Temminckstrandläufer

Calidris temminckii

Das Lackengebiet im Seewinkel hat daher als Rastplatz für den Temminckstrandläufer überregionale Bedeutung. Der Durchzug der Art im Seewinkel findet zum weitaus überwiegenden Teil in der ersten Maihälfte statt, gute Beobachtungsplätze sind danndas Südufer des Illmitzer Zicksees, das Nordufer des Oberen Stinkersees, der Westteil der Langen Lacke sowie in manchen Jahren auch die Neubruchlacke. 

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Merkmale

Der Temminckstrandläufer ist nur etwas größer als ein Spatz mit einem Gewicht von 20 bis 30 g. Die Art ähnelt dem Zwergstrandläufer, das Gefieder ist aber schlicht mit graubrauner Oberseite, braunem Kopf und einer weißen Unterseite. Durch den scharf abgesetzten braungrauen Brustlatz sieht der Temminckstrandläufer einem sehr klein geratenen Flussuferläufer ähnlich, lässt sich jedoch sofort anhand seines unterschiedlichen Verhaltens unterscheiden. Von anderen kleinen, in Europa regelmäßig auftretenden Strandläufern, ist die Art leicht anhand der gelblichen Beine zu unterscheiden. Temminckstrandläufer sind nicht so gesellig wie andere Strandläufer und bilden nur selten größere Gruppen. Ähnlich wie Bekassine und Bruchwasserläufer ist der Temminckstandläufer im Seewinkel an licht bewachsenen, deckungsreichen Flächen zu finden und daher oft gar nicht so leicht zu entdecken.

Lebensräume

Der Temminckstrandläufer ist ein Brutvogel der arktischen Tundra Eurasiens, sein Brutgebiet erstreckt sich aber nach Süden hin weit in die subarktische Zone und in die boreale Zone. Hier brütet die Art in Mooren, Sümpfen und Flussmündungen. Der Lebensraum  sind relativ trockene Flächen mit niedrigem Gebüsch. Der Temminckstrandläufer nistet meist in der Nähe von kleinen Buchten und Fjorden, Flussmündungen und Fließgewässern. Auf dem Durchzug ist er sowohl auf mehr oder weniger vegetationsfreien Flächen, als auch in schütter bewachsenen Zonen anzutreffen. Er meidet dabei nach Möglichkeit rein sandige Flächen und hält sich überwiegend in der Nähe von Deckung gebender Vegetation, auf den Schlickflächen geschützter Buchten und Flussmündungen sowie in Salzmarschen auf. Größere Ansammlungen von Temminckstrandläufern sind auch während der Zugzeiten ungewöhnlich. Ansammlungen von 150 bis 200 Vögeln, die an den wichtigen Rastplätzen in Mitteleuropa vorkommen können, sind bereits ungewöhnlich.

Verbreitung

Global und national

Das Brutareal erstreckt sich von Schottland über Norwegen bis in den Nordosten Sibiriens. Zu den Verbreitungsschwerpunkten gehört das Gebiet zwischen Jamal-  und Taimyr-Halbinsel. Der Temminckstrandläufer überwintert an mäßig bewachsenen Schlickufern von Binnengewässern oder an der Küste im Mittelmeerraum, weiters auch in Afrika südlich der Sahara und in Südasien. Der europäische Brutbestand beträgt zwischen 85.000 und 420.000 Brutpaaren. Der überwiegende Teil des europäischen Brutbestands brütet im europäischen Teil Russlands (75.000 bis 400.000 Brutpaare) und in Fennoskandinavien (9.500 bis 18.500 Brutpaare).

Wanderungen

Der Temminckstrandläufer ist ein ausgeprägter Langstreckenzieher. Die europäische Population zieht von ihren Brutplätzen in der nördlichen borealen und Tundrazone auf breiter Front durch Europa und über das Mittelmeer nach West- und Zentralafrika, wo vor allem die Binnengewässer Nigers, Nigerias und des Tschad-Beckens den Hauptüberwinterungsplatz darstellen. Sibirische Brutvögel ziehen hingegen in erster Linie über den Mittleren Osten nach Ostafrika. Der Zug durch das europäische Binnenland ist sehr unauffällig. Das Auftreten größere Trupps an den Rastplätzen ist die Ausnahme, Einzelvögel und kleine Trupps sind hingegen die Regel.

In Skandinavien brütende Vögel verlassen ihre Brutgebiete ab Mitte Juli bis in den späten August. Sie ziehen in südwestlicher oder südlicher Richtung über Europa und erreichen die Mittelmeerregion im September und frühen Oktober. Wiederfunde beringter Vögel belegen, dass die skandinavischen Vögel überwiegend in Westafrika überwintern, und dass es sich bei den gelegentlich, an der französischen Atlantikküste überwinternden Temminckstrandläufern, ebenfalls um skandinavische Brutvögel handelt. Die in Westsibirien brütenden Vögel überwintern dagegen überwiegend im Südwesten Asiens und Ostafrika.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Interessanterweise wird der Temminckstrandläufer in den zusammenfassenden Publikationen aus den frühen 1940er und 1950 Jahren nur als unregelmäßiger, beziehungsweise als zwar regelmäßiger, aber spärlicher Durchzügler mit maximal zwei bis vier Exemplaren bezeichnet.

Aktuelle Erhebungen

Der Frühjahrszug beginnt im Seewinkel Ende April. Der Großteil der Vögel zieht in einer lediglich zehntägigen Periode vom 5. - 15. Mai durch. Am Wegzug übersteigt der Altvogelzug, der Mitte Juli beginnt, Mitte August sein Maximum erreicht und um den 20. September ausklingt, den Jungvogelzug bei weitem. Der Temminckstrandläufer ist damit die einzige Strandläufer-Art bei der im Herbst der Altvogelzug überwiegt. Anfänglich befinden sich die Altvögel noch im (abgetragenen) Prachtkleid, später bereits im Ruhekleid, da sie im Laufe des Wegzuges ihr Kleingefieder mausern. Der viel schwächere Jungvogelzug, erreicht zur Monatswende August/September sein Maximum. Da die Zugdiagramme anderer Rastplätze Mitteleuropas stets zur Monatswende August/ September gipfeln, also zur Zeit des Jungvogelzuges, scheint der Seewinkel in Bezug auf den Altvogelzug eine Sonderstellung einzunehmen.

In den Jahren 1995 - 2001 wurden bei den systematischen Erfassungen im Frühjahr, Anfang Mai,  mehrfach Tagessummen von 50 - 110 Exemplaren erreicht. Der Altvogelzug im Hoch- und Spätsommer erbrachte damals Zahlen von 20 - 40 Exemplaren, während der Bestand an Jungvögeln zwischen Mitte August und Mitte September, zumeist unter zehn Vögeln lag und nur zweimal knapp darüber.

Im Rahmen der aktuellen Erfassungen in den Jahren 2011 - 2014 konnten die Maximalwerte der früheren Zählungen nicht mehr erreicht werden, lediglich Anfang Mai 2013 konnte mit 69 Temminckstrandläufern eine ähnliche Zahl ermittelt werden; die übrigen drei Jahre erbrachten jeweils Maxima von 35 - 40 Individuen. Auch die Herbstzahlen blieben in allen vier Jahren unter den früheren Werten, es wurden jeweils sechs bis 16 Altvögel und nur vereinzelt auch Jungvögel erfasst.

Bedeutung des Vorkommens

Das Neusiedler See Gebiet ist der zahlenmäßig wichtigste Rastplatz des Temminckstrandläufers in Österreich und daher von nationaler Bedeutung. Die Zahlen im Seewinkel liegen durchaus im Bereich der Maximalwerte größerer Limikolenrastplätze, wie z B. am Schwarzen Meer. Das Lackengebiet im Seewinkel hat daher als Rastplatz für den Temminckstrandläufer überregionale Bedeutung.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Traditionell gute Plätze, um Anfang bis Mitte Mai Temminckstandläufer zu sehen, sind das Südufer des Illmitzer Zicksees, das Nordufer des Oberen Stinkersees, der Westteil der Langen Lacke sowie in manchen Jahren auch die Neubruchlacke.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die Rastplätze im Seewinkel sind als Teil des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel vor negativen Eingriffen geschützt. Allerdings kam es in den letzten Jahrzehnten aufgrund des durch niedere Grundwasserstände verursachten „Lackensterbens“ zu einem nicht zu unterschätzenden Verlust an Rastmöglichkeiten für den Temminckstrandläufer und viele andere an Feuchtgebiete gebundene Vogelarten. Diese besonders niedrigen Grundwasserstände in den oft über mehrere Jahre hinweg andauernden Trockenphasen sind vermutlich im Wesentlichen auf Wasserentnahmen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen zurückzuführen.

Langfristig ist daher die Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes der verbliebenen Salzlacken eine zentrale Maßnahme für den Temminckstrandläufer und alle anderen durchziehenden Limikolen und Wasservögel im Seewinkel. Dazu zählt auch die Renaturierung von bereits degradierten Salzlacken. Im gesamten Neusiedler See Gebiet sollte eine möglichst große Amplitude an Wasserständen gegeben sein, um die kurzfristige Entstehung günstiger Rastmöglichkeiten zuzulassen.

Weiterführende Literatur

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des World-Wildlife-Fund-Reservates Seewinkel (III. Teil: Möwen- und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Kohler, B. & G. Rauer (2009): Bestandsgrößen und räumliche Verteilung durchziehender Limikolen im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel in den Jahren 1995-2001. Egretta 50: 14-50.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.