Stelzenläufer

Himantopus himantopus

Der schwarz-weiß gefärbte Stelzenläufer ist mit seinen namensgebenden, langen Beinen ein unverkennbarer Anblick. Im 19. Jahrhundert noch als regelmäßiger und mitunter zahlreicher Brutvogel des Neusiedler See Gebietes beschrieben, ist die Art im 20. Jahrhundert nur mehr unregelmäßiger Brutvogel, vor allem in Hochwasserjahren wie 1965. Seit 1992 gibt es wieder einen dauerhaften Brutbestand der von Anfangs 7 bis 10 Paaren mittlerweile auf bis zu 148 Paare angewachsen ist. Insgesamt ist das Neusiedler See Gebiet für den Stelzenläufer damit auch international bedeutend. Die beweideten Bereiche vor allem am Ostufer des Neusiedler Sees bieten mit ihren seicht überschwemmten Ufern ideale Bedingungen.

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Merkmale

Der Stelzenläufer ist ein graziler Watvogel, und in Europa im Prachtkleid durch das schwarz/weiße Gefieder (Oberseite und Flügel schwarz, Unterseite und Kopf weiß), die extrem langen, roten Beine und den sehr feinen, geraden und langen Schnabel unverkennbar und mit keiner anderen Art zu verwechseln. Der Kopf kann ganz weiß sein, oder auch einen sehr unterschiedlich hohen Anteil an Schwarz haben. Dies ist bei Männchen ausgeprägter, jedoch kein ganz zuverlässiges Merkmal zur Geschlechtsbestimmung, da es Überschneidungen gibt. Jungvögel mit einer mehr hellgrauen Oberseite, breiten hellbeigen Federsäumen und den fleischfarbenen Beinen sind auf den ersten Blick schon eher mit einer anderen Art zu verwechseln.

Lebensräume

Der Stelzenläufer besiedelt ein breites Spektrum an aquatischen Lebensräumen in offenen Landschaften. Entscheidend ist in erster Linie das Vorhandensein von Seichtwasserzonen. Die Wassertiefe sollte 20 cm nicht wesentlich übersteigen, damit die Altvögel noch Nahrung suchen können. Zusätzlich müssen an Brutplätzen auch nur wenige Zentimeter überflutete Flächen zur Nahrungssuche der Jungvögel, sowie vor Prädatoren geschützte Brutmöglichkeiten auf Inseln, Schlamm- und Sandbänken, auf Dämmen oder in der Verlandungsvegetation zur Verfügung stehen. Die Nester werden teils in dichter Vegetation, teils auf Sand- und Schlammbänken mit Flecken dichterer Vegetation angelegt. Die Jungenführung erfolgt im Gegensatz zum Säbelschnäbler ebenfalls zumeist in dichter Vegetation. Geeignete Lebensräume sind Flussdeltas, küstennahe Lagunen, Verlandungszonen flacher Seen, temporäre Gewässer in Trockengebieten, Flachwasserbereiche in Sümpfen und Heidegebieten und sehr oft auch „künstliche“ Lebensräume wie Salinen, Reisfelder, Stauseen, Klär- und Fischteiche und Spülflächen. Im Neusiedler See-Gebiet brütet der Stelzenläufer an den Lacken in bültiger, unter Wasser stehender Vegetation. In Jahren niederen Wasserstandes besiedelt die Art auch die landseitigen Verlandungszonen des Neusiedlers und brütet hier in großen Seggenbülten und Schilfhaufen.

Verbreitung

Global und national

Der Stelzenläufer wurde früher als beinahe weltweit verbreitete, in mehreren Unterarten vorkommende Art betrachtet. Heutzutage werden gewöhnlich die, in der Neuen Welt und im Australasischen Raum vorkommenden Vögel, als eigene Arten betrachtet. Die Nominatform besiedelt ein weitläufiges Areal in der südlichen Paläarktis, im tropischen Asien sowie am gesamten afrikanischen Kontinent, inklusive der Insel Madagaskar. In Europa brütet der Stelzenläufer am häufigsten im Mittelmeergebiet, in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten hat sich die Art aber auch im Binnenland Mitteleuropas in einigen geeigneten Gebieten wie in England, den Benelux-Staaten sowie in der Kleinen und Großen ungarischen Tiefebene, als dauerhafter Brutvogel etabliert. Der europäische Gesamtbestand wurde  zu Beginn der 2000er Jahre auf 37.000 bis 64.000 Brutpaare geschätzt. Die größten Populationen gibt es in Spanien, der Türkei und Russland.

Wanderungen

Der Stelzenläufer ist je nach Brutgebiet Stand- oder Strichvogel. Das Winterquartier europäischer Brutvögel liegt vorwiegend im tropischen Afrika nördlich des Äquators und in kleinerem Umfang auch im Mittleren Osten. Kleine Zahlen verbringen den Winter in Nordafrika (vorwiegend Marokko) und einige wenige Vögel können auch in Südspanien verbleiben. Der Wegzug der Altvögel beginnt in Südwesteuropa Ende Juli, derjenige der Jungen ab Mitte August. Die spätesten Beobachtungen datieren hier von Anfang September. Im Seewinkel ist der Abzug in der Regel Ende August abgeschlossen, einzelne Jungvögel können noch bis Mitte September verbleiben. In Nordafrika werden durchziehende Stelzenläufer im Herbst von Juli bis Ende Oktober, im Frühjahr von Anfang März bis Ende April, registriert. Die Brutvögel Südwesteuropas treffen zwischen Ende März und Anfang Mai an den Brutplätzen ein.

Die ersten Brutvögel des Seewinkels treffen mitunter schon Mitte März im Seewinkel ein, die Ankunft des Brutbestands ist bis Ende April abgeschlossen. Bereits Ende August sind die meisten wieder abgezogen, vereinzelte Nachzügler können bis Mitte September angetroffen werden. Diese Nachzügler sind stets Jungvögel, da die Altvögel bereits etwas früher, spätestens Ende August abziehen.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

Der Stelzenläufer war bis Ende des 19. Jahrhunderts ein regelmäßiger und bisweilen auch zahlreicher Brutvogel im Neusiedler See Gebiet mit Schwerpunkt im Hanság. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es nur mehr wenige Berichte über Brutvorkommen, bis in die 1920er Jahre wurden nur einzelne Bruten bekannt. Schon damals dürfte es aber kein regelmäßiges Vorkommen mehr gegeben haben. In den darauf folgenden Jahrzehnten war die Art bis zum Beginn der 1950er Jahre nur mehr ein unregelmäßiger Gast. 1952 und 1953 gelangen Brutzeitbeobachtungen von einem bzw. zwei Paaren, an der heute nicht mehr existenten Golser Lacke. 1956 kam es zu einem kleinen Einflug in den Seewinkel mit Beobachtungen an fünf Lacken und einer erfolgreichen Brut an der Langen Lacke. Auch 1957 bestand ein Brutverdacht an der Wörthenlacke. Mitte der 1960er Jahre brütete der Stelzenläufer wiederum drei Jahre lang im Gebiet: 1965 kam es im Zuge eines starken Einflugs nach Mitteleuropa zur Ansiedlung von rund 15 Paaren an der Pimezlacke nördlich St. Andrä, drei bis vier Paare brüteten im Hanság, ein Paar an der Erdeihoflacke, östlich St. Andrä, sowie ein weiteres Paar am St. Andräer Zicksee. 1966 und 1967 brütete ein Paar am Xixsee, Brutverdacht bestand für die Pimetzlacke und das Albrechtsfeld. In den Jahren 1968 - 1980 wurden nur wenige Beobachtungen gemeldet, es bestand nie ein konkreter Brutverdacht. Erst 1981 kam es neuerlich zu einer erfolgreichen Brut am Illmitzer Zicksee, gefolgt von einer Periode mit alljährlichen Beobachtungen und einem weiteren Brutnachweis im Jahr 1992 an der Langen Lacke.

Aktuelle Erhebungen

Seit 1992 gibt es im Seewinkel ein dauerhaftes Brutvorkommen, dass anfänglich (1992 - 1997) recht gleichmäßig bei sieben bis zehn Paaren lag und ab 1998 langsam zuzunehmen begann, bis 27 Paare im Jahr 2001 erreicht waren. Aus den Jahren 2002 - 2004 liegen keine vollständigen Erfassungen vor, 2005 brüteten auf österreichischer Seite nur sechs Paare.

In den Jahren 2006 - 2010 kam es im österreichischen Teil des Neusiedler See Gebiet zu einem steilen Anstieg der Brutpopulation von 36 (2005) und 28 (2006) auf 78 (2007) und zweimal 126 (2009 und 2010) Brutpaare. 2011 war dann in einem feuchten Jahr nochmals ein Anstieg auf 132 Brutpaare zu verzeichnen, 2012 fiel der Bestand aufgrund der Trockenheit in diesem Jahr dann auf nur 104 Brutpaaren, während im wasserreichen Jahr 2013 die bisherige Rekordzahl von 148 Brutpaaren erreicht wurde. Im Einklang mit diesem Bestandszuwachs stehen auch die hohen Bestandszahlen, die in den letzten Jahren bei den sommerlichen Zählungen im Seewinkel ermittelt wurden: 428 Exemplare am 8.8.2011, 463 am 20.7. und 503 am 2.8.2013 als bisheriges Maximum sowie 498 am 2.8.2014. Gleichzeitig kam es auch zu einer kleinräumigen Expansion zum Westufer des Neusiedler Sees, wo in den Jahren 2011 und 2012 bei Mörbisch, Rust und Oggau, Brutvorkommen von jeweils ein bis vier Paaren in landseitigen, beweideten Bereichen bestanden.

Bedeutung des Vorkommens

Das einzige regelmäßig besetzte Brutvorkommen Österreichs liegt im Neusiedler See Gebiet. Der Stelzenläufer-Bestand im Neusiedler See Gebiet überstieg in den Jahren 2009 - 2014 mehrfach das 1 %-Kriterium für internationale Bedeutung, das bei der auf 50.000 Exemplare geschätzten Population Zentral- und Osteuropas bei 500 Individuen liegt.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Mit der Etablierung der Art als häufiger Brutvogel, sind auch die Beobachtungsmöglichkeiten sehr zahlreich und Stelzenläufer an vielen Stellen im Seewinkel auffällig und leicht zu finden. Sehr gut sind Stelzenläufer immer am Südufer des Illmitzer Zicksees zu sehen, hier sind im Juni und Juli oft Junge führende Paare aus nächster Nähe zu beobachten. Relativ nahe ist die Art auch oft vom Güterweg Illmitz – Sandeck im Gebiet der so genannten Wasserstätten, zu sehen. Größere Brutkolonien konnten in den letzten Jahren auch immer wieder vom Hochstand an der Graurinderkoppel aus festgestellt werden, mit einem Fernrohr kann man hier sozusagen einen ungestörten Blick in die Kinderstube machen.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Der Verlust an geeigneten Feuchthabitaten, ausgelöst durch Eingriffe in den Wasserhaushalt mit nachfolgender Trockenlegung, ist zwar prinzipiell der wichtigste Gefährdungsfaktor für eine auf Feuchtgebiete angewiesene Limikolenart wie den Stelzenläufer, ist aber derzeit im Neusiedler See Gebiet aufgrund des Schutzstatus großer Teile des Stelzenläufer-Lebensraumes im Nationalpark nicht wirksam. Die Lebensraumverbesserungen durch die Beweidung in den landseitigen Verlandungsbereichen des Sees wiegen derzeit allfällige negative Effekte durch die Zerstörung von kleinräumigen Feuchtlebensräumen bei weitem auf.

Langfristig ist die Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes der verbliebenen Salzlacken eine zentrale Maßnahme für Stelzenläufer im Seewinkel, dazu zählt auch die Renaturierung von degradierten Salzlacken. Im gesamten Neusiedler See Gebiet sollte eine möglichst große Amplitude an Wasserständen gegeben sein. Die Beweidung im Seerandbereich sollte im bisherigen Ausmaß weiter geführt werden. Die Einrichtung weiterer Weideflächen an geeigneten Stellen am West- und Nordufer des Neusiedler Sees ist vorzusehen.

Weiterführende Literatur

Dvorak, M. (1992): Erfolgreiche Brut des Stelzenläufers (Himantopus himantopus) im Seewinkel. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 3/4: 18-19.

Dvorak, M. & A. Ranner (2012): Neue Brutvorkommen von Stelzenläufer (Himantopus himantopus) und Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta) am Westufer des Neusiedler Sees in den Jahren 2011 und 2012. Vogelkundl. Nachr. Ostösterreich 23: 11-13.

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Grüll, A. (1982): Ein neuer Brutnachweis und die früheren Vorkommen des Stelzenläufers (Himantopus himantopus) im Neusiedlerseegebiet. Egretta 25: 13-16.

Kohler, B. (1991): Zum Auftreten des Stelzenläufers (Himantopus himantopus) im Neusiedlerseegebiet 1982-1990. Vogelkundl. Nachr. aus Ostösterreich 2/2: 13-14.

Kohler, B. & G. Rauer (2009): Bestandsgrößen und räumliche Verteilung durchziehender Limikolen im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel in den Jahren 1995-2001. Egretta 50: 14-50.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Laber, J. A. Pellinger (2014): Der Stelzenläufer, Himantopus himantopus (Linnaeus 1758) im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel. Egretta 53: 2-9.