, speziell nach Süden hin exponierte Hänge. Sichelstrandläufer brüten aber auch auf Flussbänken und entlang der Küste. Die günstigsten Lebensräume liegen hier in der ganz offenen Tundra, wo diese von versumpften Niederungen und Teichen, die vom abtauenden Permafrost und Schnee gebildet werden, durchzogen ist. Am Zug nutzen Sichelstrandläufer an den Küsten reine Schlickflächen, seltener sind sie auch im Binnenland anzutreffen. Es reichen oft schon kleine Flächen aus, die den Vögeln zur Nahrungssuche dienen. Im Winter kommt der Sichelstrandläufer in küstennahen Brackwasserlagunen, an, von den Gezeiten beeinflussten Schlamm- und Sandbänken, in Flussmündungen sowie in Salzmarschen vor. Abseits der Küste werden Schlammufer in Sumpfgebieten, offene Stellen an Salz- und Süßwasserseen, Salinen, große künstlich bewässerte Flächen und Stauseen genutzt.

Verbreitung

Global und national

Der Sichelstrandläufer ist ein Brutvogel des äußersten Nordens Russlands. Er brütet dort von der Taimyr- bis zur Tschuktschenhalbinsel. Das Überwinterungsgebiet der Brutvögel des westlichen und zentralen Teils des Brutgebiets liegt an den Küsten Afrikas südlich der Sahara.

Wanderungen

Der Sichelstrandläufer ist ein Langstreckenzieher, der auf dem Weg von Sibirien ins afrikanische Winterquartier einerseits bestimmte Zugwege einhält, andererseits aber auch in einem breiten Fächer über das Binnenland Europas fliegt. Die im westlichen Teil des Areals  brütenden Vögel ziehen überwiegend entlang der Küste entlang von Ost- & Nordsee und Atlantik nach Westafrika, mit Schwerpunkt in Mauretanien und Guinea-Bissau. Die Brutvögel aus dem zentralen Bereich des Brutgebiets (z. B. aus dem Lenadelta) ziehen über das Schwarze Meer, Kaspische Meer und den Mittleren Osten nach Südafrika. Zwischen diesen beiden Schwerpunktszugwegen zieht die Art aber auch in einem breiten Fächer über Mittel- und Südosteuropa (Glutz von Blotzheim et al. 1984). Da unser Gebiet zwischen diesen beiden Hauptrouten liegt, ist die Art im Seewinkel deutlich seltener als z. B. am Schwarzen Meer. Am Wegzug ziehen wie bei fast allen Limikolen, die Alt- vor den Jungvögeln, wobei die Männchen drei bis vier Wochen früher als die Weibchen das Brutgebiet verlassen. Europa wird dabei im Juli überquert, die Ankunft im Überwinterungsgebiet fällt in den Zeitraum zwischen Mitte Juli bis September. Der Heimzug beginnt erst spät gegen Ende April, so dass das arktische Brutgebiet erst Anfang Juni erreicht wird. Viele Vögel verbleiben im ersten Jahr in den Überwinterungsgebieten.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Bis in die frühen 1940er Jahre wurde die Art nur vereinzelt beobachtet. In den frühen 1950er Jahren wurde der Sichelstrandläufer dann öfters und auch in kleinen Trupps von bis zu vier oder fünf Vögeln festgestellt; er wurde damals als spärlicher, aber regelmäßiger Durchzügler eingestuft. In den 1960er Jahren wurden sehr vielmehr Nachweise gemeldet, das Zugmuster entsprach damals bereits dem aktuellen Auftreten. Am Heimzug überstieg die Zahl der gleichzeitig nachgewiesenen Vögel auch damals vier Exemplare nicht, am herbstlichen Jungvogelzug wurden aber regelmäßig 15 - 25 Exemplare festgestellt, die Maximalwerte erreichten 45 und 57. 

Aktuelle Erhebungen

Die im Seewinkel durchziehenden Sichelstrandläufer kommen wahrscheinlich aus dem westlichen Teil des Brutgebietes. Da die Art einen Schleifenzug durchführt, fliegen die Vögel im Frühjahr über weiter östlich gelegene,  direktere Route ins Brutgebiet. Der Heimzug im Seewinkel ist daher nur sehr schwach ausgeprägt und bringt nur einzelne Vögel ins Gebiet. Der Herbstzug verläuft in zwei Wellen, der Altvogelzug gipfelt Ende Juli und der Jungvogelzug Ende August/Anfang September. Bei den systematischen Erhebungen in den Jahren 1995 - 2001 lagen die Zahlen am Heimzug typischerweise bei  fünf bis 15 Exemplaren. Beim stärkeren Wegzug der Adulten (siehe oben) konnten im Schnitt 20 - 40 Ex. (max. einmal an die 60) gezählt werden. Der Jungvogelzug im September fiel jahrweise unterschiedlich aus, mit normalerweise 30 - 70 Individuen und Spitzenergebnissen von 100 und 110 Sichelstrandläufern.

Die neueren Zählungen aus den Jahren 2010 - 2014 ergaben wiederum ein jahrweise sehr unterschiedliches Bild: Im guten Jahr 2010 konnten etwa 100 juvenile Sichelstrandläufer im Seewinkel beobachtet werden, Anfang September 2011 hingegen lediglich 29 Jungvögel, obwohl die Rastverhältnisse (Zonen mit feuchtem Schlamm bzw. Flachwasserbereiche) eher besser waren als im Vorjahr. Bemerkenswert gut war 2011 der Altvogeldurchzug mit 54 Ex. Ende Juli. Dies unterstreicht die Hypothese, dass 2011 zwar genug Vögel gebrütet haben, aber der Bruterfolg aufgrund erhöhten Prädatorendrucks sowie eventuell schlechten Witterungsbedingungen ausblieb.

Auch 2012 blieb der Bruterfolg dieser arktischen Limikolen gering, denn es wurden Anfang September  lediglich 15 Jungvögel erfasst. Der Altvogeldurchzug Ende Juli war 2012 mit 20 Exemplaren durchschnittlich. Der Frühjahreszug erreichte im Jahr 2012 maximal 12 Individuen Mitte Mai, ein leicht überdurchschnittlicher Wert. 2013 konnten Anfang September 53 Jungvögel gezählt werden, doch können in wirklich guten Jahren doppelt so viele bei uns angetroffen werden. Im Frühjahr 2013 wurden Mitte Mai maximal sechs Vögel gezählt. 2014 wurden Anfang September 44 Jungvögel gezählt, dies zeigt, dass auch 2014 in den arktischen Brutgebieten der Bruterfolg offenbar mäßig ausfiel. Der Wegzug der Altvögel war 2014 stark, mit maximal 37 Exemplaren am 31. Juli. Im Frühjahr wurden Mitte Mai maximal vier Vögel gezählt.

Bedeutung des Vorkommens

Der Seewinkel ist der mit Abstand beste Rastplatz für die Sichelstrandläufer in Österreich.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Wo im Sommer und im Herbst die besten Bedingungen für den Strandläufer-Durchzug herrschen, hängt stark von den jeweils lokalen Wasserstandsverhältnissen ab. Gute Beobachtungsgebiete sind in den meisten Jahren diejenigen Lacken, die offene, vegetationsarme Schlick- und Schlammufer in größerem Umfang aufweisen: In den letzten Jahren waren der Oberer Stinkersee, der Illmitzer Zicksee, die Neubruchlacke, die Fuchslochlacke und die Östliche Wörthenlacke sowie die Graurinderkoppel und das Sandeck die besten Gebiete für den Sichelstrandläufer.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die Rastplätze im Seewinkel sind als Teil des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel vor negativen Eingriffen geschützt. Allerdings kam es in den letzten Jahrzehnten aufgrund des durch niedere Grundwasserstände verursachten „Lackensterbens“ zu einem nicht zu unterschätzenden Verlust an Rastmöglichkeiten für den Sichelstrandläufer und viele andere an Feuchtgebiete gebundene Vogelarten. Diese besonders niedrigen Grundwasserstände in den oft über mehrere Jahre hinweg andauernden Trockenphasen sind vermutlich im Wesentlichen auf Wasserentnahmen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen zurückzuführen.

Langfristig ist daher die Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes der verbliebenen Salzlacken eine zentrale Maßnahme für den Sichelstrandläufer und alle anderen durchziehenden Limikolen und Wasservögel im Seewinkel. Dazu zählt auch die Renaturierung von bereits degradierten Salzlacken. Im gesamten Neusiedler See Gebiet sollte eine möglichst große Amplitude an Wasserständen gegeben sein, um die kurzfristige Entstehung günstiger Rastmöglichkeiten zuzulassen.

Weiterführende Literatur

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Kohler, B. & G. Rauer (2009): Bestandsgrößen und räumliche Verteilung durchziehender Limikolen im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel in den Jahren 1995-2001. Egretta 50: 14-50.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Winkler, H. & B. Herzig-Straschil (1981): Die Phänologie der Limikolen im Seewinkel (Burgenland) in den Jahren 1963 bis 1972. Egretta 24: 47-69.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.