Teichrohrsänger

Acrocephalus scirpaceus

Der Neusiedler See beherbergt den mit Abstand größten Brutbestand in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels um das vermutlich größte Einzelvorkommen in. Als Beobachtungsplätze sind Wege entlang von Dämmen im Schilf empfehlenswert, so zum Beispiel in Purbach oder auch die Straße zum Illmitzer Seebad. Oft ist es aber nur möglich den Teichrohrsänger zu hören.

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Merkmale

Der Teichrohrsänger ist eine sehr unauffällige Art, ein so genannter „little brown Job“, wie die englischen Birdwatcher sagen. Seine Oberseite ist braun, seine Unterseite gelblichweiß. Er hat eine weißliche Kehle, einen spitzen Schnabel und graubraune Beine. Die kurzen, unauffälligen Rufe klingen wie „tscharr“ und „tschak“. Der Gesang ist eine monotone, sehr lange Aneinanderreihung dieser Elemente. Nach dem Aussehen ist der Teichrohrsänger im Feld kaum vom Sumpfrohrsänger zu unterscheiden, allerdings haben die zwei Arten sehr unterschiedliche Gesänge.

Lebensräume

Der Teichrohrsänger besiedelt die Verlandungszonen stehender und langsam fließender Gewässer und brütet hier in dichten, überschwemmten Schilfbeständen. Frisch geschnittene oder gebrannte Schilfflächen sind im ersten und eingeschränkt auch im zweiten Jahr aufgrund ihrer, im Vergleich zu älteren Beständen geringeren Halmdichte, kaum zur Nestanlage geeignet und werden daher in der Regel nicht oder nur in geringer Dichte besiedelt. Ansonsten besetzt der Teichrohrsänger aber im Vergleich zu den anderen schilfbrütenden Singvögeln das breiteste Spektrum unterschiedlicher Strukturen im Röhricht. Der Teichrohrsänger brütet auch in Röhrichten, in die verschiedene vertikale Hochstauden (z. B. BrennesseI, Weidenröschen, Wasserdost), oder Weidenbüsche eingestreut sind.

Verbreitung

Global und national

Das Areal des Teichrohrsängers umfasst weite Teile der westlichen und zentralen Paläarktis, wo er von der Wüstenzone bis an den Südrand der borealen Zone verbreitet ist. In Europa ist der Teichrohrsänger im ganzen Mittelmeerraum zu finden, in West-, Mittel und Osteuropa weit verbreitet und erreicht im Norden England, Südschweden, die Küsten der Ostsee und den Süden Finnlands. Der europäische Brutbestand wurde zu Beginn der 2000er Jahre auf 2.700.000 - 5.000.000 Paare geschätzt.

Wanderungen

Der Teichrohrsänger ist ein Weitstreckenzieher, der vorwiegend im östlichen und südöstlichen Afrika überwintert. Er trifft frühestens Anfang April an seinen Brutplätzen ein, die ersten Jungvögel wandern bereits Anfang Juli ab, der Wegzug setzt im August voll ein.

Bestand und Bestandsentwicklung im Neusiedler See Gebiet

Historische Daten

Im klaren Gegensatz zur heutigen Situation wurden Verbreitung und Häufigkeit Anfang der 1940er Jahre folgendermaßen zusammengefasst: „Der Teichrohrsänger, wie der Drosselrohrsänger Bewohner sowohl des Sees wie auch — in diesen aber ziemlich spärlich — einzelner Lacken des Seewinkels und der dritthäufigste der Rohrsänger, bleibt an Zahl jedoch noch erheblich hinter dem Drossel- und dem Schilfrohrsänger zurück“. Anfang der 1950er Jahre wurde die Art lapidar als „häufiger Brutvogel“ bezeichnet.

Aktuelle Erhebungen

Der Teichrohrsänger ist die mit Abstand häufigste Brutvogelart im Schilfgürtel des Neusiedler Sees, der in allen Teilen des Gebiets vorkommt. An den Lacken ist die Art allerdings nur sehr selten und kommt hier nur in Beständen vor, die im Wasser stehen. Möglicherweise spielt hier in den kleinflächigen Beständen, die Konkurrenz mit dem viel größeren Teichrohrsänger eine Rolle bei der Besiedelbarkeit bestimmter Flächen. In Altschilfflächen des Neusiedler Sees wurden bei Erhebungen in den 1980er und frühen 1990er Jahren, Dichten von 16,7, 17 und 28,5 Revieren/ha ermittelt, auf weniger optimalen (jüngeren) Flächen fanden sich fünf, sechs, fünf bzw. 9,4 Reviere/ha. 1995 wurde in einem 12,7 km² großen Schilfgebiet im Südteil des Sees ein Bestand von 5.014 Brutpaaren ermittelt, dies entsprach einer mittleren großflächigen Siedlungsdichte von 3,9 Brutpaaren/ha. Eine Hochrechnung anhand dieser Daten ergab für 1995 eine Bestandsschätzung von 20.500 - 42.000 Brutpaaren für den gesamten österreichischen Teil des Neusiedler Sees.

Weitere Kartierungen in den Jahren 2005 und 2006 ergaben durchschnittliche Dichten von 6,7 Revieren/ha am Ostufer und 7,3 Revieren/ha am Nord- und Westufer. Im Bereich der Kernzone des Nationalparks kam es zu einer Abnahme um ca. 20 % von 8,2 auf 6,7 Reviere/ha. Eine Hochrechnung mit den ermittelten Dichtewerten ergab eine Bestandsschätzung von 45.000 - 60.000 Brutpaaren. Dies entsprach im Vergleich zu 1995 allerdings keiner Zunahme, denn die damalige Schätzung wurde mit anderer Methode errechnet, die geringere Dichtewerte erbrachte.

Im Jahr 2012 wurde in der Kernzone des Nationalparks erneut eine Bestandserfassung durchgeführt. Die relative Dichte (singende Männchen/Punkt) lag 1995 bei 3,3, 2005 war sie leicht auf 3,0 gefallen und stieg 2012 wiederum auf 3,6 an. Man kann anhand der, in den Jahren 2005 und 2012 methodisch vergleichbaren Zahlen, von einer leichten Bestandszunahme in der Kernzone ausgehen. Ob diese Zunahme auch für den restlichen Schilfgürtel zutrifft, ist mangels entsprechender aktueller quantitativer Daten nicht bekannt. Der derzeitige Brutbestand des Schilfgürtels wird daher nach wie vor bei 45.000 - 60.000 Brutpaaren angesetzt.

Auf ungarischer Seite wurde im Jahr 2008 eine Untersuchung zu den Siedlungsdichten verschiedener Schilf-Singvögel durchgeführt. Die Siedlungsdichte des Teichrohrsängers lag hier zwischen 1,1 und 3,4 Revieren/ha und damit sehr deutlich unter den Zahlen, die auf österreichischer Seite erhobenen wurden. Dabei erscheint die Möglichkeit zu bestehen, dass es durch die angewandte Methodik (Linientaxierungen entlang von Dämmen) zu einer Überschätzung der Entdeckungswahrscheinlichkeit und damit zu einer Unterschätzung der Siedlungsdichte kam. Der Bestand in Ungarn wurde, auf diesen Dichtewerten basierend, auf rund 13.000 (9.500 - 16.000) Reviere hochgerechnet.

Bedeutung des Vorkommens

Der Neusiedler See beherbergt den mit Abstand größten Brutbestand in Österreich. Auch in internationalem Maßstab handelt es sich angesichts der Ausdehnung des Schilfgürtels um das vermutlich größte Einzelvorkommen in Mitteleuropa und auch europaweit betrachtet, muss es sich um eines der wichtigsten Brutgebiete der Art handeln.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Die besten Möglichkeiten, um schilfbewohnende Vogelarten zu beobachten, bestehen entlang der durch den Schilfgürtel führenden Seedämme. Im Gebiet des Nationalparks ist dabei die Straße zum Illmitzer Seebad besonders zu empfehlen, wo von den Begleitwegen der Fahrstraße aus relativ leicht Beobachtungen der Art gelingen sollten.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Der Teichrohrsänger kann geschnittene Schilfbestände im ersten Jahr nicht besiedeln, und meidet allzu lichte und niedrige Bestände weitgehend. Durch den Schilfschnitt oder andere Faktoren aufgelichtete Schilfbestände werden von der Art nicht besiedelt. Als hauptsächlicher Gefährdungsfaktor ist daher derzeit eine allfällige weitere Ausbreitung von nicht nachhaltiger Schilfnutzung zu nennen.

Es sollte eine Lenkung der Schilfbewirtschaftung durch die Ausweisung von Zonen unterschiedlicher Nutzung, inklusive der Einrichtung von großflächigen Altschilfreservaten erfolgen. Das Offenhalten von bestehenden Kanälen im Schilfgürtel ist notwendig, um die Vitalität des Schilfgürtels zu erhalten.

Weiterführende Literatur

Dvorak, M. E. Nemeth & A. Ranner (1993): Projektgruppe Schilf. Arbeitsgruppe Ornithologie. Endbericht über die Projektjahre 1990-1992. Bericht an die Arbeitsgemeinschaft Neusiedler See. 31 pp.

Dvorak, M., E. Nemeth, S. Tebbich, M. Rössler & K. Busse (1997): Verbreitung, Bestand und Habitatwahl schilfbewohnender Vogelarten in der Naturzone des Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel. Biol. Forschungsinstitut Burgenland - Bericht 86: 1-69.

Grüll, A. & E. Zwicker (1993): Zur Siedlungsdichte von Schilfsingvögeln (Acrocephalus und Locustella) am Neusiedlersee in Abhängigkeit vom Alter der Röhrichtbestände. Beih. Veröff. Naturschutz Landschaftspflege Bad.-Württ. 68: 159-171.

Laußmann, H. & B. Leisler (2001): The function of inter- and intraspecific territoriality in warblers of the genus Acrocephalus. Pp. 87-110 in Hoi, H. (Hrsg,): The ecology of reed birds. Biosystematics and Ecology Series No. 18. Austrian Academy of Sciences, Wien. 177 pp.

Leisler, B. (1981): Die ökologische Einnischung der mitteleuropäischen Rohrsänger. I. Habitattrennung. Vogelwarte 31: 45-74.

Vádaz, C., S. Mogyorósi, A. Pellinger, R. Aleksza, C. Biró (2011)_ Results of the breeding passerine census carried ut at the Hungarian part of Lake Fertő in 2008. Ornis Hungarica 19: 11-20.

Zwicker, E. & A. Grüll (1985): Über die jahreszeitliche Verteilung, Brutphänologie und nachbrutzeitlichen Wanderungen bei Schilfsingvögeln am Neusiedler See. Wiss. Arb. Burgenland Sonderband 72: 413-445.