Sperbergrasmücke

Sylvia nisoria

Die Sperbergrasmücke ist im östlichen Mitteleuropa in wärmeren Gebieten weit verbreitet.Das Neusiedler See Gebiet beherbergt eines der besten Brutgebiete Österreichs. Die besten Plätze, die Art im Nationalpark zu beobachten sind die ausgedehnten Ölweidengebüsche rund um den großen Aussichtsturm in der Hölle oder am Illmitzer Zicksee. Am ehesten gelingt es die Sperbergrasmücken im Zeitraum Anfang/Mitte Mai gleich nach der Ankunft im Brutgebiet zu entdecken, wenn die Männchen auch mitten am Tag ihre auffälligen Singflüge vorführen.

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Merkmale

Die Sperbergrasmücke ist die größte Art der Gattung Sylvia. Die Grundfarbe der Vögel ist oberseits grau und unterseits hell (weißlich). Die adulten Männchen sind durch die gelbe Iris des Auges und die deutliche Sperberung der Unterseite leicht zu erkennen. Weibchen zeigen diese Merkmale in abgeschwächter Form, Jungvögel gar nicht. Die Spitzen der äußeren Schwanzfedern, der Flügeldecken und der Schirmfedern haben helle Ränder. Sperbergrasmücken wirken im Größenvergleich mit anderen Grasmückenarten immer plumper, langschwänziger und zeigen kräftigere Beine und Schnäbel. Der Gesang ist dem der Gartengrasmücke ähnlich, aber immer härter, rauer und viel kürzer und wird oft im Singflug vorgetragen. Der sehr typische Ruf ist laut schnarrend „trrrrr’t’t’-t“ und erinnert an zeternde Haussperlinge; meistens folgt er auf Strophen des Gesangs.

Lebensräume

Die Sperbergrasmücke besiedelt reich strukturierte Buschgruppen und Hecken, die aber eine gewisse Ausdehnung besitzen müssen. Das Minimum liegt für Hecken bei etwa 100 m Länge, wobei auf dieser Strecke durchaus freie Lücken zwischen den Büschen vorhanden sein können. Die untere, dichte Strauchschicht der Hecken besteht oft aus dornigen Sträuchern. Das Deckungsbedürfnis der Vögel erfordert einen allseitigen Sichtschutz. Im Neusiedler See Gebiet werden die höchsten Dichten in Trocken- und Magerrasengebieten erreicht, die mit ausgedehnten Buschbeständen durchsetzt und von langen Heckenzügen unterteilt sind. Weitere Schwerpunkte bilden dichte (Dornbusch)Hecken entlang von Wegen, allerdings ist dieser Lebensraumtyp nur vergleichsweise selten vorhanden. Ein weiterer Lebensraumtyp, der zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind die, vor längerer Zeit (ein Jahrzehnt und mehr) aufgegebene Weingartenflächen, die mittlerweile mit dichten Heckenrosen-, Weißdorn- oder Ölweidenbeständen bewachsen sind. Solche Bereiche werden aber fast immer nur von Einzelpaaren besiedelt. Im Seewinkel besiedelt die Sperbergrasmücke am Ostufer die großen, vorwiegend aus Ölweiden und Heckenrosen bestehenden Gebüschkomplexe entlang des Seedammes. Von Ölweiden dominierte Gebüschgruppen, die mit Heckenrosen und Weißdorn unterwachsen sein können, sind auch an anderen Stellen des Seewinkels der bevorzugte Lebensräume.

Verbreitung

Global und national

Das Vorkommen der Sperbergrasmücke erstreckt sich in der Westpaläarktis von Zentralasien nach Westen bis etwa zur Linie Jütland – Po Ebene – Slowenien – Bosporus – Armenien. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt in der Waldsteppenzone und reicht bei Vorhandensein geeigneter Habitate weiter nach Norden und Süden, so z. B. südlich bis zur Mongolei und nördlich bis etwa zum 60. Breitengrad (ca. Höhe von Estland und Sankt Petersburg). Im östlichen Mitteleuropa ist die Art in warmen und niederschlagsreichen Gebieten weit verbreitet und dem entsprechend meistens auf Regionen unter 500 m Seehöhe beschränkt. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt in Europa eindeutig im Osten, mit den kopfstärksten Vorkommen (in absteigender Größe) in Russland, Rumänien, Ungarn, Moldawien, Polen, dem Baltikum und Weißrussland.

Wanderungen

Die Sperbergrasmücke ist ein Langstreckenzieher, der in Ostafrika im Bereich des Äquators überwintert. Europäische Sperbergrasmücken ziehen beim Wegzug nach Südosten und umfliegen das Mittelmeer. Die Distanz bis zum Winterquartier wird in vielen kurzen Etappen zurückgelegt. Dies ist zeitaufwändiger als der Flug in wenigen und langen Etappen. Die Vögel brechen daher schon sehr bald nach dem Ende der Brut, Anfang/Mitte Juli auf. Erfolglose Brutpaare bzw. Weibchen scheinen das Brutgebiet noch früher zu verlassen und Altvögel verlassen das Brutgebiet vor den Jungvögeln. Charakteristisch für die Art ist das regelmäßige Auftreten weit nordwestlich des Brutgebiets, nach der Brutzeit. Das Winterquartier wird im Oktober/November erreicht und etwa im März wieder verlassen. Die Ankunft in Mitteleuropa erfolgt Ende April bis Anfang Mai.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

In den Jahren 1940 - 1942 war die Sperbergrasmücke am Westufer zwischen Rust und Neusiedl „nicht selten“. Im Seewinkel dürfte sie erst im Zuge der Gehölzpflanzungen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eingewandert sein, sie war in den frühen 1940er Jahren hier vor allem am Ostufer verbreitet, wo sie vorwiegend den mit Bäumen und dichtem Gebüsch bestandenen Seedamm besiedelte. Mit Ausnahme der Einschätzung aus den frühen 1950er Jahren, die die Art als „häufigen und verbreiteten Brutvogel“ bezeichnete, fehlen weitere Angaben zum Vorkommen der Art bis in die 1980er Jahre. Eine Auswertung von teilweise systematisch gesammelten Beobachtungen aus den Jahren 1983 - 1987 führte für den Seewinkel und den Hanság zu einer Bestandsschätzung von 80 - 100 Revieren, wobei die Zusammenfassung von Daten aus verschiedenen Jahren sicherlich zu einer optimistischen Bewertung der Verbreitungssituation geführt hat.

Aktuelle Erhebungen

2006 wurde im Neusiedler See Gebiet eine flächendeckende systematische Erhebung ausgewählter Brutvögel durchgeführt, bei der auch die Sperbergrasmücke erfasst wurde. Insgesamt wurden bei dieser Kartierung 197 - 204 Brutpaare der Sperbergrasmücke gezählt. Am dichtesten besiedelt war das Ruster Hügelland mit einer großflächigen Bestandsdichte von rund drei Brutpaaren/km². Im Bereich Seeberg-Goldberg bei Oggau wurden auf 3 km² nicht weniger als 39 Brutpaare erfasst. In den übrigen Teilen des Westufers lag die großflächige Dichte bei rund 1,2 Revieren/km². Insgesamt wurde der  Bestand am Westufer des Sees, wenn man kleinere Erfassungslücken und ein methodisch bedingtes Übersehen einzelner Reviere in Rechnung stellt, auf 210 - 230 Brutpaare geschätzt. Im Seewinkel und am Nordufer wurden 2006 hingegen nur 44 Brutpaare kartiert, bei Berücksichtigung einer leichten Untererfassung wurde der Bestand hier auf 50 - 60 Brutpaare geschätzt. Der Gesamtbestand des Neusiedler See Gebiets für das Jahr 2006 kann daher mit 260 - 290 Brutpaaren angegeben werden. Bei der Sperbergrasmücke sind allerdings starke Bestandsschwankungen bekannt, die im Seewinkel im Rahmen gezielter Monitoring-Untersuchungen auch belegt wurden. Daher  ist davon auszugehen, dass der Bestand in anderen Jahren schon aufgrund des guten Lebensraumangebots auch um einiges höher liegen kann.

Konkrete Angaben zur kurzfristigen Bestandsentwicklung lieferten mehrjährige Zählungen des Vogelmonitoring-Programms des Nationalparks für die Jahre 2001 - 2005. Entlang von 10 jeweils ein Kilometer langen Strecken wurden 2001 acht, 2002 12, 2003 10 - 12, 2004 sechs und 2005 sogar 14 Brutreviere erfasst. Für die Bestandsdynamik der Art sind daher kurzfristige Schwankungen von 100 % und mehr offenbar die Regel.

Bedeutung des Vorkommens

Das Neusiedler See Gebiet beherbergt großflächig eines der besten Brutgebiete Österreichs.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Die Sperbergrasmücke ist zwar weiträumig, aber überall nur in geringer Dichte verbreitet. Die besten Plätze, die Art im Nationalpark zu beobachten sind die ausgedehnten Ölweidengebüsche, hier finden zumeist jeweils 2 - 3 Paare geeigneten Lebensraum. Verlässliche Stellen, um die Art zu beobachten, waren in den letzten Jahren die Gebüsche rund um den großen Aussichtsturm in der Hölle. Am ehesten gelingt es die Sperbergrasmücken im Zeitraum Anfang/Mitte Mai zu sehen, gleich nach der Ankunft der Art, wenn die Männchen auch mitten am Tag ihre auffälligen Singflüge vorführen.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Aus der Sicht der Sperbergrasmücke positive Entwicklungen, wie die Verbuschung von Trockenrasen und aufgegebenen Weingärten, stehen etwa Aufforstungen vom Mager- und Trockenrasen beispielsweise mit standortsfremden Robinien, entgegen. Hauptsächlicher Gefährdungsfaktor ist die Intensivierung der Landwirtschaft, die oft eine Beseitigung von Hecken und Flächenzusammenlegungen beinhaltet. Konkrete Schutzmaßnahmen für die Art erscheinen derzeit nicht erforderlich.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Dvorak, M. (1988): Zur Verbreitung einiger gefährdeter Singvogelarten im Neusiedler See-Gebiet. BFB-Bericht 66: 39-55.

Dvorak, M. & T. Zuna-Kratky (1993): Zur aktuellen Situation ausgewählter Kulturlandvögel im Neusiedlersee-Gebiet. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 4: 125-138.

Dvorak, M., M. Pollheimer, H.-M. Berg, K. Donnerbaum, J. Oberwalder, J. Pollheimer, Ch. Roland, M. Rössler, B. Wendelin & T. Zuna-Kratky (2010): Verbreitung und Bestand der Sperbergrasmücke (Sylvia nisoria) in den Europaschutzgebieten des Nordburgenlandes in den Jahren 2005-2009. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 21: 1-10.

Karner-Ranner, E., A. Grüll & A. Ranner (2007): Monitoring von Bestandsentwicklung, Siedlungsdichte und Habitat von Kulturlandvögeln im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel als Grundlage für Managementmaßnahmen. Egretta 49.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.