Zwergstrandläufer

Calidris minuta

Der Zwergstrandläufer ist ein Brutvogel hocharktischer Gebiete der im Seewinkel am Herbstzug in die Winterquartiere zahlreicher an den Seewinkellacken Rast macht als am Frühjahrszug. In den meisten Jahren sind – je nach Wasserstand – der Obere Stinkersee, der Illmitzer Zicksee, die Neubruchlacke, die Obere Hölllacke, die Lange Lacke und die Östliche Wörthenlacke sowie die Graurinderkoppel und die Warmblutkoppel die besten Gebiete um Zwergstrandläufer zu beobachten.

mehr erfahren...

Merkmale

Das Prachtkleid des adulten Zwergstrandläufers, wird seinem Namen voll gerecht: Die Vögel haben an der Oberseite und in der Kopf-, Hals- und Brustregion ein kräftig rostrot gezeichnetes Gefieder, mit feiner schwarzer Strichelung, das sie bereits aus großer Entfernung viel bunter aussehen lässt als die in etwa zur gleichen Zeit im Seewinkel durchziehenden Temminckstrandläufer. Die Unterseite ist weiß, die Beine sind schwarz.

Der Großteil aller Zwergstrandläufer, die im Seewinkel beobachtet werden können, trägt allerdings das Jungendkleid. Hier haben wir ein völlig anderes Gefieder vor uns, die Vögel wirken mit der weitgehend zeichnungslosen weiß-beige Unterseite, dem hellen Kopf mit einer undeutlichen Zeichnung und dem beige-grau-schwärzlichen Gefieder auf der Oberseite, insgesamt sehr hell und stechen als kleine weißliche Limikolen heraus.

Lebensräume

Der Zwergstrandläufer besiedelt feuchte Stellen an der Küste der Arktis und Subarktis. Die eigentlichen Brutplätze liegen in der Nähe von Süßwassertümpeln. Während des Zuges und im Winter hält er sich bevorzugt auf vegetationslosen Schlick-, Sand- und Schlammflächen an der Küste und an Binnengewässern auf.

Verbreitung

Global und national

Der Zwergstrandläufer brütet in den küstennahen Tundrengebieten des westlichen und zentralen Sibiriens. In Europa erreicht ein Ausläufer des Brutareals das nördliche Skandinavien. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt auf der Taymyr-Halbinsel. Das Winterquartier des Zwergstrandläufers liegt im Mittelmeerraum, in Vorderasien. Der Großteil der Vögel überwintert in Zentral- und Südafrika. In sehr kleiner Zahl gibt es auch Überwinterer an der Nordsee.

Wanderungen

Die Zwergstrandläufer, die Europa überqueren und ihre Überwinterungsplätze am Schwarzen Meer, im Mittelmeerraum und in Nord- und Westafrika haben, sind vermutlich überwiegend europäische Brutvögel, das Einzugsgebiet reicht im Nordosten wohl zumindest bis zur Jamal-Halbinsel. Die in der Kaspischen Tiefebene, im Nahen Osten und Ost- sowie Südafrika überwinternden Zwergstrandläufer, sind vermutlich westsibirische Brutvögel. Diese Population ist zahlenmäßig etwa fünfmal stärker als die europäische. Die europäische Brutpopulation zieht in breiter Front über Europa, um am Mittelmeer, in Nordafrika bzw. in Nordwestafrika bis Guinea zu überwintern.

Die Trennlinie zwischen den beiden Zugpopulationen ist jedenfalls nicht besonders scharf, was auch aufgrund der geringen Ortstreue nicht zu erwarten ist. Die im Seewinkel durchziehenden Zwergstrandläufer dürften größtenteils von der Jamal-Halbinsel und aus dem europäischen Russland kommen.

Der Breitfrontzug über das östliche Europa macht den Zwergstrandläufer zur Charakterart des Black Sea/Mediterranean Flyway, mit großen Konzentrationen rastender Vögel am Schwarzen Meer und am östlichen Mittelmeer. Im Gegensatz zu weiter östlich gelegenen Gebieten überwiegt jedoch im Seewinkel der Herbstzug, was sich durch den ausgeprägten Schleifenzug Zwergstrandläufer erklärt. Dieser Schleifenzug führt die Vögel im Herbst in breiter Front auch über Mittel- und Westeuropa, am Heimzug jedoch gebündelter auf direkterem, östlicherem Weg über das Schwarze Meer. So sind am Schwarzen Meer die Zahlen am Heimzug etwa dreimal stärker als am Wegzug.

Bestand und Bestandsentwicklung am Neusiedler See

Historische Daten

In den frühen 1940er Jahren wurde die Art als „ regelmäßiger Durchzügler im Gebiet“ bezeichnet „der von Mitte Mai bis erstes Drittel des Juni und im Herbst (besonders im September) beobachtet wird“. Die Zahlen, die berichtet werden, sind allerdings im Vergleich zu den heutigen Verhältnissen recht gering. Auch in den frühen 1950er Jahren wurde der Zwergstrandläufer als „nicht allzu seltener Durchzügler“ eingestuft, allerdings wurden auch damals nur kleine Trupps, von immer unter zehn Exemplaren festgestellt. Mit der heutigen Situation weitgehend identische Zahlen und Zugperioden ergaben erst die Auswertungen der Beobachtungen aus den 1960er Jahren mit herbstlichen Jungvogel-Maxima von 50 - 200 Exemplaren.

Aktuelle Erhebungen

Am Frühjahrszug werden in manchen Jahren Einzelexemplare schon Ende März/Anfang April festgestellt, vor Mai gibt es aber keinen zahlenmäßig nennenswerten Durchzug. Der Zuggipfel fällt wie bei den anderen hocharktischen Arten auf das Ende der zweiten Mai-Dekade. Der schwache Altvogeldurchzug ist vor allem Anfang August bemerkbar, die vereinzelt noch bis in den Oktober durchziehenden Altvögel gehen jedoch in der Masse der Jungvögel ab September unter. Am Heimzug wurden in den Jahren 1995 - 2001 im Schnitt 20 - 50 Exemplare gezählt, der Anfang September einsetzende Jungvogelzug, brachte in diesen Jahren mehrfach Summen von über 500 Zwergstrandläufern in den Seewinkel, mit Maxima von 560, 722 und 957 Individuen. Ansonsten lagen die durchschnittlichen Zahlen bei 100 - 200 Exemplaren.

Die in den Jahren 2011 - 2014 wiederholten, systematischen Erfassungen erbrachten bisher in allen vier Jahren einen sehr viel schwächeren Durchzug. Die Zahlen an Heimzüglern erreichten nur 21, 11, 12 und fünf  Exemplare, am Herbstzug im September wurden stark unterdurchschnittliche 75, 34, 51 und 131 Individuen gezählt; zumindest letztere Zahl lag noch im Schnitt der ersten Zählperiode.

Bedeutung des Vorkommens

Der Seewinkel ist der mit Abstand beste Rastplatz für die Art in Österreich.

Zeitliches Auftreten und Beobachtungsmöglichkeiten im Nationalpark

Wo im Sommer und im Herbst die besten Bedingungen für den Strandläufer-Durchzug herrschen, hängt stark von den jeweils lokalen Wasserstandsverhältnissen ab. Gute Beobachtungsgebiete sind in den meisten Jahren diejenigen Lacken, die offene, vegetationsarme Schlick- und Schlammufer in größerem Umfang aufweisen: In den letzten Jahren waren Oberer Stinkersee, Illmitzer Zicksee, Neubruchlacke, Fuchslochlacke, Obere Hölllacke, Lange Lacke und Östliche Wörthenlacke sowie die Graurinderkoppel und die Warmblutkoppel die besten Gebiete für den Zwergstrandläufer.

Gefährdung - Schutz/Maßnahmen

Die Rastplätze im Seewinkel sind als Teil des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel vor negativen Eingriffen geschützt. Allerdings kam es in den letzten Jahrzehnten aufgrund des durch niedere Grundwasserstände verursachten „Lackensterbens“ zu einem nicht zu unterschätzenden Verlust an Rastmöglichkeiten für den Zwergstrandläufer und viele andere an die Lacken gebundene Vogelarten. Diese besonders niedrigen Grundwasserstände in den oft über mehrere Jahre hinweg andauernden Trockenphasen sind vermutlich im Wesentlichen durch Wasserentnahmen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Kulturen bedingt.

Langfristig ist daher die Sicherstellung eines günstigen Erhaltungszustandes der verbliebenen Salzlacken eine zentrale Maßnahme für den Zwergstrandläufer und alle anderen durchziehenden Limikolen und Wasservögel im Seewinkel. Dazu zählt auch die Renaturierung von bereits degradierten Salzlacken. Im gesamten Neusiedler See Gebiet sollte eine möglichst große Amplitude an Wasserständen gegeben sein, um die kurzfristige Entstehung günstiger Rastmöglichkeiten zuzulassen.

Weiterführende Literatur

Kohler, B. & G. Rauer (2009): Bestandsgrößen und räumliche Verteilung durchziehender Limikolen im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel in den Jahren 1995-2001. Egretta 50: 14-50.

Laber, J. (2003): Die Limikolen des österreichisch/ungarischen Seewinkels. Egretta 46: 1-91.

Winkler, H. & B. Herzig-Straschil (1981): Die Phänologie der Limikolen im Seewinkel (Burgenland) in den Jahren 1963 bis 1972. Egretta 24: 47-69.

Zimmermann, R. (1943): Beiträge zur Kenntnis der Vogelwelt des Neusiedler Seegebiets. Ann. Naturhistor. Mus. Wien 54/1: 1-272.