Weißbart-Seeschwalbe

Chlidonias hybrida

Nachdem die Weißbartseeschwalbe im Jahr 2009 erstmals erfolgreich im Neusiedler See Gebiet gebrütet hat kommt es jährlich zu erneuten Brutversuchen. Diese sind in trockenen Jahren (2012, 2014) aber in der Regel nicht erfolgreich. In Jahren mit höheren Wasserständen kommt es aber zur Ansiedlung größerer Kolonien. Das Neusiedler See Gebiet ist jedenfalls bisher der einzige Brutplatz der Weißbartseeschwalbe in Österreich.
mehr erfahren...

Merkmale

Im Prachtkleid sind Brust und Bauch der Weißbartseeschwalbe dunkelgrau und kontrastieren stark zu den weißen Wangen und Unterflügeldecken. Am Kopf befindet sich eine dunkle Kappe. Schnabel und Beine sind rot. Die Weißbartseeschwalbe kann bei oberflächlicher Betrachtung mit der Flussseeschwalbe verwechselt werden, allerdings unterscheiden sie der schwach gegabelte Schwanz und der graue Bürzel eindeutig. Im Schlichtkleid ist die Weißbartseeschwalbe einfarbig hellgrau, der Hinterkopf ist schwach dunkel gestrichelt und es fehlt ihr der, bei der Trauerseeschwalbe ausgebildete Brustseitenfleck. Im Jungenkleid ist vor allem die kräftig braun/grau geschuppte Oberseite auffällig, es besteht aber starke Verwechslungsgefahr mit der sehr ähnlich gefärbten jungen Weißflügelseeschwalbe.

Lebensräume

Weißbartseeschwalben besiedeln zur Brutzeit stehende oder langsam fließende Gewässer, an denen sich reichhaltige Bestände an schwimmenden Pflanzen finden. Sie brüten sowohl an Gewässern natürlichen Ursprungs als auch an Fischteichen und in Reisfeldern, sofern diese Verlandungsvegetation aufweisen. Die meisten Brutgebiete liegen im Tiefland, es sind offene, freie Wasserflächen in größerem Ausmaß vorhanden. Sie sind von oft von höheren Röhrichtbeständen umgeben, die offene Wasserfläche ist aber bestenfalls von schütterer Vegetation aus Binsen, Simsen, Rohrkolben oder einzeln stehenden Schilfhalmen bewachsen. Wichtig ist das Vorhandensein von ausgedehnten und mehr oder weniger geschlossenen Schwimmblattgesellschaften, denn die Nester werden entweder direkt auf diese schwimmenden Blätter gebaut oder in Bereiche, wo niedergeknickte Halme und Blätter von Schilf und anderen Pflanzen des Röhrichts einen dichten oberflächlichen Teppich bilden. Aufgrund ihrer sehr spezifischen Nistplatzansprüche brütet die Weißbartseeschwalbe oft an Stellen, wo höhere Vegetation durch weidendes Vieh niedergetrampelt oder ausgerissen wurde. Charakteristische Brutbiotope sind auch periodische Gewässer, an denen sich nach der Überflutung erst eine entsprechende Pioniervegetation entwickelt. Fischteiche werden zumeist im ersten Jahr nach ihrer Bespannung oder aber in Jahren des Trockenliegens bezogen, wenn Niederschläge die tiefsten Stellen auffüllen. Zur Nahrungssuche werden neben den Brutgewässern auch unter Wasser stehende Reisfelder, Fischteiche, Kanäle und seichte Entwässerungsgräben genutzt. Bisweilen jagt die Art auch über trockenem Land. Im Winterquartier ist die Weißbartseeschwalbe im Binnenland oft an größeren Seen zu finden, an der Küste hält sie sich vorwiegend an Deltas, Mangroven und Lagunen auf.

Verbreitung

Global und national

Das stark aufgesplitterte Brutareal der Weißbartseeschwalbe reicht vom Süden und Osten Europas über Zentralasien bis in den Fernen Osten, Südchina und Nordindien. Davon isoliert brütet die Unterart javanicus lokal in Australien. Die Unterarte delandii besiedelt Afrika südlich des Regenwaldgürtels. Das europäische Brutareal ist auf Süd- und Osteuropa beschränkt, die Art tritt überall nur als sehr lokaler Brutvogel auf. Die nördlichsten Brutplätze liegen im Nordwesten Frankreichs, in Nordpolen und in Litauen. Der europäische Brutbestand wurde Mitte der 1990er Jahre auf 35.000 - 52.000 Paare geschätzt. Die größten Bestände fanden sich in Russland mit 10.000 - 13.000 Paaren, in der Ukraine mit 8.000 - 9.000 Paaren, in Spanien mit 5.000 - 8.000 Paaren sowie in Rumänien (Donaudelta) mit 6.000 - 10.000 Paaren. Das Vorkommen der Art war in Europa immer schon sehr unstet, starke Fluktuationen und Einflüge mit kurzfristigen Brutansiedlungen in Mitteleuropa kamen schon in früherer Zeit vor. In den letzten Jahrzehnten breitet sich die Weißbart-Seeschwalbe im mitteleuropäischen Raum aus, begleitet von Bestandszunahmen in bestehenden Brutgebieten, wie z.B. in den 1980er Jahren in Ungarn und ab den 1990er Jahren in Polen Rumänien, Serbien und Kroatien. Im äußersten Norden des Areals siedelte sich die Art in Lettland neu an und im Nordosten Deutschlands etablierte sich die Weißbartseeschwalbe in den letzten Jahren seit 2002 in Vorpommern als Brutvogel und ist hier bei stark steigender Tendenz in den Jahren 2007 und 2008 mittlerweile regelmäßiger Brutvogel.

Wanderungen

Die Weißbartseeschwalbe ist ein Weitstreckenzieher. Die Brutvögel Südwesteuropas überwintern im tropischen Westafrika, diejenigen aus Osteuropa im Nildelta, sowie das Niltal entlang südwärts bis in den Sudan und Ostafrika. Der Beginn des Abzugs fällt auf Ende Juli, Altvögel verlassen die Brutgebiete vor den Jungvögeln. Dies drückt sich in Mitteleuropa durch zwei um ca. einen Monat versetzte Zuggipfel (Anfang August bzw. Anfang September) aus. Das Winterquartier wird im Oktober erreicht, die Vögel halten sich hier bis März/April auf. Der Heimzug setzt zwischen Mitte März und Anfang April ein. Die Brutplätze im südwestlichen Europa werden bereits wenige Tage später erreicht, diejenigen in Mittel- und Osteuropa allerdings erst viel später von Mitte April bis Mitte Mai. Im zentralen Europa setzt der (spärliche) Durchzug meist nicht vor der letzten Aprilwoche ein und erreicht seinen Gipfel in der zweiten und dritten Woche des Monats Mai.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Weißbartseeschwalbe offenbar nur eine Ausnahmeerscheinung im Neusiedler See Gebiet. In den drei Saisonen (1940 - 42) intensiver Beobachtungen im Gebiet konnte z.B. R. Zimmermann die Art nicht beobachten und auch in den Jahren 1951 - 53 gelang keine einzige Beobachtung im eigentlichen Neusiedler See Gebiet. Für die Mitte der 1960er Jahre wurde die Weißbartseeschwalbe als „regelmäßiger“ Durchzügler eingestuft, der allerdings nicht alljährlich zu beobachten sei. Zwischen 1966 und 1991 wurde die Art nicht alljährlich beobachtet, zu einer Häufung von Nachweisen kam es lediglich im Jahr 1977. Ab 1992 wurden Weißbartseeschwalben dann alljährlich festgestellt, allerdings in doch sehr stark schwankender Zahl mit Jahren in denen nur wenige Nachweise einzelner Vögel gelangen (z.B. 1994) und anderen Jahren mit überdurchschnittlich vielen Beobachtungen und relativ großen Trupps, z.B. in den Jahren 1992, 1996 und 1997. Zu einer gewissen Häufung von Meldungen kam es in den Jahren mit ausgesprochen hohen Frühjahrs-Wasserständen, wie z.B. 1977 und 1992. In den Jahren 1995 - 2000 mit den durchgehend hohen Wasserständen und dem Hochwasser im Jahr 1996 nahmen auch die Nachweise der Weißbartseeschwalbe sprunghaft zu. Die Hochwasserjahre 1996 und 1997 erbrachten einen außergewöhnlichen Einflug im Seewinkel, es kam sogar zur Ansiedlung brutwilliger Paare. 1996 baute ein Paar an einem Nest in der Nähe einer Lachmöwen-Kolonie im Westteil der Langen Lacke, gab dieses jedoch wieder auf. Anfang Juni hielten sich dann nicht weniger als 75 Exemplare im südlichen Seewinkel im Grenzgebiet zu Ungarn auf, einige davon bauten Nester und kopulierten; knapp auf ungarischer Seite etablierte sich dann eine Brutkolonie mit 44 Paaren. 1997 hielten sich bis Anfang Juni wiederum brutverdächtige Paare im Seewinkel auf.

Aktuelle Erhebungen

Wie in den 1990er Jahren wechselten sich bis 2008 Jahre mit schlechterem (2004 und 2005) und besserem (2001, 2006 und 2008) Auftreten ab. Im Jahr 2009 gelang im Seewinkel, an der Neufeldlacke der erste Nachweis einer erfolgreichen Brut der Weißbartseeschwalbe in Österreich. In der aus 40 - 50 Brutpaaren bestehenden Kolonie schlüpften mindestens 61 Pulli. Die nächsten erfolgreichen Bruten wurden 2011 ebenfalls an der Neufeldlacke beobachtet. Es siedelten sich rund 50 - 60 Paare, in einem schütteren Schilfbestand und teils auf Matten von fadenförmigen Grünalgen an. Es flogen mindestens 12 Jungvögel aus. Zwei weitere erfolgreiche Bruten gab es im Nordwestteil der Langen Lacke. Während es im Trockenjahr 2012 zu keinen Bruten auf österreichischer Seite kam, gab es im feuchten Frühjahr 2013 gleich zwei Brutkolonien an der Neufeldlacke und an der Apetloner Meierhoflacke. Ende Mai und Anfang Juni konnten auf der Neufeldlacke 84 - 88 Nester gezählt werden. In der zweiten Kolonie, auf der Apetloner Meierhoflacke konnten Ende Mai 35 Nester erfasst werden. An beiden Brutplätzen gab es einen guten Bruterfolg, Ende Juli konnten bei einer Synchronzählung im Seewinkel insgesamt 109 flügge Jungvögeln festgestellt werden. Im trockenen Jahr 2014 blieb der Brutplatz an der Neufeldlacke verwaist, und an der Apetloner Meierhoflacke gab es nur einen kurzfristigen Ansiedlungsversuch. Zumindest 21 Paare machten jedoch einen Brutversuch in einem überschwemmten Röhrichtbestand im Bereich der Martentaulacke bei Apetlon, ein Bruterfolg bleib jedoch aus.

Bedeutung des Vorkommens

Das Neusiedler See Gebiet ist der einzige Brutplatz der Weißbartseeschwalbe in Österreich.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Die Weißbartseeschwalben sind während der Brutzeit von den Wegen aus beim An- und Abflug von den Kolonien beobachtet werden und sind auch während der Nahrungssuche an den Lacken oder im Seevorgelände (z.B. an der Graurinderkoppel und an der Warmblutkoppel bei Illmitz) öfters gut zu sehen.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Seit 2009 ist die Weißbartseeschwalbe ein unsteter Brutvogel im Neusiedler Gebiet. Um Störungen am Brutplatz zu vermeiden (z. B. durch den Beweidungsbetrieb), ist es notwendig, im Zuge des Managementprogramms weiterhin jährlich Kontrollen durchzuführen um gegebenenfalls  kurzfristige Schutzmaßnahmen setzten zu können.

Weiterführende Literatur

Dvorak, M., B. Wendelin & A. Pellinger (2011): Die Weißbartseeschwalbe, Chlidonias hybridus (Pallas 1811) im österreichisch-ungarischen Neusiedler See-Gebiet - erster Brutnachweis für Österreich im Jahr 2009. Egretta 51: 51- 59.