Zwergmöwe

Larus minutus

Die Zwergmöwe ist ein Brutvogel nordischer Gebiete, der südliche Rand des Brutareals liegt in Nordost-Polen und in Weißrussland. Die Überwinterungsgebiete der Art liegen unter andrem im Mittelmeergebiet. Das Neusiedler See Gebiet ist für die Zwergmöwe ein bedeutender Binnenrastplatz mit einem stärkeren Auftreten im Frühjahr.
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Merkmale

Zwergmöwen im Brutkleid haben eine bis zum Hals herunter reichende schwarze Haube. Der Rücken und die Oberseite der Flügel sind hellgrau, der übrige Rumpf und der Schwanz sind weiß. Die Unterseite kann eine zartrosa Tönung aufweisen. Die Schwingen sind oberseits hellgrau, auf der Unterseite auffällig schwarzgrau und zeigen ein schmales weißes Endband. Der Schnabel ist dunkel rötlichbraun und wirkt auf Entfernung schwarz. Die Iris ist dunkel, die Beine sind mattrot. Im Schlichtkleid ist der Kopf überwiegend weiß und zeigt nur einen schwarzen Ohrfleck sowie einen schwärzlichen Oberkopf. Der Schnabel ist schwarz, die Beine sind blassrosa. Im Flug erinnert die Zwergmöwe an eine Seeschwalbe, denn sie fliegt mit ständigen Flügelschlägen im hüpfend wirkenden Suchflug dicht über der Wasseroberfläche.

Lebensräume

Die Zwergmöwe brütet vorwiegend im Binnenland an eutrophen Flachseen (Süß- oder Brackwasser), seltener auch an tieferen, meso- oder oligotrophen Gewässern, an Fischteichen, Altwassern, Flussschleifen oder in feuchten Wiesen; selten brütet die Art auch an Küstenlagunen. Wichtig für Koloniestandorte sind, mindestens zu Brutzeitbeginn, offene Wasserflächen, für Bodenfeinde schwer zugängliche Uferstrukturen, oder Inseln und eine als Neststandort geeignete Schwimm- oder Ufervegetation. Die Zwergmöwe schließt sich regelmäßig Kolonien von Lachmöwen oder Seeschwalben an.

Im Winter lebt die Zwergmöwe vorwiegend semipelagisch in plankton- und fischreichen flachen Meeren. Sie schläft dann teils auf dem offenen Meer, ist aber auch in Küstennähe im Bereich von Flussmündungen und Sandstränden zu finden. Auf dem Zug tritt die Zwergmöwe an vielen größeren Binnengewässern und in Flusslandschaften auf.

Verbreitung

Global und national

Die Zwergmöwe besiedelt ein ausgedehntes Areal vom nördlichen Skandinavien und dem Baltikum über den Westen Russlands nach West- und Ostsibirien, in Nordamerika brütet sie auch im Gebiet der Großen Seen. Das europäische Teilareal beginnt im nordöstlichen Schweden und Nordostpolen und reicht über Mittel- und Südfinnland, das Baltikum, Russland und Weißrussland ostwärts bis zum Ural. Die Nordgrenze verläuft in Russland etwa vom Ladogasee zum Ural. Die Südgrenze verläuft etwa auf Höhe von Moskau und etwas südlich davon, wobei zerstreute Vorkommen noch weiter südlich reichen. Die Brutvorkommen in Mitteleuropa liegen sehr zerstreut und sind meist recht instabil. Da die Art vielerorts in größeren Zahlen übersommert, kommt es immer wieder zu Brutversuchen und Neuansiedlungen. In kleineren Zahlen brütet die Zwergmöwe in Südostschweden und Dänemark, seit den 1980er Jahren in den Niederlanden und Deutschland sowie seit den 1990er Jahren in Norwegen. Die europäische Brutpopulation umfasste 2004 24.000 - 58.000 Brutpaare, die sich auf den Nordosten Europas konzentrieren, besonders auf Russland, Finnland, Weißrussland und Estland. Die Brutpopulationen waren in den Jahren 1990 - 2000 überall gleichbleibend bis leicht zunehmend.

Wanderungen

Die Zwergmöwe überwintert an den Küsten Westeuropas, des Mittelmeergebietes, auf dem Kaspischen Meer sowie im Norden des Roten Meeres und des Persischen Golfes. In milden Wintern überwintern mehrere tausend Zwergmöwen an der holländischen und deutschen Nordseeküste.  Der Abzug aus den Brutgebieten erfolgt ab Juli. In Mitteleuropa ist der stärkste Durchzug Ende August bis Anfang September zu verzeichnen. Letzte Durchzügler werden meist im Oktober, selten auch noch im November beobachtet. Der Wegzug erfolgt in breiter Front nach Südwest bis West-Südwest entlang der Küsten, aber auch durch das europäische Binnenland. Der Heimzug durch Mitteleuropa beginnt im März und erreicht seinen Höhepunkt Ende April bis Anfang Mai.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

Aus dem 19. Jahrhundert konnte R. Zimmermann nur wenige Beobachtungen in der älteren Literatur ausfindig machen. Er selbst konnte 1940 am Frühjahrszug bis zu 120 Exemplare feststellen, eine Zahl die allerdings 1941 und 1942 bei weitem nicht mehr erreicht wurde. In den frühen 1950er Jahren war die Art ein spärlicher Durchzügler, es gelangen 1951 - 1953 nur sieben Beobachtungen von jeweils 1 - 2 Exemplaren. In den 1960er Jahren war die Zwergmöwe ein regelmäßiger Durchzügler mit Maxima von 150 - 170 Exemplaren im Frühjahr, sowie maximal 20 im Herbst.

Aktuelle Erhebungen

Eine Auswertung von Daten, die in den Jahren 1966 - 1992 gesammelt wurden zeigte, dass das Neusiedler See Gebiet für die Zwergmöwe ein bedeutender Binnenrastplatz ist, mit einem viel stärkeren, massierten Auftreten im Frühjahr. Der Zug kulminiert um die Monatswende April/Mai. Ansammlungen von 50 - 100 Exemplaren waren in den 1980er und 1990er Jahren alljährlich zu sehen, in manchen Jahren tauchten auch größere Trupps zwischen 100 und 250 Individuen auf und ausnahmsweise auch größere Gruppen: Eine Sonderstellung nimmt dabei das Jahr 1997 ein, am Illmitzer Zicksee wurden in diesem Jahr mehrfach 600 - 1.150 Exemplare gezählt. Solche Zahlen wurden ansonsten nur noch ein einziges Mal im Jahr 1979 gemeldet. Während der Durchzug der Altvögel Mitte Mai im Wesentlichen abgeschlossen ist, werden einjährige Vögel regelmäßig, teils auch in größeren Trupps durchgehend von Ende Mai bis Mitte Juli beobachtet. Der Durchzug von Jungvögeln setzt erst Anfang August ein. Der Herbstzug gipfelt Ende August/Anfang September, einzelne Zwergmöwen besuchen das Gebiet jedoch den ganzen November hindurch mit den letzten gemeldeten Nachweisen aus der ersten Hälfte des Dezembers.

In den trockenen Jahren 2000 - 2005 wurde die Zwergmöwe wieder zum eher spärlichen Durchzügler, Trupps von über 10 Vögeln waren in diesen Jahren eine große Seltenheit, die Maxima der Truppgrößen lagen bei 15 und 18 Exemplaren. Erst 2006 gelangten wieder größere Zahlen ins Gebiet (bis zu 129 Ex.), ohne dass die Wasserstände an den meisten Lacken im Mai wesentlich höher gewesen wären als in den Vorjahren. Ein ähnliches Muster von jahresweise stark schwankenden Zahlen an Durchzüglern ergaben auch alle weiteren Erfassungen seit 2006. Sehr starken Jahren, wie z. B. 2008 und 2014 mit Maxima von 400 - 500, folgten schwache Jahre wie 2007 und 2010 - 2013 mit Maxima, die 50 Individuen nicht überschritten. Einzig 2009 kann in diesem Zeitraum mit maximal 230 Zwergmöwen als „durchschnittliches“ Jahr bezeichnet werden.

Bedeutung des Vorkommens

Das Neusiedler See Gebiet ist der wichtigste Rastplatz der Zwergmöwe in Österreich und daher von nationaler Bedeutung.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Die wichtigsten Rastplätze in Bezug auf Truppgröße und Frequenz der Nutzung sind (in abnehmender Rangfolge) Illmitzer Zicksee, Lange Lacke, Oberer Stinkersee, St. Andräer Zicksee, Obere Halbjochlacke, Darscho, Westliche und Östliche Wörthenlacke sowie Unterer Stinkersee. Von diesen Gewässern stammen mehr als 90% aller Zwergmöwen Beobachtungen.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die Rastplätze im Seewinkel sind als Teil des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel vor negativen Eingriffen geschützt. Allerdings kam es in den letzten Jahrzehnten aufgrund des durch niedere Grundwasserstände verursachten „Lackensterbens“ zu einem nicht zu unterschätzenden Verlust an Rastmöglichkeiten für die Zwergmöwe und viele andere an Feuchtgebiete gebundene Vogelarten. Diese besonders niedrigen Grundwasserstände in den oft über mehrere Jahre hinweg andauernden Trockenphasen sind vermutlich im Wesentlichen auf Wasserentnahmen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen zurückzuführen.

Langfristig ist daher die Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes der verbliebenen Salzlacken eine zentrale Maßnahme für die Zwergmöwe und alle anderen durchziehenden Wasservögel im Seewinkel. Dazu zählt auch die Renaturierung von bereits degradierten Salzlacken. Im gesamten Neusiedler See-Gebiet sollte eine möglichst große Amplitude an Wasserständen gegeben sein, um die kurzfristige Entstehung günstiger Rastmöglichkeiten zuzulassen.

Weiterführende Literatur

Bauer, K., H. Freundl & R. Lugitsch (1955): Weitere Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedlersee-Gebietes. Wiss. Arb. Burgenland 7: 1-123.

Dvorak, M. (1994): Möwen und Seeschwalben. Pp. 177-194 in G. Dick, M. Dvorak, A. Grüll, B. Kohler & G. Rauer: Vogelparadies mit Zukunft?. Ramsar-Bericht 3 Neusiedler See - Seewinkel. Umweltbundesamt, Wien. 356 pp.

Festetics, A. & B. Leisler (1970): Ökologische Probleme der Vögel des Neusiedlersee-Gebietes, besonders des WorldWildlife- Fund-Reservates Seewinkel. (III. Teil: Möwen und Watvögel, IV. Teil: Sumpf- und Feldvögel). Wiss. Arb. Burgenland 44: 301-386.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.